13. Juni 2005 Die Gelegenheit ist günstig. Zum Ausverkaufspreis kann die italienische Großbank Unicredito die Hypo-Vereinsbank übernehmen. Ohne viel Bargeld, lediglich mit einem Aktientausch kaufen die Italiener die zweitgrößte deutsche Bank, sofern es nicht doch noch zu einem Bieterstreit kommt. Die nun beschlossene Übernahme ist Europas größte grenzüberschreitende Bankenfusion.
Zur Überraschung aller schaut die bayerische Staatskanzlei der Übernahme kommentarlos zu. Dabei hatte Bayerns Ministerpräsident Stoiber 1997 die Bayerische Vereinsbank gedrängt, die angeschlagene Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank zu übernehmen, um den Verkauf der Münchener Institute an die Deutsche Bank oder die Dresdner Bank zu verhindern. Entweder ist die Staatskanzlei heute besser über die Risiken ihrer Großbank im Bilde, oder sie ist aus Erfahrung klüger geworden. Denn die durch staatlichen Druck geformte Bank der Bayern war nicht stabil. Aus zwei schwachen Instituten mit hohen Risikokrediten an Bauherren in Ostdeutschland wurde eine schwankende Großbank. Die Verluste der letzten drei Jahre summieren sich auf 5,7 Milliarden Euro.
Schlaglicht auf den labilen Zustand deutscher Banken
Natürlich haben die Italiener diese Risiken gegen den günstigen Kaufpreis von 15 Milliarden Euro abgewogen. Nun muß der Chef der Unicredito, Profumo, beweisen, daß er auch in Deutschland eine Filialbank profitabel führen kann. Gelingt ihm das nicht, dann sinkt die Rendite und damit der Marktwert von Unicredito. Das strategische Ziel der Übernahme liegt nicht in Deutschland, sondern in Osteuropa. In dieser dynamischen Region ist die fusionierte Bank klarer Marktführer, mit glänzenden Aussichten. Dort hat auch die Hypo-Vereinsbank durch die Übernahme der Bank Austria gutes Geld verdient. Für das schleppende deutsche Geschäft haben die Italiener eine befristete Garantie abgegeben, die aber einen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland nicht ausschließt. Daß eine Übernahme durch eine inländische Bank oder Versicherung keineswegs besser für die Belegschaft sein muß, haben die Beschäftigten der Dresdner Bank nach dem Kauf durch die Allianz erfahren.
Die Übernahme wirft ein Schlaglicht auf den labilen Zustand deutscher Banken. Zwar haben sie ihre Ertragskrise überwunden. In den Krisenjahren nach dem Kurssturz an der Börse haben die Banken das gemacht, was die Analysten immer von anderen Unternehmen verlangen: Sie besannen sich auf ihre Kernaufgaben, trennten sich von Randgeschäften und senkten die Kosten. Die Sanierungsfortschritte schlagen sich in verbesserten Gewinn- und Verlustrechnungen der Banken nieder. Doch zur Enttäuschung von Vorständen und Aktionären lassen die Kursgewinne weiter auf sich warten. An der Börse werden deutsche Bankaktien weiterhin mit Abschlägen gehandelt, wegen ihrer mageren Rendite. Die geringen Marktwerte sind auch ein Resultat strategischer Fehlentscheidungen der Bankvorstände in der Vergangenheit. Deutsche Banken haben wichtige Entwicklungen wie das Kreditkartengeschäft, das Potential von Konsumentenkrediten oder die Pflege der Privatkunden verschlafen. In den neunziger Jahren, euphorisiert von Wiedervereinigung, Euro-Einführung und dem Irrglauben an einen ewigen Börsenboom, haben deutsche Banken ihre über Jahrzehnte aufgebauten Reserven für überteuerte Einkäufe in New York oder London verpulvert.
Neue Bankriesen in Amerika und Europa
So haben sich in nur einer Dekade im globalen Bankenmarkt die Macht- und Größenverhältnisse völlig gedreht. Aus den früher einflußreichen und stolzen deutschen Banken sind von Selbstzweifeln geplagte Juniorpartner geworden, die sich rat- und kraftlos einer italienischen Sparkasse an den Hals werfen. Einzige Ausnahme ist die Deutsche Bank, die sich allerdings im Urteil der Politiker für ihre hohen Gewinne zu schämen habe. Wenn nun Wirtschaftsminister Clement den angeblichen Ausverkauf einer deutschen Großbank an Italien beklagt, ist viel Heuchelei im Spiel. Schließlich hat die Regierungspartei SPD den Chef der Deutschen Bank, Ackermann, zum herausragenden Ziel ihrer verbalen Hetzjagd auf Kapitalisten gemacht.
In Amerika und Europa sind neue Bankriesen entstanden, weil die Spitzeninstitute durch Fusionen in ihren Heimatmärkten genügend Größe gewonnen haben, um im internationalen Bankenmonopoly mitzuspielen. Das ist den deutschen Privatbanken aus eigener Kraft nicht gelungen. Es ist ihnen allerdings auch besonders schwer gemacht worden, weil in ihrem Heimatmarkt die Politiker die Hälfte des Bankenmarktes öffentlich-rechtlich eingezäunt haben. Erst ein Machtwort der Europäischen Kommission beendet im Juli die geldwerten Staatsgarantien für Sparkassen und Landesbanken. Ein Ende des praktischen Übernahmeverbots einer Sparkasse durch Privatbanken ist damit allerdings noch nicht verbunden, wie es gerade wieder der hessische Ministerpräsident Koch mit der ehemals freien Frankfurter Sparkasse vorgemacht hat.
Diskriminierung deutscher Privatbanken
Es ist im Interesse der deutschen Wirtschaft und des Finanzplatzes, daß das Land über Banken von globalem Rang verfügt. Zwar ist ein Finanzplatz nicht darauf angewiesen, daß aus ihm heraus Banken mit Weltgeltung geführt werden, wie man am Beispiel Londons sieht. Doch sollten die Finanzplätze Frankfurt und München die Anziehungskraft Londons nicht unterschätzen. Ein Beispiel hierfür ist die Europäische Zentralbank, die zwar in Frankfurt sitzt, aber dennoch findet ein Großteil des Euro-Handels in London statt.
Es ist das Geheimnis deutscher Politiker, warum sie im Wettbewerb um das Hochfinanzgeschäft nicht auf Privatbanken bauen, sondern Sparkassen fördern. Der Weg von einem zersplitterten deutschen Sparkassenwesen und meist labilen Landesbanken an die Spitze der Weltfinanz ist lang und unsicher. Hingegen wirkt die Diskriminierung deutscher Privatbanken in Zeiten offener Märkte und Grenzen kurzfristig und sicher.
Text: F.A.Z., 14.06.2005
Bildmaterial: AP, AP, dpa/dpaweb, F.A.Z.