14. Oktober 2008 In der Verlagsbranche herrscht Angst. Es sind aber nicht fehlende Kredite, die die Verleger belasten. Sorge bereitet die Elektronik. Vor einem Jahr atmete die Branche auf, weil sich das E-Book“ – also das Buch, dass man sich aus dem Internet auf einen Bildschirm herunterlädt – überraschend schlecht verkauft. Der amerikanische Fachverleger Michael Cader konnte als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse noch verkünden, das Internet verändere nicht das Buch, sondern höchstens den Markt für Bücher. Zwar bestellten immer mehr Menschen ihr Buch per Internet, aber eben immer noch das auf Papier gedruckte Buch.
Aber das hat sich binnen eines Jahres geändert. Amazon hat mit seinem Kindle“ ein elektronisches Buchlesegerät auf den Markt gebracht, das seinen Vorgängern weit überlegen ist. Man kann auf einem Bildschirm in Taschenbuchgröße bequemer lesen als bisher, kann wie in einem Buch blättern, Stellen anstreichen oder Bemerkungen am Seitenrand anbringen. Das Kindle versucht das Buch zu simulieren und nicht den Computer“, beschreibt Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, den großen Vorteil des Geräts, das in Amerika schon verkauft wird. Das Gerät kostet 360 Dollar, und für 10 Dollar Monatsgebühr kann man sich von 145.000 verfügbaren Titeln jeweils 200 auf sein Gerät herunterladen. Sony bringt bald ein ähnliches Gerät namens E-Reader auf den Markt, Libri bietet den iLiad ER 150 für 500 Euro schon heute an.
Ob die Elektronik dem Buchmarkt schadet oder nutzt, ist umstritten
Ob das Gerät dem Buchmarkt schadet oder nutzt, ist umstritten. Boos kann sich vorstellen, dass hier ein zusätzlicher Markt entsteht, so wie durch die Einführung der Hörbücher. Der brasilianische Krimiautor Paulo Coelho berichtete zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, dass sich der Absatz seiner Bücher erhöht habe, seit die Texte im Internet zur Verfügung stehen. Auch für Gottfried Honnefelder, den Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, erhält das Buch durch das Internet eine neue Dimension. Er mahnte jedoch eine Regelung des Urheberrechts im Internet an, um Raubkopien zu verhindern.
Aber nicht nur die elektronischen Buchlesegeräte wie Kindle beschleunigen den Vormarsch des elektronischen Buches. Im Fachbuch ist die Elektronik international schon weit vorgedrungen. Vor allem in Asien und hier speziell in China sind viele Fachbücher schon heute von vornherein nur als elektronische Ausgaben für Internetnutzer vorgesehen. Wissenschaftler lesen offenbar Bücher vor allem am Computerbildschirm. Im Schulbereich könnte ein elektronisches Buchlesegerät je Schüler ausreichen, um alle Lehrbücher zu ersetzen.
Verlage - keine Buchhersteller mehr, sondern Vermarkter von Inhalten
Gerade auf das Vordringen der Elektronik im Bildungsbereich setzen die größten Verlage der Welt, die sich immer weniger als Buchhersteller verstehen denn als Vermarkter von Inhalten (Content-Anbieter). Bei den weltgrößten Verlagsgruppen Thomson Reuters (Vereinigte Staaten), Pearson (Großbritannien), Bertelsmann (Deutschland), Reed Elsevier (Niederlande) sowie Wolters Kluwer (ebenfalls Niederlande) steht die Entwicklung elektronischer Angebote eindeutig im Vordergrund.
Auf der Frankfurter Buchmesse, auf der vom 15. bis 19. Oktober mehr als 7000 internationale Verlage ihre Produkte ausstellen, wird für viele Besucher neu sein, dass nach dem Fachbuch auch das Sachbuch und vor allem die unterhaltende Literatur (Belletristik) elektronisch daherkommt. Internationale Verlage wie Penguin oder Random House (Bertelsmann) melden seit Monaten exponentiell steigende Umsätze mit elektronischen Büchern. Inzwischen gehen aber deutsche Verlage wie S. Fischer oder Droemer Knaur dazu über, elektronische Bücher zu produzieren. Campus hat schon 800 Titel elektronisch im Angebot, jährlich sollen 160 weitere folgen.
Print on Demand: Das Buch auf Bestellung
Elektronisch getrieben wird auch der Print-on-Demand-Bereich, bei dem ein Buch nur auf Bestellung erst gedruckt wird. Schon bisher bieten Buchhersteller wie die Books on Demand GmbH (BoD) aus Norderstedt bei Hamburg viele Bücher an, die nicht mehr auf Vorrat gedruckt werden. Hier verlegen Menschen ihr Buch, das sie schon immer schreiben wollten.
Aber wirtschaftlich interessant ist das Drucken auf Bestellung für ältere Bücher, für die sich Neuauflagen nicht mehr lohnen, oder für wissenschaftliche Bücher, die ohnehin nur in kleinen Auflagen gedruckt werden. Der wissenschaftliche Springer-Verlag bietet den Bibliothekskunden in Amerika an, alle elektronisch verfügbaren Bücher für (preiswerte) 25 Dollar als Book-on-Demand-Ausgabe bestellen zu können. Man hält den Inhalt elektronisch vor, kann ihn jederzeit aktualisieren und druckt ihn bei Bedarf aus. Das reduziert die Lagerhaltung.
Im kommenden Jahr kommt BOD den Verbrauchern weiter entgegen. In Kooperation mit dem amerikanischen Unternehmen On Demand Books wollen die Norderstedter eine Espresso Book Machine (EBM) in Deutschland, Österreich und der Schweiz etablieren. Über die Maschine sollen, so der Plan, sämtliche BoD-Titel sowie Titel von Lightning Source Inc. – dem größten Book-on-Demand-Hersteller der Welt – vertrieben werden. Auf Knopfdruck fällt aus der Maschine statt eines frisch gebrühten Espressos ein frisch gedrucktes Taschenbuch. Mit mehr als 70.000 digital vorliegenden Titeln bietet BoD ein bedeutendes Content-Volumen, das mit der Espresso Book Maschine direkt zum Kunden gebracht werden kann“, sagt BoD-Geschäftsführer Moritz Hagenmüller.
Der Buchautomat, der mit Hochgeschwindigkeit druckt und bindet
Lightning Source könnte bis zu 650.000 englischsprachige Titel bereitstellen. Der Buchautomat nutzt eine eigens entwickelte Software und eine patentierte, voll integrierte Hochgeschwindigkeitsmaschine zum Drucken, Binden und Beschneiden qualitativ hochwertiger Taschenbücher. Die in digitaler Form vorliegenden Bücher werden auf Bestellung in wenigen Minuten zu geringen Kosten produziert. Man stellt sich vor, dass diese Buch-Espresso-Maschinen in Buchhandlungen oder Bibliotheken stehen werden.
Damit könnten auch kleine Buchhandlungen wieder Marktanteile zurückgewinnen. Obwohl Deutschland noch immer 3500 Buchhandlungen zählt, geht etwa ein Viertel des Branchenumsatzes von 9,5 Milliarden Euro an die Marktriesen DBH Holding (Weltbild, Hugendubel) und Thalia, einer Tochtergesellschaft der Douglas-Holding. Die zehn größten Sortimentshändler teilen sich 40 Prozent des Marktes, der in diesem Jahr bis September um 1,4 Prozent gestiegen ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa
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