Von Georg Meck
20. April 2008 Wenigstens einer glaubt noch an Heinrich von Pierer: Heinrich von Pierer. Bis heute mag der langjährige Siemens-Chef nichts Unrechtes in seinem Tun erkennen. Missverstanden fühlt er sich, von der Öffentlichkeit vorverurteilt, der Ehre beraubt, beschmutzt von Gegnern mit niederen Motiven.
Die monströse Schmiergeldaffäre im Siemens-Konzern hat den Mann, dem selbst das einst angetragene Bundespräsidentenamt eher zu gering erschien, um Job und Ansehen gebracht. Jetzt droht Mister Siemens der finale Sturz: Pierer gerät erstmals persönlich in Verdacht, an kriminellen Machenschaften beteiligt gewesen zu sein, sie gar angeordnet zu haben.
Soldat von Siemens
Dies behauptet ein hochrangiger Siemens-Manager, der den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden in Vernehmungen vorige Woche schwer belastet hat. Der Angestellte der notorischen Krisensparte Siemens Business Services (SBS) hat offenbar ausgesagt, Pierer selbst habe ihn angewiesen, mehrere Millionen Dollar Schmiergelder zu zahlen, um einen Auftrag in Argentinien zu ergattern. Noch schlimmer: Als der Mann dem obersten Chef von seinen Skrupeln berichtete, habe der ihn aufgefordert, sich wie ein Soldat von Siemens zu verhalten. Also das Gesetz zu brechen, die Moral dem Profitinteresse unterzuordnen.
Damit erreicht der Skandal eine neue Qualität, juristisch wie menschlich. Zerstört ist das Bild vom jovialen, Tennis spielenden, Mitarbeiter wie Enkel hätschelnden Patriarchen. Es erscheint der Feldherr, der Sohn eines Berufsoffiziers und Enkel eines k.u.k.-Generalmajors, der zur Eroberung neuer Märkte vor keinem Ganz- oder Semischurken zurückschreckt.
Pierers Anwälte haben den Spruch von dem Soldaten prompt zurückgewiesen. Dies sei keine Formulierung, die Pierer je benutzen würde. Nur woher kommt der Satz dann? Aufschluss kann ein weiterer Siemens-Angestellter geben, der bei dem fragwürdigen Gespräch dabei war.
1,3 Milliarden Provision
Der Zeuge mag sich öffentlich nicht äußern, bevor er mit den Ermittlern gesprochen hat. Bestätigt er die Version des SBS-Managers, wird es bitter für Pierer. Ganz bitter. Das hat er wohl erkannt. Am vergangenen Freitag hat auf seinen Wunsch hin ein Treffen mit den Münchner Staatsanwälten stattgefunden.
Am Montag werde man die Gespräche fortsetzen, sagte der Leiter der Anklagebehörde, Christian Schmidt-Sommerfeld. Details wollte er am Samstag nicht nennen, außer dass es um den Komplex der Siemens-Korruptionsaffäre gehe. Ob gegen Pierer Ermittlungen eingeleitet werden, ließ er offen. Bisher ist das nicht der Fall.
Das fragliche Argentinien-Geschäft hatte das Volumen von einer Milliarde Euro. Siemens sollte die Technik liefern für elektronische Personalausweise. Als das Projekt ins Stocken geriet, hat man laut Zeugenaussagen versucht mit Provisionen, wie die Schmiergelder genannt wurden, nachzuhelfen.
Auf 1,3 Milliarden Euro summieren sich inzwischen die zweifelhaften Zahlungen, die Siemens in aller Welt geleistet hat. Von einem System schwarzer Kassen will Pierer trotzdem nichts wissen.
Seine Fehler sieht er nicht ein
Von so etwas wie einer politischen Verantwortung als langjähriger Vorstandsvorsitzender erst recht nicht. Keine Spur von einem Schuldeingeständnis. Den Posten als Aufsichtsratsvorsitzender hat er vor einem Jahr erst aufgegeben, als es gar nicht mehr anders ging, ihm die Kollegen im Kontrollgremien zusetzten. Und selbst dann ging Pierer nicht aus Einsicht in eigene Fehler, sondern im Interesse von Siemens.
Der neue, von außen kommende Vorstandsvorsitzende Peter Löscher hat schnell klargemacht, dass so mancher in der Siemens-Führung etwas falsch verstanden habe mit den Interessen: Aus den eigenen Reihen ist ein Riesenschaden angerichtet worden, nicht nur monetär, auch für den Ruf der Firma in aller Welt.
Und wenn Löscher heute über die eigene Rolle als Vorstandschef spricht, wird deutlich, für wie unanständig er Pierers Ausflüchte hält: Ich persönlich empfinde Verantwortung für alles, was hier geschieht. So einfach ist das. Da mögen die Pargraphen im Aktiengesetz sagen, was sie wollen.
Ende April werden die vom Siemens eingesetzten Anwälte der amerikanischen Kanzlei Debevoise & Pimpleton nun ihren neuen Untersuchungsbericht vorlegen. Auf dessen Grundlage wird der Aufsichtsrat dann entscheiden, von welchen Top-Managern er Schadensersatz fordert für die Korruptionsaffäre. Dazu muss nicht einmal eine strafrechtliche Schuld vorliegen, es genügt ein grob fahrlässiges Verhalten, wie die Münchner Staatsanwälte erläutern.
Über Pierer steht nur noch der Papst
Auf Milde darf Pierer im Aufsichtsrat nicht hoffen. So wenig wie in Politik und Öffentlichkeit, an der dem ehemaligen Erlanger CSU-Stadtrat stets so viel gelegen hat. Politik war immer Chefsache in seinen Siemens-Jahren, mit einem Auftritt vor der UN-Hauptversammlung als Höhepunkt.
Über Pierer steht nur noch der Papst und der UN-Generalsekretär, hatten sie damals in der Konzernzentrale gespottet über ihren Vorstandsvorsitzenden und dessen Lieblingsrolle als Vorzeigemanager der Deutschland AG.
Wo immer er auftrat, es ging nie nur um Glühbirnen und Gasturbinen, sondern um das große Ganze: den Standort Deutschland. Kanzler hat er reihenweise beraten: Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Angela Merkel.
Die aktuelle Regierungschefin, lange schon unglücklich über Pierers Verstrickungen, hat ihn vorige Woche als Innovationsberater abserviert. Die Aufgabe wird neu organisiert, der ehemalige Siemens-Chef ist überflüssig. Am kommenden Donnerstag verliert Pierer auch noch sein Mandat als VW-Aufsichtsrat, auf der Hauptversammlung in Hamburg hat er seinen letzten Auftritt. Sofern in München nichts Dringlicheres zu erledigen ist.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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