20. Juli 2008 Die Beerdigung fiel kurz aus. In nur anderthalb Stunden hat der Aufsichtsrat am Freitag die Aufspaltung der Dresdner Bank in eine Privatkunden- und eine Investmentbank durchgewinkt. Greift jetzt die Commerzbank zu und übernimmt beides oder einen Teil, dann könnte das Ende der 136-jährigen Geschichte der Dresdner Bank schon bald bevorstehen.
Welch einen Niedergang hat das einst so stolze Institut, das zu den großen und angesehenen Banken Europas gehört hatte, in den vergangenen Jahren erlebt. Die Gewinne, die Mitarbeiter, die Bilanzsumme, alles wurde weniger oder blieb weit hinter der Konkurrenz zurück. Am Schluss erwirtschaftete die Allianz-Tochter gerade noch 410 Millionen Euro Gewinn vor Steuern – ein Fünftel des Commerzbank-Gewinns und nur ein Sechzehntel des Gewinns der Deutschen Bank.
Ältere Kunden erinnern sich noch
Zum Verhängnis wurde der Dresdner Bank ihre Rolle in der Mitte: Sie war nicht groß genug, um mit den Großen zu spielen, und nicht klein genug, um erfolgreich in einer Nische ihr Auskommen zu finden. Sie war nicht teuer genug, um als Premiumanbieter durchzugehen, und nicht billig genug, um als Bankdiscounter im Massengeschäft den Durchbruch zu schaffen. Dabei war die grüne Großbank über Jahrzehnte eine starke Nummer zwei in Deutschland gewesen. Kleiner als der Erzrivale Deutsche Bank zwar, aber doch ein gutes Stück größer und moderner als die Commerzbank. Ältere Kunden erinnern sich noch gut, welch starke Marke das grüne Band der Sympathie“ lange Jahre war: Zur Dresdner Bank ging man, wenn einem die Deutsche Bank zu elitär und die Sparkasse zu popelig war.
In der alten Deutschland AG, als Industrie und Banken noch eng verflochten waren, sorgten die Beteiligungen der Dresdner Bank für solide Erträge und für Einfluss. Wenn der legendäre Vorstandssprecher Wolfgang Röller Ende der achtziger Jahre mit einem Anliegen zu Bundeskanzler Helmut Kohl kam, konnte er sicher sein, dass er Gehör fand. Als die Lufthansa privatisiert wurde, geschah das über die Dresdner Bank. Und auch als die Scheichs aus Kuweit 14 Prozent von Daimler kauften, vermittelte die Dresdner Bank den Deal.
Gescheiterte Fusion mit der Deutschen Bank
Managementfehler und ein Mangel an klarem Profil sorgten für den Abstieg. Angefangen hat der Niedergang mit den Skandalen Mitte der neunziger Jahre“, erinnert sich ein früherer Bankmanager. Innerhalb kürzester Zeit mussten mehrere Vorstände gehen, weil sie in dubiose Steuergeschäfte mit Luxemburg verwickelt waren. Das Image der Sympathie-Bank hatte Kratzer bekommen: So ganz hat die Bank sich davon nie wieder erholt“, sagen frühere Mitarbeiter.
Der entscheidende Punkt aber war die gescheiterte Fusion mit der Deutschen Bank. Gleichsam über Nacht wurden die Gespräche im April 2000 abgebrochen. Die Investmentbanker der Deutschen Bank sabotierten sie. Die Dresdner Bank hatte fest auf die Gelegenheit gehofft, dem Schicksal des ewigen Zweiten zu entrinnen. Die ganze Bank war danach wie paralysiert“, erinnert sich ein Mitarbeiter. Wie schwer der Schock die Bank traf, zeigte auch der unmittelbare Rücktritt von Bankchef Bernhard Walter. Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer hingegen hatte es nicht so eilig. Er blieb noch zwei Jahre im Amt.
Scharfe Schnitte
Die Kosten, die damals entstanden, um gute Mitarbeiter zu halten, wurden zur schweren Hypothek für die Dresdner Bank. Viele Investmentbanker waren auf dem Absprung: Nur mit hohen Boni gelang es, sie vom Wechseln abzuhalten. Die Gehaltsstrukturen, die in jenen Tagen eingeführt wurden, sollten das Investmentbanking der Dresdner Bank lange belasten. Ihre Ertragsschwäche blieb das Dauerproblem der Bank. Noch ein letztes Mal sollte sie einen Chef bekommen, der halbwegs eigenständig operieren konnte: Bernd Fahrholz, Jurist, nahm mit immer neuen Strategieprogrammen scharfe Schnitte vor. Tausende von Stellen wurden gestrichen. Fahrholz schaffte es aber nicht, die Mannschaft wieder zu motivieren“, urteilen Mitarbeiter. Als Beispiel, wie abgehoben er führte, kursierte in der Bank, er habe seinen Fahrer immer nur mit Fahrer“ angeredet.
Die Deutsche Bank hängte die Dresdner Bank endgültig ab, vor allem durch ihren Erfolg im Investmentbanking. Auch da galt: Die Deutsche Bank hatte als traditionelle Nummer eins in Deutschland wohl einfach die besseren Startbedingungen. Sie machte aber auch weniger Fehler.
Einst stolze Großbank, heute günstiges Kaufobjekt
In beiden Häusern tobte Krieg, wer es zu sagen hat: die angelsächsischen Investmentbanker oder die Traditionalisten, die auf das deutsche Kreditgeschäft setzten. Er ging aber unterschiedlich aus. Bei der Deutschen Bank setzten sich die Investmentbanker klar durch. Bei der Dresdner Bank dagegen erwies sich vor allem der Kauf der Investmentbank Wasserstein Perella für 1,4 Milliarden Dollar als folgenschwerer Flop: Der Chef und wichtigste Mann, Bruce Wasserstein, verließ nach nur 14 Monaten das Haus und ging zur Konkurrenz. Das war für die Dresdner Bank der GAU“, erinnert sich ein Banker: Bruce hat sich sicher totgelacht.“
Die Bank ist ein Sanierungsfall, als die Allianz sie im Frühjahr 2001 für 24 Milliarden Euro vollständig übernimmt. Heute soll sie nicht einmal mehr die Hälfte wert sein. Die Idee, über die Bank Versicherungsprodukte zu vertreiben und umgekehrt, erweist sich zwar als praktikabel. Aber nicht als so durchschlagend, dass sie die schwache Ertragskraft der Bank ausgeglichen hätte.
Die Geduld der Münchener wurde auf eine harte Probe gestellt: Jahrelang musste der Versicherer hohe Verluste der Tochter hinnehmen. Immer wieder machten Gerüchte über einen anstehenden Verkauf die Runde. Das änderte sich auch nicht, als Fahrholz’ Nachfolger, Herbert Walter, ein Deutsch-Banker, das Ruder übernahm. Erst im Mai 2008 gibt Allianz-Chef Michael Diekmann zu, dass er über einen Verkauf der Dresdner Bank verhandelt. Da hatten sich aus der Finanzkrise schon Abschreibungen der Dresdner Bank von 2,5 Milliarden Euro angehäuft. Aus der stolzen Großbank von einst war ein günstiges Kaufobjekt geworden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.
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