13. September 2008 Ferdinand Piëch geht bei Volkswagen offen auf Konfrontationskurs mit Porsche. Der VW-Aufsichtsratsvorsitzende ist der Sitzung des Volkswagen-Aufsichtsrates am Freitag vollkommen überraschend ferngeblieben. Daraufhin leitete sein Stellvertreter Jürgen Peters die Sitzung. Der frühere IG-Metall-Chef stellte einen Antrag der Arbeitnehmer zu Abstimmung, wonach gemeinsame Projekte zwischen der VW-Tochtergesellschaft Audi und dem VW-Großaktionär Porsche fortan vom Aufsichtsrat genehmigt werden sollen. Nach Informationen der F.A.Z. stimmten die zehn Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat für die Annahme des Antrags. Die anwesenden neun Anteilseignervertreter, darunter Porsche-Miteigentümer Wolfgang Porsche, Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter sowie Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, stimmten dagegen.
Piëch indes, der eigentlich dem Porsche-Lager zuzurechnen ist, weil er zusammen mit seiner Familie ebenfalls maßgeblich an dem Stuttgarter Sportwagenbauer beteiligt ist, enthielt sich schriftlich der Stimme. Folglich konnte sich die Arbeitnehmerbank mit 10 zu 9 durchsetzen. Die Porsche-Leute waren vollkommen konsterniert, sagte ein Teilnehmer der Sitzung gegenüber dieser Zeitung. Das Ausmaß der Erschütterung zeigte sich auch an der Reaktion von Wolfgang Porsche, der sich im Anschluss mit folgendem Satz zitieren ließ: Ich bin entsetzt über das Abstimmungsverhalten des Aufsichtsratsvorsitzenden. Porsche ist der Cousin von Ferdinand Piëch.
Selbst Wolfgang Porsche soll überrascht worden sein
Dem Vernehmen nach war Piëch am Donnerstagabend schon der Präsidiumssitzung des Aufsichtsrates und der Vorbesprechung der Anteilseignervertreter im Aufsichtsrat ferngeblieben - ohne dies zuvor irgendjemandem mitgeteilt zu haben. Selbst Wolfgang Porsche soll vollkommen überrascht gewesen sein. Angeblich hat Piëch auch nicht am jüngsten Familientreffen des Porsche- und Piëch-Clans teilgenommen. Damit bestätigt sich, was die Spatzen seit Monaten von Dächern pfeifen: Das Verhältnis zwischen Ferdinand Piëch auf der einen sowie Wolfgang Porsche und Wendelin Wiedeking auf der anderen Seite ist stark zerrüttet. Wie berichtet (siehe auch: Machtkampf im VW-Konzern: Rauchende Colts in Wolfsburg) macht Piëch Wiedeking dafür verantwortlich, dass das Verhältnis von VW zu Porsche so enorm angespannt ist. Daher versucht Piëch, Wiedeking zu diskreditieren, mit dem Ziel, ihn aus dem Amt zu jagen.
Nach dem Eklat in der Aufsichtsratssitzung am Freitag könnte Wiedeking geneigt sein, den Spieß umzudrehen. Im Schulterschluss mit seinem engen Verbündeten Wolfgang Porsche wird er möglicherweise versuchen, Piëch den Aufsichtsratsvorsitz bei VW abzunehmen, vermutet man in Aufsichtsratskreisen. Gelingen könnte dies aber nur, wenn der zweite Großaktionär, das Land Niedersachsen, mitzieht. Das indes ist unwahrscheinlich, weil Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) in Sachen VW-Gesetz selbst im Clinch mit Porsche liegt. Außerdem scheint auch Wulff die forsche Gangart Wiedekings bei VW zu missfallen.
Wulff schlägt Versöhnungstreffen vor
Am Samstag appellierte Wulff an den zerstrittenen Porsche-Piech-Clan, sich im Interesse von Volkswagen zusammenzuraufen. Die starken Persönlichkeiten sollen miteinander reden und aufeinander zugehen, sagte Wulff der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und schlug ein großes Versöhnungstreffen von Großaktionären, Vorstand und Betriebsräten vor, um alle strittigen Fragen zu lösen. Ferdinand Piech, Wolfgang Porsche, Wendelin Wiedeking, Holger Härter, Uwe Hück und Bernd Osterloh sollten miteinander reden, forderte Wulff. Eine Einigung zur Mitbestimmung und mit dem anderen Aktionär Niedersachsen zur Satzung ist möglich, wenn die Bereitschaft besteht, sich zu bewegen.
Der Politiker Wulff hat seinen eigenen Antrag in der Aufsichtsratssitzung mit großer Mehrheit und bei vier Enthaltungen der Porsche-Vertreter durchbekommen. So beschloss das Gremium, die Beschränkung des Stimmrechts sowie das dem Bund und dem Land Niedersachsen eingeräumte Recht, Mitglieder in den Aufsichtsrat zu entsenden, aus der Satzung zu streichen. Die umstrittene Sperrminorität von 20 Prozent, die Niedersachsen mit seinem Anteil in gleicher Höhe bei wichtigen Entscheidungen ein Vetorecht beschert, bleibt jedoch bestehen.
Vor dem VW-Verwaltungshochhaus, in dem die Aufsichtsratssitzung stattfand, demonstrierten nach Angaben der IG Metall 40.000 VW-Mitarbeiter für den Erhalt des VW-Gesetzes (siehe dazu auch: 40.000 VW-Arbeiter demonstrieren in Wolfsburg). IG-Metall-Chef Berthold Huber nannte das Gesetz einen Leuchtturm der Mitbestimmung. In der Globalisierung brauche man mehr davon und nicht weniger. Mitbestimmung ist die beste Therapie gegen die Heuschreckenkrankheit, sagte er. Wer uns das VW-Gesetz nehmen will, will uns unseren Anteil an der Entstehung von VW nehmen. Nach dem Gesetz dürften bei VW ohne Zustimmung der Arbeitnehmervertreter keine Standortverlagerungen durchgeführt werden. Das VW-Gesetz schützt die Belegschaft, betonte der Gewerkschaftschef. Huber wandte sich zudem gegen eine Eingliederung von Volkswagen in das Unternehmen Porsche. Wenn das VW-Gesetz falle, sei der Weg für die Beherrschung von Volkswagen durch Porsche frei.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa
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Kommentar: Über die zweite Mauer
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