14. Mai 2007 Die Welt AG hat kein Jahrzehnt gehalten. Und ihr Ende hat nur ganze drei Monate gedauert. So wenig Zeit ist vergangen, seit Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche erstmals die Abspaltung der notleidenden amerikanischen Autofirma vom Rest des Konzerns als echte Option verkündete. Und seit jenem 14. Februar ist der Aktienkurs um ein Viertel gestiegen. Auch an diesem Montag jubelte die Börse über den Ausstieg aus dem Milliardengrab Chrysler: Kaum war am Morgen die Nachricht bekannt, setzte sich die Aktie mit einem Kursplus von mehr als 5 Prozent an die Spitze der Gewinner im Deutschen Aktienindex – ein Trost für so viele Aktionäre, die das Abenteuer der Welt AG viel Geld gekostet hat.
Auf dem Börsenparkett keimt die Hoffnung und in der Autobranche wächst die Erwartung, dass es mit Daimler ohne Chrysler rasch aufwärts geht. Fachleute verweisen gern auf das Beispiel BMW. Die Münchner mussten nach jahrelangen Verlusten der Tochtergesellschaft Rover einsehen, dass sich Synergien zwischen Premium- und Massenmarke nicht in dem Maße wie erhofft erzielen lassen. Ohne den britischen Patienten steht BMW sechs Jahre später als erfolgreichster Premiumhersteller der Welt besser dar denn je. Ganz zu schweigen von Toyota: Die Japaner haben große Fusionen oder teure Übernahmen stets gemieden und schicken sich in diesem Jahr an, General Motors als größten Autobauer in der Welt abzulösen.
Legendär: Die Hochzeit im Himmel
Daimler und Chrysler, das stellte BMW und Rover und alles Bisherige in den Schatten. Im Juni 1998 besiegelten der damalige Daimler-Vorstandsvorsitzende Jürgen Schrempp und Chrysler-Boss Bob Eaton die größte Firmenfusion der Geschichte. Daimler und Chrysler, das war ein neuer Gigant mit 412.000 Mitarbeitern, 234 Milliarden Umsatz. Legendär bleibt Schrempps Spruch von der Hochzeit im Himmel.“ Daimler ohne Chrysler: Nach der Scheidung auf Erden fallen die Schwaben gemessen an Umsatz und Absatz nun weit hinter die beiden Autoriesen General Motors und Toyota zurück, mit denen sie bisher auf Augenhöhe waren. Nun reihen sie sich hinter der Nummer fünf, Volkswagen, wieder ein.
Mit dieser Transaktion haben wir die Voraussetzungen für einen neuen Start für Chrysler und für Daimler geschaffen“, sagte Konzernchef Zetsche am Montag. Es liegt an Zetsche, künftig ausschließlich den Mercedes-Stern auf Hochglanz zu polieren. Ausgerechnet der Mann mit dem markanten Schnauzbart, der im Schulterschluss mit Schrempp viel Zeit in die Fusion mit Chrysler investiert hat, von 2000 bis 2005 die Automarke auch selbst führte und – wie sich bald zeigte – nicht nachhaltig sanierte, räumt mit der Welt AG auf. Vom japanischen Problemfall Mitsubishi, der dritten Säule in Schrempps allumfassendem Autoreich, hatten sich die Stuttgarter schon im Jahr 2004 getrennt. Auch Mitsubishi war wie Chrysler immer wieder in Not geraten und Daimler hätte abermals Geld nachschießen müssen.
Wie Feuerwehrmänner
Zuvor mussten jahrelang die besten Ingenieure und Manager wie Feuerwehrmänner ausrücken, um entweder bei Chrysler oder Mitsubishi irgendwelche Brände zu löschen. Gegen den Willen Schrempps wurde das heikle japanische Kapitel beendet, ein Jahr später war auch Schrempp Geschichte. Bald wird sicherlich die vollständige Abgabe der EADS-Beteiligung folgen. Anfang dieses Jahres wurde die Beteiligung am europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern schon von 22,5 auf 15 Prozent reduziert, das Aktienpaket ging an ein Finanzkonsortium.
Nun schlägt Zetsche ein neues Kapitel auf. Legt man die Kennzahlen des Jahres 2006 zugrunde, verschwinden aus der Bilanz 47 Milliarden Euro Umsatz und 80.000 Beschäftigte. Aber auch ohne Chrysler wird Daimler ein globaler Automobil-Konzern bleiben, nur enger fokussiert auf das ungleich profitablere Premiumsegment. In der Nutzfahrzeugsparte, der sogenannten Truck Group“, ist Daimler heute Weltmarktführer. Die Sparte beschäftigt 117.000 Menschen und erwirtschaftete mit Marken wie Mercedes-Benz, Freightliner oder Mitsubishi Fuso zuletzt 32 Milliarden Euro.
Ironie der Geschichte
Die Mercedes Car Group wiederum, zu der neben Mercedes-Benz noch die Marken Smart und Maybach gehören, steht nach der überstandenen Pannenserie des E-Klasse-Modells wieder auf solidem Fundament: 54,5 Milliarden Euro Umsatz und ein Gewinn von 2,4 Milliarden Euro überdecken das Verlustjahr 2005. Vor wenigen Wochen konnte Zetsche einen Absatzrekord für das vergangene Geschäftsjahr ausrufen: 1,26 Millionen Autos wurden 2006 an Kunden in aller Welt ausgeliefert. Das waren zwar gut 100.000 Fahrzeuge weniger als der Münchner Erzrivale von den Marken BMW, Mini und Rolls-Royce abgesetzt hat.
Aber – Ironie der Geschichte – es ist fast genau jene Zahl, die 1998 der damalige Mercedes-Chef Jürgen Hubbert anzweifelte: Eine Expansion auf mehr als 1,2 Millionen Fahrzeugen, hatte Hubbert vor der Fusion mit Chrysler gesagt, könne nicht unter dem Markenzeichen des Sterns bewerkstelligt werden. Alles was darüber hinausgehe, so die Botschaft, müsse mit einem Partner realisiert werden. Gemeint war Chrysler.
Der Kardinalfehler ist heute bekannt
Der Kardinalfehler der Fusion mit den Amerikanern ist heute hinlänglich bekannt: Die deutsche Nobelmarke und die Massenautos aus Amerika passten nie zusammen, die Mercedes-Technik war für die schlichten Chrysler Autos zu teuer und umgekehrt waren die Chrysler-Teile qualitativ zu schlecht für Mercedes. Bekannt sind auch die Ursachen für die Chrysler-Misere: Die Autos sind groß und schwer, sie verbrauchen viel Sprit und treffen nicht den Geschmack amerikanischer Kunden.
Dem heutigen Chrysler-Management ist das nicht allein anzukreiden, denn die aktuellen Modelle wurden zum Teil unter der Regie vom heutigen Daimler-Chef Zetsche und seinem damaligen Chrysler-Vize Wolfgang Bernhard entwickelt. Letzterer erhält als Berater des Chrysler-Käufers Cerberus abermals die Chance, das amerikanische Unternehmen zu sanieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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