Reto Francioni

Schweizer Wegkreuzung

Von Holger Steltzner

08. September 2005 Reto Francioni kehrt zurück nach Frankfurt. Der Präsident des Verwaltungsrats der Schweizer Börse SWX wird Nachfolger des von dem britischen Hedge-Fonds TCI aus dem Amt gejagten, langjährigen Vorstandsvorsitzenden Werner G. Seifert. Für sich betrachtet ist diese Meldung keine Überraschung, denn am Finanzplatz Frankfurt ist hierüber bereits spekuliert worden. Außerdem wird kaum jemand dem Chef der Schweizer Börse die Erfahrung und Kompetenz absprechen können, künftig die Deutsche Börse zu führen. Doch in dieser pikanten Personalie steckt mehr. Denn nun kreuzen sich schon wieder die Wege von zwei zielstrebigen, durchsetzungsstarken und ehrgeizigen Managern, die vor Jahren aus der Schweiz aufgebrochen sind, um den Finanzplatz Deutschland zu modernisieren - und die sich hierüber zerstritten haben. Von 1993 bis Ende 1999 haben die beiden Schweizer an einem Strick gezogen, Seifert als Vorsitzender und Francioni als Mitglied und später als sein Stellvertreter im Vorstand der Deutschen Börse.

In dieser Phase der Computerisierung des Börsenhandels mit dem Auf- und Ausbau der Deutschen Börse zur größten und erfolgreichsten Terminbörse der Welt war die Aufgabenverteilung klar. Seifert war der technologische Visionär, der Stratege und das Kraftwerk, der die deutschen Banken als Eigentümer begeistern und politische Hürden beseitigen konnte. Francioni hingegen wirkte als Ideengeber, analytischer Prüfer und technischer Umsetzer der strategischen Entwürfe im Hintergrund. Früher als andere Börsianer hat auch er gesehen, daß die Börse der Zukunft kein Marktplatz alter Prägung, sondern ein IT-Systemhaus, ein riesiges elektronisches Netzwerk ist, dessen Hauptaufgabe darin besteht, Liquidität in den gehandelten Werten zu schaffen. Er ist der Erfinder des Neuen Marktes, was heute nicht mehr überall als Auszeichnung verstanden wird. Dennoch verteidigt er auch im Rückblick die Rolle dieses spekulativen Marktsegments.

Francioni war derjenige, der in der Deutschen Börse immer wieder die Mannschaft motivieren und aufbauen mußte, wenn sein damaliger Chef in der ihm eigenen ungestümen und ungeduldigen Art wieder einmal alle umgerissen hatte. Im Unterscheid zu Seifert ist Francioni diplomatischer, er spricht und handelt langsamer, dafür überlegter. Das trifft sich gut, um die notwendige neue strategische Perspektive für die Deutsche Börse zu erarbeiten.

Bevor der fließend englisch, französisch und italienisch sprechende Francioni in den neunziger Jahren zur Deutschen Börse kam, hatte er im Finanzgewerbe Erfahrungen gesammelt, in der Schweizerischen Kreditanstalt und im Bankverein sowie in der Industrie bei Hoffmann-La Roche. Nach dem Streit mit Seifert wechselte er Anfang 2000 von der Börse zum Direkt-Broker Consors, den er bis 2002 gleichberechtigt mit dem Consors-Gründer Karl Matthäus Schmidt führte. Dort mißglückte der Versuch, gemeinsam mit der Berliner Börse eine Privatanleger Börse aufzubauen.

Als die Consors-Muttergesellschaft, die Schmidt-Bank, von einem französischen Institut übernommen wurde, kehrte der heute fünfzig Jahre alte promovierte Jurist als Präsident der Schweizer Börse nach Zürich zurück. Dort hat er den Übernahmewunsch der Deutschen Börse kühl abgelehnt, woraufhin sich Seifert in die Übernahmeschlacht mit der Londoner Börse stürzte, was ihm am Ende seinen Job gekostet hat. Privat ist Francioni als Vater zweier Kinder ein Familienmensch, als passionierter Angler sucht er gern die Ruhe der Natur - auch das im Unterschied zu Seifert, der in seiner Zeit als Börsenchef gern Jazz-Konzerte gab. Auch in dieser Hinsicht zeichnet sich ein Rollentausch ab. Denn während Francioni bald die öffentliche, weil wirtschaftspolitische, Bühne des Bankenplatzes Frankfurt betreten und wieder maßgeblich an der künftigen Gestaltung der Finzanzplatzes Deutschland mitwirken wird, schreibt Seifert an seinen Memoiren, die er dem Vernehmen nach auch als Druckmittel im Poker um die Höhe der Abfindungszahlungen mit der Deutschen Börse einsetzen will.



Text: F.A.Z., 9. September 2005
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 

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