11. April 2005 Die Hannover Messe gilt zu Recht als Mutter der Messen. Die Werkzeugmaschinenmesse Emo in Mailand, die Baumaschinenmesse Bauma in München, die Gebäudetechnikmesse Light & Building in Frankfurt, die Druckmaschinenmesse Drupa in Düsseldorf oder die Computermesse Cebit in Hannover waren einst Bestandteile der Hannover Messe. Alle diese Ableger haben sich prächtig entwickelt. Sie sind heute in der Welt die führenden Messen ihrer jeweiligen Branche. Die Computermesse Cebit ist mittlerweile sogar größer als die Hannover Messe - und beide zusammen sind für die Messegesellschaft in Hannover von größter Bedeutung, um in die Gewinnzone zurückzukehren.
Der Muttermesse hat das Abspalten von Spezialmessen lange Zeit nicht geschadet. Sie blieb vor allem bis zum Fall des Eisernen Vorhangs das Schaufenster der westdeutschen Industrie. Mit dem Fall der Mauer und der Öffnung Osteuropas verlor sie jedoch weitgehend ihre politische Bedeutung. Erst in diesem Jahr leuchtet davon wieder etwas auf, wenn heute neben Bundeskanzler Gerhard Schröder auch der russische Präsident Wladimir Putin die Messe besucht und die größte Wirtschaftsschau Rußlands außerhalb des eigenen Landes eröffnet.
Fabrik der Zukunft
Schlimmer als der politische Bedeutungsverlust wiegt der inhaltliche. Mit jeder Abspaltung verschwamm das Profil der Hannover Messe ein bißchen stärker. Im vergangenen Jahr mußte die Messe einen Einbruch bei Ausstellern und Besuchern hinnehmen. Eile war geboten. Der Vorstand der Deutschen Messe AG mußte handeln: Seit einem Jahr gilt nicht nur ein neues Motto, die Messe steht auch wieder unter einem schlüssigen Konzept. Die Hannover Messe will seither die "Wertschöpfungskette für die industrielle Fertigung" abbilden. Sie hat sich damit ganz eindeutig auf Fertigungstechniken festgelegt, die man unter dem Motto "Fabrik der Zukunft" zusammenfassen könnte.
Dieses Konzept zu verwirklichen ist schwieriger, als es der attraktive Titel vermuten läßt. Hannover lebte früher von spektakulären Großereignissen wie den politischen Treffen der Regierungschefs aus Ost und West, aber auch von optisch beeindruckenden Großanlagen. Während die politischen Begegnungen nun wieder aufleben, sind die Baukräne vermutlich für immer verschwunden.
Schaufenster deutscher Leistungsfähigkeit
Das Stichwort für die Produktionstechnik lautet heute in allen Bereichen: Miniaturisierung. Die Produkte werden kleiner, und sie integrieren immer mehr Funktionen. Den Innovationspreis der Messe bekommt daher ein Unternehmen, das eine große Sensorleistung auf nur einem Chip abbildet. Damit werden die Produktionskosten im Verhältnis zu vergleichbaren Geräten auf ein Zehntel reduziert. Mit solchen Techniken läßt sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit allerdings nicht so leicht gewinnen wie einst mit Baumaschinen oder Lokomotiven.
Für den Standort Deutschland ist die "neue Hannover Messe" aber mindestens so wichtig wie die alte. Die Automatisierung, und um kaum etwas anderes dreht sich die Produktionstechnik, ist eines der technischen Gebiete, auf denen Deutschland Weltspitze ist. Deswegen ist es schade, daß jede Entwicklung bei Konsumgütern der öffentlichen Aufmerksamkeit sicher sein kann, während die Produktionstechniken bis hinein in die Wissenschaft in der Wahrnehmung immer weiter abfallen. Die Konsumgüter kommen meist aus Fernost - gefertigt allerdings mit Technologien aus Deutschland. Hannover ist daher auch als Messe für Fertigungstechnik das Schaufenster deutscher Leistungsfähigkeit und Ingenieurkunst.
Rückkehr der Robotik
Die mehr als 6000 Aussteller aus 65 Ländern kommen zwar in erster Linie, um zu verkaufen. Daß sie dies aber in Deutschland tun wollen, ist auch eine Reverenz an den auf diesem Gebiet führenden Standort, der für Ingenieurleistungen in der Elektronik und im Maschinenbau noch immer weltweit einen guten Ruf genießt. Der um tausend Unternehmen erweiterte Ausstellerkreis zeigt, daß das neue Konzept angenommen worden ist.
Am Ziel ist die Hannover Messe damit jedoch noch nicht. Zwar präsentieren sich die elf großen Teilmessen in erstaunlicher Stärke: von der Oberflächentechnik und der Antriebstechnik über die Fertigungsautomation, die Energietechnik bis zur Spezialmesse für Zulieferung und Werkstoffe. Die Hannover Messe hat durch alle Abwanderungen und Absplitterungen, nicht zuletzt durch den Weggang der Roboterhersteller nach München, aber auch Substanz verloren, die schmerzlich vermißt wird. Vor allem die eingeleitete Rückkehr der Robotik wäre notwendig, um wirklich die gesamte Fertigungstechnik in Hannover darzustellen.
Die Mutter aller Messen
Eine weitere Schwierigkeit liegt in den Zyklen der Teilmessen. Im nächsten Jahr werden einige Teile der Hannover Messe fehlen, weil die Aussteller einen jährlichen Messeauftritt angesichts ihrer langen Entwicklungszeiten und Produktzyklen nicht für sinnvoll halten. Die Messeleitung bemüht sich, diese Lücke mit neuen Themen wie der Gebäudetechnik und dem Gebäudemanagement zu füllen. Doch ist etwa das Gebäudemanagement ein Modethema, an dem viele Messeplätze teilhaben wollen. Hier muß sich Hannover eine führende Stellung erst noch erkämpfen.
Die Messe muß also abgewanderte Branchenbereiche zurückholen, neue Themen etablieren und die öffentliche Aufmerksamkeit auch für weniger spektakuläre Technik wecken. Außerdem muß sie auf der Hut sein, daß nicht abermals Teile herausgebrochen und an anderen Messeplätzen verselbständigt werden. Mit der Akzeptanz des neuen Konzepts sind die Voraussetzungen allerdings gut, daß die Mutter der Messen ihre Schwächephase hinter sich läßt und ihre alte Führungsrolle zurückgewinnt.
Text: F.A.Z., 11.04.2005, Nr. 83 / Seite 11
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