13. Juni 2007 In der Bundesbank machen sich Aufseher Sorgen um die Genossenschaftsbanken und Sparkassen. Vor allem die Institute des Genossenschaftssektors sind aufgrund der rückläufigen Zinsüberschüsse auf dem Weg in die operative Ertragslosigkeit“, warnt ein Mitarbeiter des Bereichs Bankenaufsicht der Hauptverwaltung der Bundesbank in Frankfurt.
Die in einem Brief an Entscheidungsträger der Volksbankengruppe geäußerte Warnung des Aufsehers ist brisant, weil die 450 Sparkassen und die 1200 als Genossenschaften organisierten Volks- und Raiffeisenbanken in vielen Geschäftsfeldern, besonders im Mittelstandskredit- und im Privatkundengeschäft, Marktführer sind. Die oftmals kleinen Banken haben damit als Gruppe große Bedeutung für die Stabilität des Finanzsystem.
Übertriebener Befund
Ein Sprecher der Bundesbank bezeichnet den der F.A.Z. vorliegenden Brief als intern und als nicht-autorisiert von der Bankenaufsicht“ und als übertriebenen Befund“. Gleichwohl hat das Urteil des Aufsehers Gewicht, schließlich nimmt er regelmäßig an Aufsichtsratssitzungen des genossenschaftlichen Spitzeninstituts DZ Bank teil. Den Aufseher stört, dass trotz großer Anstrengung“ einzelner Sparkassen und Genossenschaftsbanken sich in den vergangenen zwei Jahren die Zinsmargen im Gruppendurchschnitt halbiert hätten. Im genossenschaftlichen Finanzverbund ist davon die Rede, dass der Zinsüberschuss der Volksbanken in den ersten Monaten diesen Jahres im Vorjahresvergleich um 10 Prozent zurückgegangen sei.
Generell ist der Zinsüberschuss unter Druck“, bestätigt Christopher Pleister, Präsident des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, die Aussage des Aufsehers. Aber wir haben in den vergangenen zwei Jahren so viel Eigenkapital bilden können, dass wir diese Entwicklung sehr gelassen sehen.“
Zinsdifferenz auf historish niedriges Niveau gesunken
Der Überschuss aus Zinserträgen und Zinsaufwendungen ist mit 70 Prozent der Gesamterträge die Haupteinnahmequelle einer durchschnittlichen Kreditgenossenschaft; die Provisionseinnahmen spielen im Vergleich zu den auch im Investmentbanking tätigen Großbanken eine untergeordnete Rolle. In der Vergangenheit haben Sparkassen und Genossenschaftsbanken vielmehr ganz wesentlich davon gelebt, Einlagen von Verbrauchern gegen Zinsen entgegen zu nehmen und das Geld zu höheren Zinsen langfristig zu verleihen. Daraus entsteht der Überschuss.
In den vergangenen Jahren indes ist die Zinsdifferenz zwischen kurz- und langfristigen Anlagen am Kapitalmarkt auf ein historisch niedriges Niveau gesunken. Die Bundesbank argwöhnt, dass es den Banken derzeit nicht gelingt, das Ausfallrisiko eines Schuldners als Risikoprämie in angemessener Form auf den Zins aufzuschlagen. Aggressive Wettbewerber der Sparkassen und Genossenschaftsbanken wie die holländische Direktbank ING-Diba haben ihren Neukunden zum Teil Tagesgeld zu Konditionen angeboten, die höher waren als am Kapitalmarkt. Um die Abwanderung von Kunden zu begrenzen, bieten die Sparkassen und Genossenschaftsbanken nun auch höhere Einlagenzinsen. Dadurch gerät der Zinsüberschuss von zwei Seiten unter Druck.
Im Kostenwettbewerb kaum eine Chance
Im Kostenwettbewerb mit den filiallosen Direktbanken können Sparkassen und Kreditgenossenschaften kaum bestehen, wie der Bankenaufseher mit Graphiken verdeutlicht, die er seinem Brief hinzugefügt hat. Schließlich beschäftigen die Sparkassen 250.000 Mitarbeitern in 16.000 Geschäftsstellen, die Volksbanken 180.000 Mitarbeitern in 12.500 Filialen. Zum Vergleich: Für die ING-Diba arbeiten 2500 Mitarbeiter an drei Standorten. Hinzu kommen bei den Genossenschaftsbanken im Vergleich zu den privaten Direktbanken höhere Kosten für die einzelnen Mitarbeiter. Der Präsident des Genossenschaftsverbandes Frankfurt, Walter Weinkauf, beklagt, dass die Gewerkschaft Verdi mit der ING-Diba einen Haustarifvertrag abgeschlossen habe, der um 25 Prozent niedrigere Gehälter für vergleichbare Tätigkeiten ermögliche. Der Bankenaufseher der Bundesbank mahnt denn auch: Hoffnungen auf eine Normalisierung der Zinsstruktur allein sind nicht tragfähig genug.“
Gleichwohl hat das Fusionstempo sowohl unter Sparkassen als auch unter Volks- und Raiffeisenbanken in den vergangenen zwei Jahren spürbar abgenommen. Um dem Kostendruck zu begegnen versuchen beide Gruppen vielmehr verstärkt, zentral Standardprodukte zu entwickeln. Dies geht allerdings meist zu Lasten der Einlagen der örtlichen Banken und ihrer Unabhängigkeit.
Text: ham. / F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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