22. Oktober 2007 Der Porsche-Clan rüstet für die Zeit nach dem VW-Gesetz. Daniell Porsche ist Urenkel des Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche. Im Interview spricht der Milliardär über das Innenleben der Familie, die Liebe zur Waldorf-Pädagogik und den Traktor als Zweitwagen.
Herr Porsche, wann ist man reich?
Ab dem Moment, in dem man sagen kann: Ich bin mit dem zufrieden, was ich im Leben geschafft habe.
Und wann ist man vermögend?
Spätestens dann, wenn ich merke, dass ich etliche Freunde um mich herum habe, die ich nur habe, weil ich das Geld habe.
Und wann hat man keine finanziellen Sorgen mehr?
Ich beglückwünsche jeden, der das erreicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so etwas gibt. Wer wenig Geld hat, hat Sorgen, wie er über die Runden kommt. Habe ich mittelmäßig Geld, dann bin ich meist unzufrieden, weil es nicht so viel ist, dass ich locker damit umgehen kann, und auch nicht so wenig, dass ich ein Recht zum Raunzen habe. Und ab einer gewissen Größenordnung kommen dann so viele Probleme von außen, so viele Neider, so viele Schmarotzer, so viele falsche Freunde, aber auch so viele verständliche Hilferufe. Wenn man die soziale Verantwortung ernst nimmt, ist das durchaus genauso viel Arbeit, als wenn ich jeden Tag schauen muss, wie ernähre ich meine Familie, nur auf anderer Ebene.
Trotzdem würden viele mit Ihnen tauschen: Ihnen gehört ein Achtel an Porsche, auf dem Papier sind Sie Multimilliardär.
Auf dem Papier, ja. Das könnte man so nennen - Papier ist geduldig. In der Realität habe ich in den letzten Jahren etwa 15 Millionen Euro investiert in soziale Projekte, vor allem in meine Schule. Da laufen Kredite, die muss ich abbezahlen, erst in sechs bis acht Jahren bin ich wahrscheinlich wieder auf null. Meine Frau sagt öfters zu mir: In deiner derzeitigen Lage könnte ich nicht mehr ruhig schlafen.
Jede Bank wird einem Porsche- Erben gerne aushelfen.
Auch als Porsche-Erbe mache ich nicht einfach schnipp, und alles läuft. Lieber wäre es mir, nur mit dem Geld zu arbeiten, das ich ohne Bank zur Verfügung habe. Man weiß nie, was morgen mit unserer Firma ist, ob die finanziellen Mittel noch zur Verfügung stehen.
Geschätzte zehn Millionen Euro wurden Ihnen allein voriges Jahr als Dividende ausgeschüttet.
Grob stimmt das. Das ganze Geld steht mir aber nicht zu. An Porsche bin ich nur beteiligt, weil ich hineingeboren bin. Was die Firma verdient, ist meinem Urgroßvater zu verdanken, der ein Genie war, meiner Vorgängergeneration - und auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Firmenchefs.
Deswegen spenden Sie alles Geld?
Nein, etwa 80 Prozent der Ausschüttungen spende ich, den Rest behalte ich für mich - als Lohn für jene Arbeit, welche ich in die sozialen Projekte stecke, für die ich keine Entlohnung bekomme.
Sie wurden 1973 geboren, damals hatte die Familie gerade geregelt: Kein Porsche darf in die Führung der Firma - diese Karriere ist Ihnen versperrt.
Das kann man so nennen. Natürlich gibt es immer die Möglichkeit, in die Firma einzusteigen, halt nicht in einer Führungsposition. Ich möchte mich aber auch nicht einmischen. Sonst heißt es, der Sohn vom Porsche ist reingerutscht. Das brauche ich nicht. Und wenn etwas nicht laufen würde, hieße es, da sieht man es wieder, der ist zu nichts in der Lage. Das brauche ich auch nicht.
Den Beschluss des Clans halten Sie nach wie vor für richtig?
Das ist ein kluger Schachzug gewesen, zumal wir als Familie heute um die 80 Personen zählen. Da sind die Meinungen, auch die Wünsche, so groß und so verschieden. Da ist es viel besser, jeder hat sein eigenes Feld außerhalb. So läuft es mit der Firma wunderbar. Doktor Wiedeking und Konsorten machen das gut. Im Aufsichtsrat sind ja noch Familienmitglieder vertreten, gleichzeitig vermeiden wir Neid und Eifersüchteleien.
Darin unterscheiden Sie sich nicht von anderen Familien?
Bei uns knallt es genauso wie in anderen Familien, natürlich, es wäre gelogen, das nicht zuzugeben. Nur wenn es Streit gibt, dann geht es gleich um sehr viel Geld, das ist der Unterschied. Wenn es darauf ankommt, dann halten wir zusammen, auch wenn das nicht immer leicht ist.
Als Ihr Onkel Ernst vor Jahren seine Anteile an Ölscheichs verkaufen wollte, hat die Familie das verhindert und das Paket selbst übernommen.
Das war schwierig, ja.
So manche teure Scheidung hatte der Clan auch zu verschmerzen.
Wundert Sie das? Klar lassen sich die Damen gut ausbezahlen, das würde ich vielleicht auch tun. Und das Geld ist nicht das Schlimmste an den Trennungen. Manche Scheidungen tun auch weh, weil sie die Verhältnisse in der Familie erschwert haben.
Spielen Sie auf Ihren Onkel Ferdinand Piëch an, der seinem Cousin einst die Frau ausgespannt hat?
Es gab mehrere nicht ganz saubere zwischenmenschliche Problematiken.
In Ihrer, der vierten Generation sitzt bisher nur Oliver Porsche im Aufsichtsrat. Hat der die größten unternehmerischen Ambitionen?
Er ist entsprechend ausgebildet, er war im Ausland, er ist der älteste Sohn meines ältesten Onkels - von daher ist er prädestiniert für die Aufgabe. Oliver ist ein sehr fleißiger, sehr agiler, sehr strikter Mensch. Er hat eine unheimliche Gabe, die Dinge zu überblicken. Er ist für diese Aufgabe wesentlich besser geeignet als ich.
Wer steht ihm auf der Piëch-Seite in der vierten Generation gegenüber?
Da wird sich aus derzeitiger Sicht so schnell niemand abzeichnen.
Weil dazu Ferdinand Piëch erst den Platz räumen müsste?
Ich glaube, vorsichtig gesagt, dass Herr Ferdinand Piëch jemand ist, der seine Kräfte dem Unternehmen so lange zur Verfügung stellt, solange er nur kann.
Ein Ferdinand Piëch als Rentner ist nicht vorstellbar?
Bei dem schaut die Rente anders aus, die gibt es erst, wenn es ihn nicht mehr gibt. Das meine ich nicht negativ. Er ist einfach ein unheimlich fleißiger Mensch. Mag auch sein, dass er nicht loslassen kann. Dass er diesen Sieg, diesen Triumph, diesen Ruhm braucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es aus meiner Generation jemanden gibt, den er zu seinen Lebzeiten als ebenbürtigen Nachfolger einsetzen wollen würde.
Und neben ihm macht es niemandem Spaß.
Das möchte schon deshalb niemand, weil ihm niemand auf seinem Gebiet das Wasser reichen kann.
Sein VW-Coup ist ja auch genial: Ihre Familie bringt Europas größten Autokonzern unter Kontrolle.
Natürlich, mit allen Schwierigkeiten, mit allen Dubiositäten, die da zwischendurch gelaufen sind. Er ist da natürlich mitunter federführend. Das ist sein Triumph.
Wissen Sie, wie viele VW-Aktien Porsche gerade hält?
Als Familienmitglied ist man in der Regel nicht besser informiert als die Presse.
Sie scherzen.
Nein, im Ernst. Zu vielen Fragen gilt in Vorstand und Aufsichtsrat die Schweigepflicht. Die wird auch eingehalten. Da wird nicht getuschelt und gemauschelt. Die Türen bleiben geschlossen, ganz strikt. Erst wenn eine Sache raus ist, dann erkundige ich mich intern genauer, dann erhält man die Informationen, die man braucht.
Fahren Sie zur Hauptversammlung, wie jeder Kleinaktionär?
Meistens mache ich das, als mittelgroßer Aktionär. Nicht zuletzt, weil es mir ein Anliegen ist, dabei zu sein. Ich will und ich kann die wirtschaftliche Seite unserer Familie nicht abstreifen, ganz im Gegenteil.
Wenn Sie Ihren Anteil am Porsche-Profit spenden, ist das keine Revolte gegen Firma wie Familie?
Überhaupt nicht. Ich stehe hinter der Firma. Die Industrie ist dazu da, etwas zu erwirtschaften, um damit soziale Prozesse zu fördern. Die Frage ist nur: Wie erwirtschaftet man etwas, und wie gehe ich mit dem um, was erwirtschaftet wird? Der ganze soziale Bereich, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser - das darf nicht ökonomischen Zwängen unterworfen werden.
Sie kritisieren das Profitstreben der Wirtschaft mit dem Argument: Der Wohlstand vermehrt sich nicht, er wird nur anders verteilt. Richtig?
Ich kritisiere nicht das Profitstreben, jedoch die Tatsache zu glauben, dass man sich damit nicht selbst belügt: Das Geld kann nicht mehr wert werden, das ist eine Illusion. Wir haben auf der Erde nur einen gewissen Vorrat an Rohstoffen, die Wirtschaft, der Wohlstand wächst nur auf dem Papier. Die Preise sollten deshalb nicht dem entsprechen, was die Herstellung kostet, sondern in einem vernünftigen Rahmen zum Ganzen stehen.
Sind 100 000 Euro und mehr für einen Porsche vernünftig?
Ja. Wenn ich das bezahle, dann erwarte ich aber auch zu Recht, dass das Auto gut läuft, die Türen nicht scheppern. Wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, kann ich mir auch andere Sachen leisten. Ein Grundgehalt für alle, wie es Götz Werner vorschlägt, ist eine Aufgabe für die nächsten 100 Jahre. Ein Spruch von Rudolf Steiner bedeutet mir sehr viel: "Denn es müssen in Zukunftszeiten die Menschen füreinander sein und nicht einer durch den anderen. So wird das Weltenziel erreicht, wenn jeder in sich selber ruht und jeder jedem gibt, was keiner fordern will."
Das bedeutet Sozialismus: Jeder nimmt, was er braucht. Eigentum wird abgeschafft.
Gleiche Rechte, gleiches Kapital - das würde ich jedem Menschen gönnen, auch wenn es mir persönlich dadurch schlechter ginge. Nur wären damit die Probleme der Menschheit nicht gelöst, etwa die Armut in der Dritten Welt. Dazu muss es bei den Menschen im Hirn einen Schnackler tun: Mir geht es gut, wenn ich etwas für die anderen tue, nicht nur für mich. So betrachtet, ist es Egoismus, was ich hier mit der Schule mache.
Wie kamen Sie dazu, eine Schule zu bauen?
Es ist eine Gnade, dass so etwas entstehen kann. Ich habe in dieser Schule unterrichtet, als Waldorf-Lehrer und Musiktherapeut, dann habe ich gesehen, dass es an dieser Örtlichkeit mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht so weitergehen kann. Durch Zufall fanden wir dann einen alten Gasthof, haben dort Schule samt Festsaal gebaut und ein paar Minuten entfernt einen Bauernhof renoviert.
Was für Kinder kommen zu Ihnen?
Wir nennen sie seelenpflegebedürftige Kinder und Jugendliche. Jeder Mensch durchläuft in seiner Entwicklung gewisse seelische und emotionale Prozesse. Da kann es aus verschiedenen Gründen Defizite geben: schwieriges Elternhaus, dominante Geschwister oder aber einfach ein entsprechendes Lebensschicksal, welches nicht auf das direkte Umfeld des entsprechenden Kindes zurückzuführen ist. Die Krankheitssymptome nennen sich Legasthenie, Hyperaktivität und Ähnliches. Wir nennen das ungern so. Wir sagen einfach seelenpflegebedürftig. Eine Waldorf-Schule dieser Form gibt es sonst nirgendwo in Österreich.
Die Porsches sind seit jeher eng verbunden mit der Waldorf-Pädagogik. Ihre Großmutter kannte Rudolf Steiner und befasste sich mit seiner Anthroposophie. Die erste Schule in Stuttgart erlebte die Familie aus der Nähe.
Ja. Emil Molt war damals der Inhaber der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria in Stuttgart. Der wollte die Fließbandarbeiter politisch, sozial, künstlerisch fortbilden. Dafür hat er Doktor Rudolf Steiner um ein Konzept gebeten. Die Arbeiter haben dann gesagt, ihnen wäre die Bildung ihrer Kinder wichtiger. So hat sich die erste Waldorf-Schule entwickelt, auf dem roten Felsen, der Uhlandhöhe in Stuttgart. Heute finden sich die Schulen mehr oder weniger überall.
Sie selbst haben auch eine Waldorf-Schule besucht, wie Ihr Vater und so manch anderer Porsche?
Ich war in Salzburg und Stuttgart auf der Waldorf-Schule und bin froh darüber: Die Schule regt die Phantasie der Kinder an, fördert Denken, Fühlen und Wollen gleichermaßen. Natürlich kann es sein, dass man nicht hunderttausend Formeln im Kopf hat. Darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist vielmehr, zu wissen, wo man sie suchen muss, wenn man sie braucht.
Stimmt es, dass Sie als Abschlussarbeit ein Solarmobil konstruiert haben?
Ich habe ein Dreirad-Auto von Piaggio umgebaut: Benzinmotor raus, Elektroantrieb rein, auf das Dach Solarzellen. Meine Familie hat sich seit jeher mit Technik, mit Forschung beschäftigt, auch mich fasziniert das.
Was sagt Ihr Onkel, der begnadete Techniker Ferdinand Piëch, zu Ihrem sozialen Engagement heute?
Meine Vorgehensweise wäre sicher nicht sein Weg.
Die Verpflichtung der Erben ist es, das Vermögen zu mehren, hat Piëch mal gesagt. Nichts verachtet er mehr als Nachkommen, die das Geld verprassen. Sieht er in Ihren Projekten auch eine Art, das Vermögen zu vergeuden?
Er hätte sicher keine Schule gebaut. Ich würde aber nicht sagen, dass er sozial nicht kompetent ist. Er ist in seinen Aufgaben immer sozial sehr scharf gewesen, bitterscharf. Dadurch hat er auch seinen Erfolg gehabt. Er sieht aber sehr wohl den Unterschied zwischen dem, was ich tue, und Erben, welche möglicherweise in Saus und Braus leben. Das mag er absolut nicht. Das kann ich nur unterstreichen. Das mag ich auch nicht.
Als VW-Aufsichtsratschef testet Ferdinand Piëch jedes neue Modell des Konzerns. Sind Sie auch so autoverrückt?
Nein. Ich bin nicht der Typ, der jedes Jahr ein anderes Auto will, aber sehr wohl jener, der einen Cayenne durchaus einmal in mehreren Bereichen an seine Grenzen bringt. Ich fahre mein Auto über mehrere Jahre, um auch die feinsten Eigenheiten abspüren zu können. Es ist auch nicht so, dass wir aus der Familie ständig nach Zuffenhausen fahren, um uns den neuesten Porsche zu holen, wie das manche vielleicht denken mögen. Momentan bin ich mit dem Traktor unterwegs, weil mein Auto in der Werkstatt ist. Sie sehen, ich bin flexibel und stehe auch dazu, einen Porsche zu fahren.
Das Gespräch führte Georg Meck.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.10.2007, Nr. 42 / Seite 40
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Jan Roeder
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