Von Georg Meck
06. April 2008 Der Aufstieg von der Apotheke zum Weltkonzern war mühsam, die Arbeit hart, das Geld oft knapp. Enttäuschungen habe es gegeben, Demütigungen und immer wieder Phasen starker Verschuldung, notierte der langjährige Fresenius-Chef Hans Kröner: "Als Ganzes waren wir erfolgreich, vom Glück begünstigt." Vier Jahrzehnte hat er an dem Gesundheitskonzern mitgebaut, an der hübschen Geschichte des Labors aus Bad Homburg, das sich zum Global Player aufschwingt, mit 114.000 Beschäftigten und elf Milliarden Euro Umsatz.
Im Sommer 2006, im Alter von 96 Jahren, ist der ehemalige Vorstandschef und Aufsichtsrat gestorben. Keine zwei Jahre später ist sein Name aus der offiziellen Geschichtsschreibung des Unternehmens gestrichen. Hans Kröner taucht in der Chronik nicht mehr auf. Als hätte es ihn nie gegeben. Und seine Tochter Gabriele Kröner, das letzte Familienmitglied im Aufsichtsrat, verliert jetzt ihren Sitz in dem Gremium. Unsanft wird sie aus dem Konzern gedrängt, nachdem sie jüngst bereits ihr Amt als Vorstand der Stiftung verloren hat, die Fresenius kontrolliert.
Keim für den Konflikt liegt in der verzwickten Historie
Der seit Jahren schwelende Kampf um das Erbe, um Macht und Einfluss in dem Unternehmen eskaliert. Der Keim für den Konflikt liegt in dessen verzwickter Historie, die zurückreicht bis ins Jahr 1462, der Gründung der Hirsch-Apotheke in Frankfurt. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nimmt der Apotheker Eduard Fresenius laut offizieller Geschichtsschreibung eine drei Jahre alte Halbwaise namens Else im Haushalt auf. Das Mädchen studiert Pharmazie, erbt nach dem Tod des Ziehvaters 1946 die hochverschuldete Apotheke. Mit Glück, Geschick und ihrem späteren Gatten Hans Kröner erschafft sie daraus einen stattlichen Konzern. 1988 stirbt Else Kröner, mit Anfang 60, nach einem Herzinfarkt. Das Vermögen vermacht sie ihrer Stiftung; die Fresenius-Anteile, außerdem Wertpapiere und Grundstücke. Ihr Mann Hans Kröner verzichtet damals auf sein Vorerbe.
In der Folge entspinnt sich ein Streit, der seit Jahren die Gerichte beschäftigt. Es geht um das Andenken an die Gründer, persönliche Eitelkeiten und - wie stets in solchen Fällen - um viel Geld. Was den Fall aus der Masse an Erbkriegen heraushebt, ist die Höhe des Vermögens: Gezankt wird um den Zugriff auf einen Dax-Konzern, Weltmarktführer im Dialyse-Geschäft und Herr über Zehntausende Klinikbetten in Deutschland.
Kein Familienunternehmen? Was ist Fresenius dann?
"Wir sind kein Familienunternehmen", stellt ein Konzernsprecher klar. Nur: Was ist Fresenius dann? Wem gehört das Konstrukt, das Aktionärsschützer als "schwarzes Loch" kritisieren? Der formal wichtigste Eigentümer findet sich schnell: Die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung hält mehr als 60 Prozent der Stimmrechte an der Fresenius-Holding und kontrolliert darüber die im Dax notierte Fresenius Medical Care. Verpflichtet ist die Stiftung laut Satzung dem Gemeinwohl und nur in beschränktem Maß den Erben. Sie fördert die medizinische Wissenschaft, die Ausbildung von Ärzten sowie besonders begabte Studenten. Die Fresenius-Anteile darf sie nur im eng umrissenen Ausnahmefall verkaufen. Das schafft Sicherheit für das Unternehmen. Die Stiftung handle wie ein langfristig denkender Finanzinvestor, heißt es daher bei Fresenius.
Wer aber verbirgt sich hinter diesem ominösen Investor? Wer regiert die Stiftung, die sich praktisch selbst gehört? Kurz: Wer hat die Macht im Fresenius-Reich? "Heiße Frage", raunt ein Aufsichtsrat und zieht es vor, fortan zu schweigen.
Immer wieder Dieter Schenk
Ein Name taucht an den entscheidenden Stellen immer wieder auf: Dieter Schenk, promovierter Jurist und einer von drei Testamentsvollstreckern für den Nachlass der Firmeninhaberin Else Kröner. Als Experten für Mergers & Acquisition weist ihn seine Kanzlei aus. Nörr, Stiefenhofer, Lutz heißt die, eine angesehene Adresse. Schenk, ein freundlicher Herr mit akkuratem Vollbart, ist einer von zwei Chefs der Sozietät mit rund 1000 Mitarbeitern und 13 Büros, unter anderem in New York und Moskau.
Im Nebenberuf bestimmt der Anwalt als Verwaltungsratsvorsitzender die Geschicke der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung, außerdem sitzt er auf den entscheidenden Posten in den Fresenius-Aufsichtsräten. Wohin man auch blickt: Dieter Schenk ist überall. Anrüchig ist daran zunächst nichts, ungewöhnlich ist es schon. Zumal der Jurist nicht eigenes Geld investiert hat, um den Dax-Konzern zu kontrollieren (wie etwa die Porsches in Wolfsburg). Er agiert auch nicht im Namen von Fonds, deren Anlegern er Rechenschaft schuldig wäre. Seinen Einfluss bezieht er aus der Bestellung als Testamentsvollstrecker, aus der Tatsache, dass die Fresenius-Aktien an eine Stiftung vermacht wurden. "Es ist üblich, dass der Vertreter des Mehrheitsaktionärs im Aufsichtsrat vertreten ist", sagt Schenk, der an seiner Machtfülle nichts Verwerfliches erkennen mag.
Als Verwaltungsratschef der Stiftung bestimmt er maßgeblich das Personal im Fresenius-Aufsichtsrat. Da er dort selbst als stellvertretender Vorsitzender sitzt, bestellt und entlässt er auch die Vorstände. Zudem nimmt er Einfluss auf die Höhe der Dividende. Die wiederum fließt zu großen Teilen an die Stiftung. Und was die damit anstellt, darüber entscheidet Schenk in seiner Funktion als Verwaltungsrat, der nämlich ist zuständig für die "Verwendung der Erträge und des Vermögens". Außerdem beaufsichtigt und feuert er bei Bedarf den Vorstand der Stiftung, des Großaktionärs. Die Sache dreht sich im Kreis. Und sie dreht sich um Dieter Schenk - in der Fresenius SE, der Fresenius Medical Care AG & Co. KGaA wie in der Stiftung. Dabei betont die, dass "keine materiellen oder organisatorischen Zusammenhänge" zwischen ihr und dem Konzern bestehen. Die identische personelle Besetzung von Schlüsselpositionen wird wohlweislich nicht erwähnt.
Ein Banker, ein Berater - aber nicht mehr die Tochter
Auf den diversen Posten bezieht Schenk jeweils Tantiemen sowie eine Vergütung als Testamentsvollstrecker. Außerdem ist die Kanzlei, der er vorsteht, für die Fresenius-Firmen "rechtsberatend tätig", wie es in den Geschäftsberichten heißt. Die komplexe, umstrittene und entsprechend teure Umwandlung der Fresenius Medical Care in eine KGaA etwa hat sie durchgezogen. Von der Muttergesellschaft, der Fresenius SE, flossen allein in den vergangenen drei Jahren knapp fünf Millionen Euro Honorar - alles strikt nach Recht und Gesetz, wie Schenk beteuert: "Die Vergabe von Mandaten erfolgte durch den Vorstand." In seinem Fall muss zudem der Aufsichtsrat der Beauftragung zustimmen, ohne dass er selbst dabei eine Stimme hätte.
Mit der Hauptversammlung im Mai werden nun Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller sowie Unternehmensberater Roland Berger in den Fresenius-Aufsichtsrat einziehen. Aus dem Spiel ist dagegen Kröners Tochter Gabriele, eine Ärztin, die bis Ende vorigen Jahres der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung vorstand.
Der Streit um ihren Rauswurf landet wohl vor Gericht. Zu den Gründen der Trennung schweigt die Medizinerin, unter Hinweis auf das "laufende Verfahren". Testamentsvollstrecker Schenk, so etwas wie ihr Dienstherr in der Stiftung, beruft sich auf die Vertraulichkeit der Personalie: "Im Interesse von Frau Dr. Kröner möchte ich dazu keine Auskunft geben." Gabriele Kröner hat jetzt eine zweite, ebenfalls gemeinnützige Stiftung gegründet. Das klingt noch nach viel Arbeit für die Anwälte.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Andreas Müller, ddp, dpa, F.A.Z.
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