Von Gerald Braunberger
16. Dezember 2007 Der nur mühsam verhinderte Zusammenbruch der Sachsen LB und die Malaisen der West LB verdeutlichen, dass sich das Modell der deutschen Landesbank in einer Krise befindet. Die Ansichten über die Zukunft der Landesbanken gehen je nach Interessenlage auseinander. Die Landesbanken selbst und ihre Eigentümer, die Bundesländer und die Sparkassen, wollen das traditionelle Modell im Grundsatz erhalten. Die Kritiker der Landesbanken, zu denen vor allem die privaten Banken gehören, wünschen sich - auch aus Eigeninteresse - die Privatisierung der ungeliebten Konkurrenten.
Landesbanken vereinen traditionell zwei sehr verschiedene Aufgaben für zwei sehr verschiedene Eigentümer. Sie dienen zum einen ihren Bundesländern als Hausbanken, in deren Auftrag sie zum Beispiel Förderkredite für die regionale Wirtschaft vergeben. Vor allem in der Vergangenheit wurden sie von Landesregierungen zudem für industriepolitische Zwecke eingesetzt; etwa durch den Erwerb von Beteiligungen an Industriekonzernen. Auf diese Weise wurde der Vorstandsvorsitzende der West LB von 1981 bis 2001, Friedel Neuber, zu einem der einflussreichsten deutschen Bankmanager. In enger Zusammenarbeit mit dem damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau betrieb der Sozialdemokrat Neuber mit seiner Bank Industrie- und Strukturpolitik.
Dachbanken der Sparkassen
Gleichzeitig sind die Landesbanken aber auch die Dachbanken der Sparkassen ("Girozentralen"). So legen sie zum Beispiel Geld an, für das die Sparkassen selbst keine günstige Verwendung haben; daneben umwerben sie Mittelständler und Konzerne, die für die Sparkassen als Kunden zu groß wären.
Seit den siebziger Jahren suchten die Landesbanken die Konkurrenz mit den privaten und den Genossenschaftsbanken, um in deren Reviere einzudringen. Eine Vorreiterrolle spielte dabei der Vorstandsvorsitzende der West LB von 1969 bis 1977, Ludwig Poullain. Viele Landesbanken wuchsen damals vor allem im Kreditgeschäft sehr schnell, da sie (bis vor wenigen Jahren) von einer Haftung der Bundesländer für ihre Geschäfte profitierten (Gewährträgerhaftung). Damit waren aus der Sicht von Geldgebern Landesbanken so sicher wie der Staat, was es ihnen erlaubte, zu sehr niedrigen Zinssätzen - und zwar zu niedrigeren als die meisten privaten Banken - Geld aufzunehmen. Landesbanken besorgen sich unter anderem durch die Ausgabe von Pfandbriefen Geld.
Die Landesbanken erhielten aber nicht nur billiges Geld, sie konnten es auch sehr billig verleihen, da sie, anders als private Banken ihren Eigentümern keine hohen Gewinne versprechen mussten. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Dies erlaubt den Landesbanken, von ihren Kunden niedrigere Kreditzinsen zu verlangen als viele Konkurrenten. Kein Wunder, dass viele Landesbanken zwar schnell wuchsen und in Einzelfällen beeindruckende Größen erreichten, aber gleichzeitig nicht viel Geld verdienten.
Fall der Gewährträgerhaftung
Der Zugang zu billigem Geld, der Rückhalt durch ehrgeizige Politiker und die Suche nach attraktiven Geschäften ließ mehrere Landesbanken in der Vergangenheit den Sinn für die Bodenhaftung verlieren. In den siebziger und achtziger Jahren zog es sie an die großen Finanzplätze rund um den Globus. Am ehrgeizigsten war wie üblich die West LB, die 1996 die britische Investmentbank Panmure erwarb und vorübergehend etwa 4000 Mitarbeiter in London beschäftigte. Das Abenteuer endete mit einem Verlust von fast 500 Millionen Euro und dem Entschluss, sich aus dem internationalen Investmentbanking weitgehend zurückzuziehen. Seitdem ist die West LB nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Zu Beginn des Jahrzehnts kündigte sich weiteres Unheil für die Landesbanken an, weil die privaten Banken gegen die aus ihrer Sicht wettbewerbsverzerrende Gewährträgerhaftung ihrer Konkurrenz vorgingen und sich damit durchsetzten. Seit 2005 existiert diese Gewährträgerhaftung nicht mehr, was bedeutet, dass sich die Geldgeber der Landesbanken nicht mehr auf den finanziellen Schutzschirm der Bundesländer verlassen können. Dies hatte zur Folge, dass sich die Landesbanken seitdem nicht mehr so billig wie früher Geld besorgen können, sondern mehr zahlen müssen. Dies aber reduziert ihre Gewinnmargen im Kreditgeschäft.
Engagement am amerikanischen Immobilienmarkt
Daher kamen einzelne Landesbanken wiederum auf die Idee, anderswo nach lukrativen Geschäften Ausschau zu halten, was im Fall der Sachsen LB zu einem überdimensionierten und offenbar nicht richtig verstandenen Engagement am amerikanischen Immobilienmarkt führte, das der Bank nun den Boden unter ihren Füßen wegzieht. Auch ansonsten sind zumindest die größeren Landesbanken weiterhin im Ausland aktiv; sei es durch Kreditgeschäfte, sei es durch Beteiligungen. So hat die Bayern LB eine Mehrheit an der Hypo-Alpe-Adria-Bank in Klagenfurt erworben, mit der sie ihre Präsenz in den mittel- und osteuropäischen Märkten vergrößern will. Die Nord LB ist unter anderem in Polen, Litauen. Lettland und in Skandinavien aktiv.
Dennoch ist den Landesbanken und ihren Eigentümern in den vergangenen Jahren nicht verborgen geblieben, dass sich ihre Existenzgrundlage zum Nachteil verändert hat. Seit dem Wegfall der Gewährträgerhaftung besitzen sie keinen Zugang mehr zu sehr billigem Geld, und überdies sind in ihrem Kerngeschäft, der Kreditvergabe, die Gewinnmargen angesichts eines brutalen Wettbewerbs zwischen den öffentlichen, privaten und Genossenschaftsbanken geschrumpft. Lukrativere Geschäftszweige wie das Investmentbanking können sie sich zumindest in großem Stil nicht leisten; überdies mangelt es auch an der Expertise, wie das Beispiel der West LB zeigt.
Um die Landesbanken erfolgreich am Markt zu halten, werden seit Jahren vor allem zwei Strategien diskutiert, die sich gegenseitig nicht ausschließen. Das sind zum einen Zusammenschlüsse von Landesbanken, mit denen sie den wachsenden privaten Banken Paroli bieten wollten. Bislang ist es aber nur zur Übernahme kleiner Landesbanken durch große gekommen: Die Bayern LB kontrolliert die Saar LB, die Nord LB hat sich die Bremer Landesbank einverleibt, und die Stuttgarter LBBW wird nach der Landesbank Rheinland-Pfalz nun auch die in Not geratene Sachsen LB übernehmen.
Die Eitelkeit der Landespolitiker
Zum "großen Wurf", dem Zusammenschluss zweier großer Landesbanken, ist es bislang nicht gekommen. Das wichtigste Hindernis bildet dabei die Eitelkeit der Landespolitiker. Eine Landesbank ist ein schönes Besitztum, das zudem das angenehme Gefühl verleiht, die eigene Landeshauptstadt bilde nebenher einen "Finanzplatz". So ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers nicht bereit, die West LB von der LBBW übernehmen zu lassen. Eine in den vergangenen Monaten diskutierte Verbindung von LBBW und Bayern LB müsste erhebliche Rivalitäten zwischen München und Stuttgart überwinden, wofür wenig spricht.
Ob die nun von Rüttgers ins Spiel gebrachte "Fusion unter Gleichen" zwischen der wankenden West LB und der Landesbank Hessen-Thüringen zustande kommt, ist offen. Neben landespolitischer Rücksichtnahme stoßen Zusammenschlüsse großer Landesbanken aber auf einen zweiten Einwand: Ein wirtschaftlicher Vorteil liegt nicht zwingend auf der Hand, wenn sich zwei ertragsschwache, vor allem im wenig Gewinn versprechenden Kreditgeschäft tätige Banken zusammentun. In privaten Banken ist seit langem Häme über die Landesbanken zu hören: Wer kein Geschäftsmodell besitze, werde auch durch Fusionen nicht leistungsfähiger. Daher gewinnen Überlegungen an Attraktivität, bei denen sich Landesbanken und Sparkassen zusammenfinden ("vertikaler Zusammenschluss"). Denn Sparkassen und Landesbanken ergänzen sich zur Universalbank - die Sparkassen bringen viele Privatkunden und kleine Unternehmen an der Basis in die Verbindung ein, die häufig auch an anderen Geschäften als an der Aufnahme eines Kredits interessiert sind.
Die bisherigen Erfahrungen mit solchen "vertikalen Zusammenschlüssen" sind nicht schlecht. So weist die LBBW, die rund 200 Niederlassungen betreibt, mit einer Eigenkapitalrendite von zuletzt 15 Prozent einen für eine Landesbank sehr respektablen Wert auf. Der Reiz der Landesbank in Berlin besteht nicht zuletzt in der zu ihr gehörenden Sparkasse. In Frankfurt hat die Landesbank Hessen-Thüringen vor wenigen Jahren durchaus mit Erfolg die Frankfurter Sparkasse übernommen.
Krisen erzwingen den Wandel
So kann nicht erstaunen, dass in Düsseldorf Rüttgers davon träumt, die West LB mit der einen oder anderen nordrhein-westfälischen Sparkasse zu fusionieren. Einfach wird das nicht, denn aus der Sicht der Sparkassen ist das Modell weitaus weniger attraktiv als aus Sicht der Landesbank. Warum soll sich eine gut rentierliche Sparkasse mit einer Landesbank vereinen, die ein wenig rentables Großkundengeschäft betreibt und in deren Geschicke Landespolitiker hineinregieren?
Die Zukunft der Landesbanken wird wesentlich in den Staatskanzleien und den Vorstandsbüros der Sparkassenverbände entschieden. Einig sind sich die Landespolitiker und die Sparkassenfürsten darin, dass Privatisierungen von Landesbanken (und auch von Sparkassen) vermieden werden müssen. Als sich das Land Berlin von seiner Landesbank trennte, mobilisierte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband genug Geld, um alle vorliegenden Offerten privater Banken überbieten zu können. In Hessen erzwang Ministerpräsident Roland Koch den Zusammenschluss von Helaba und Frankfurter Sparkasse. Lediglich an der HSH Nordbank in Hamburg sind private Finanzinvestoren beteiligt. Mit ihren 26,6 Prozent haben sie aber nicht viel zu melden.
Der Widerstand der Landespolitiker und der Sparkassen spricht gegen deutliche Veränderungen, sofern nicht Krisen den Wandel erzwingen. Die Sachsen LB kam nur zum Verkauf, weil sie als Folge der Finanzmarktkrise vor dem Zusammenbruch stand. Den Allianzspielereien um die WestLB ging eine ausgeprägte Schwäche der Düsseldorfer Bank voraus, die ihren Vorstand austauschen musste und zurzeit überhaupt nicht weiß, wo sie steht.
Druck macht vor allem Siegfried Jaschinski, der Vorstandsvorsitzende der LBBW. Jaschinski zieht mit der Botschaft durchs Land, die deutschen Unternehmen verlangten nach einer zweiten großen deutschen Bank (neben der Deutschen Bank). Die Versuche des Stuttgarters, die LBBW durch externes Wachstum zu vergrößern, stoßen aber auf erheblichen, zum Teil auch politisch motivierten Widerstand. Jaschinski kann sich zwar die Sachsen LB einverleiben, aber die ist klein und fast bankrott. Eine Übernahme der West LB scheitert zumindest bisher am Widerstand von Rüttgers und die als Alternative ins Spiel gebrachte Fusion mit der Bayern LB zwänge Jaschinski zur Teilung der Macht mit den Münchenern. So dürfte das Monopoly der Landesbanken in den kommenden Jahren fröhlich weitergehen.
Text: F.A.Z., 15.12.2007, Nr. 292 / Seite 14
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, F.A.Z.
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