„Desertec“

Das Wüstensolarprojekt kommt voran

Von Rüdiger Köhn

Auch in der Wüste von Las Vegas stehen solarthermische Kraftwerke

Auch in der Wüste von Las Vegas stehen solarthermische Kraftwerke

11. Juli 2009 Das gigantische Solar-Wüstenprojekt Desertec in der Sahara nimmt eine vorläufige Form an. Auf dem Treffen von Unternehmen und auch Vertretern aus der Politik - zunächst aus Deutschland - sollen am kommenden Montag in München erste konkrete Schritte beschlossen werden. Gedacht ist an die Gründung einer Zweckgesellschaft etwa in Form einer GmbH, die sich mit den Vorbereitungen beschäftigen soll. Es geht zunächst um Grundsatzfragen dieses auf 400 Milliarden Euro geschätzten Projektes. Wer beteiligt sich? Wie kann sich ein derart großes Vorhaben rechnen und auch später umgesetzt werden?

„Es wird bestimmt zwei Jahre dauern, bis die Vorbereitungen abgeschlossen sind“, sagt René Umlauft, Vorstandsvorsitzender von Siemens Renewable, im Siemens-Konzern zuständig für das Geschäft mit erneuerbaren Energien wie Windkraft- und Solaranlagen. „Danach fängt die Detailplanung an.“ Dazu würde dann etwa die Festlegung der Trassen für die Stromleitungen oder die Schritte für den Auf- und Ausbau der Solaranlagen in der Wüste Nordafrikas gehören.

Riesige Solarkraftwerke in der Sahara

„Eine Möglichkeit wäre die Gründung einer GmbH als Zweckgesellschaft“, sagt Umlauft mit Blick auf die Sitzung am Montag, an der er teilnimmt. „Es sollte kein lockerer Zusammenschluss sein, sonst besteht die Gefahr, dass das Ganze im Sande verläuft.“ Für ihn wird es mindestens zehn Jahre dauern, bis der erste Strom aus Nordafrika in die europäischen Steckdosen fließt.

Mitte Juni machte die Münchener Rückversicherung den Vorstoß zu einem Treffen am 13. Juli, um ein seit vielen Jahren von Wissenschaftlern angedachtes Projekt mit dem Namen Desertec anzuschieben, das aus der Visionenschmiede des Club of Rome stammt. Es sieht den Bau riesiger Solarkraftwerke in der Sahara vor, deren umweltfreundlicher und kohlendioxidfrei erzeugter Strom über Tausende von Kilometer nach Europa und damit auch nach Deutschland geliefert werden soll. Es geht um den Bau von solarthermischen Anlagen, die Dampf erzeugen, der Turbinen für die Stromerzeugung antreibt; anders als die gegenwärtig gängige Photovoltaik, mit der Sonnenstrahlen über Wechselrichter direkt in Strom umgewandelt werden.

„Technisch ist alles machbar“

Die Rede war von rund 20 Unternehmen, die sich an dieser Initiative unter der Führung der Münchener Rück mit deren Expertise in Katastrophen- und Klimaforschung beteiligen würden. Neben dem Rückversicherer und der Deutschen Bank wurden die Stromkonzerne RWE und Eon genannt, die Solarunternehmen Schott, Q-Cells und Solar Millenium, der deutsche Ableger des Schweizer Industriekonzerns ABB und eben Siemens. Umlauft rechnet damit, dass sich 12 oder 13 Unternehmen an der Zweckgesellschaft beteiligen könnten.

„Wir wissen längst, dass es funktioniert“, sagt er. „Technisch ist alles machbar.“ Schließlich seien seit den Studien des Club of Rome viele Jahre vergangen. Heute gibt es schätzungsweise schon 50 Anlagen, die mit der Technik der Solarthermie arbeiten, sich im Bau befinden oder projektiert sind. Siemens hat daran einen Marktanteil von 80 Prozent. Auch die Übertragung von Strom über weite Strecken ist für Umlauft mittlerweile kein Thema mehr.

In China errichtet Siemens eine Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) über 1400 Kilometer, die 5000 Megawatt - entsprechend einer Leistung von fünf Kernkraftwerken - übertragen kann. In der Bucht von San Francisco gibt es solche Stromautobahnen genauso wie zwischen der Nord- und der Südinsel Neuseelands. Die Übertragung funktioniert, ohne dass es große Energieverluste gibt, was bislang ein großes Problem gewesen ist. Neben Siemens ist ABB der zweite Anbieter dieser Technologie weltweit.

Der Preis, der am Ende vom Verbraucher zu zahlen ist

Trotz der ausgereiften Technik sieht der Siemens-Manager jedoch weiteren Handlungsbedarf, die Kosten zu senken. In einem Projekt dieser Dimension gebe es noch Spielraum. Denn neben den Investitionen und deren Finanzierung müsse es darum gehen, die Kosten je Kilowattstunde (KWh) zu senken - der Preis, der am Ende vom Verbraucher zu zahlen ist. Der ist mit veranschlagten 20 Eurocent im Vergleich zu den Gestehungskosten konventioneller Kraftwerke mit 4 bis 5 Cent deutlich teurer. Umlauft setzt auf Mengeneffekte, die sich mit dem Ausbau des Desertec-Projektes ergeben würden.

Er vergleicht es mit der Entwicklung in der Windkraft: „Ein Megawatt hat einmal 3 Millionen Euro gekostet, heute sind es 1 Million Euro.“ Für ihn sind so viele Fragen offen, die auch nicht gleich mit der Sitzung am Montag beantwortet werden. Aber wichtig sei, dass ein klares Bekenntnis abgegeben wird und möglichst viele ihren Beitrag leisten. Deswegen muss in seinen Augen auch die Kooperation auf europäischer Ebene gesucht werden, genauso wie Unternehmen nicht ausgesperrt werden dürften, wenn sie sich beteiligen wollten. Immerhin treffen mit Siemens und ABB oder mit RWE und Eon Konkurrenten in der zu gründenden Zweckgesellschaft aufeinander. Umlauft: „Es geht um die Realisierung einer Vision, bei der alle mitmachen müssen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Mit dem FAZ.NET-Stromrechner können Sie sich Ihren persönlichen Stromtarif kostenlos berechnen lassen. Jetzt hier klicken und Stromtarife vergleichen.

Münchener-Rück-Manager Höppe

„Strom aus der Sahara ist eine große Idee“

Peter Höppe leitet bei der Münchener Rück den Bereich GeoRisikoForschung. Er ist die treibende Kraft hinter dem Projekt Wüstenstrom

Er ist die treibende Kraft hinter dem 400 Milliarden Euro schweren Sahara-Wüstenstrom-Projekt: Der Münchener-Rück-Manager Peter Höppe erläutert, warum Solarkraftwerke in Afrika unsere Energieprobleme lösen - ein Interview.

Gleichstrom

Wie Afrikas Strom in unsere Steckdosen kommt

HGÜ-Kabelverlegung an Land

Solarstrom aus der afrikanischen Wüste - eine spektakuläre Vision. 400 Milliarden Euro sollen nun für ein entsprechendes Vorhaben ausgegeben werden. Doch wie käme der Strom zu uns? Wie können solche Strommengen zwei Kontinente und ein Meer passieren? Von Georg Küffner

Gigantisches Projekt

400 Milliarden Euro für Solarstrom aus der Wüste

So könnte es aussehen: Wüstenprojekte gibt es schon heute, zum Beispiel in der Negev-Wüste in Israel

Zwanzig große Konzerne wollen für 400 Milliarden Euro Solarkraftwerke in den Wüsten Afrikas bauen und damit auch deutsche Haushalte versorgen. Doch schon gibt es erste Zweifler: Will man solch eine starke Abhängigkeit von womöglich politisch instabilen Ländern?

Solarthermie

Stromerzeugung aus Sonnenhitze

Sonnenlicht wird auf einen zentralen Punkt gespiegelt: Das Bild zeigt ein Solarthermie-Kraftwerk in Spanien

Mehrere deutsche Unternehmen wollen die Chancen für solarthermische Kraftwerke in Nordafrika ausloten. Anders als bei Photovoltaikanlagen wird der Strom dabei nicht direkt aus Sonnenlicht erzeugt, sondern mit Hilfe von Spiegeln gebündelt. Grundlagen der Solarthermie.

Solarstrom aus Afrika

Gut und teuer

Über diese Parabolspiegel soll der Strom gewonnen werden. Doch wie funktioniert der Transport?

Solarstrom aus Afrika ist grundsätzlich eine gute Idee: Sonnenkraftwerke sollten dort entstehen, wo die Sonne lange und kräftig scheint. Also nicht schwerpunktmäßig im schattigen Deutschland. Offen ist nur, wie man am geschicktesten die Investitionskosten den Stromkunden aufbürdet. Von Georg Küffner

Deutsche Energieagentur

„Wir brauchen keinen Strom aus der Sahara“

Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler

Unternehmen um die Münchener Rück wollen Sonnenstrom in Afrika erzeugen und importieren. Die von der Bundesregierung getragene Deutsche Energieagentur stuft das als Geldverschwendung ein: Ein F.A.Z.-Interview mit Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler.