09. Februar 2005 Der Milliardengewinn der Deutschen Bank sollte nicht zu falschen Schlüssen verleiten: Insgesamt ist die Lage der Branche nach Einschätzung von Bankenpräsident Rolf Breuer weiterhin bedenklich. Zwar hätten sich Banken und Sparkassen nach den Krisenjahren 2002 und 2003 erholt. "Es ist aber noch keine Entwarnung angesagt", sagte Breuer vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten.
Die Profitabilität der Finanzinstitute sei zu gering, zudem hätten sie kaum noch stille Reserven, mit denen sich Ertragseinbrüche im Notfall ausbügeln ließen. "Das stimmt nachdenklich", sagte Breuer. Obendrein seien die Zinsmargen wegen des scharfen Wettbewerbs wieder "außerordentlich schlecht" geworden. Wegen der geringen Profitabilität sei mit weiterem Stellenabbau im Bankgewerbe zu rechnen.
Kritik karnevalesk
Vor diesem Hintergrund zeigte sich Breuer, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank ist, über die heftige politische Kritik am Arbeitsplatzabbau seines Instituts überrascht. Manche Äußerungen seien geradezu "karnevalesk". Er bezog sich damit auf die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti, die am Dienstag die Kunden der Deutschen Bank aufgefordert hat, ihre Konten abzuziehen. Die Bank treibe ein zynisches Spiel mit den Beschäftigten, wenn sie trotz sinkender Steuern und Lohnnebenkosten und trotz Gewinnen in Milliardenhöhe Tausende Arbeitsplätze abbaue. "Damit bleibt einmal mehr das soziale Gewissen auf der Strecke. Jeder Kunde der Deutschen Bank kann sich überlegen, ob er nicht mehr für Arbeitsplätze in Deutschland tut, wenn er zu einer öffentlich-rechtlichen Sparkasse oder Genossenschaftsbank wechselt", sagte die SPD-Politikerin. Der Grünen-Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer sagte dem "Handelsblatt": "Die rücksichtslose Vorgehensweise der Deutsche-Bank-Führung fügt dem Standort Deutschland mehr Schaden zu, als man auf den ersten Blick sieht." Die Deutsche Bank hatte am vergangenen Donnerstag angekündigt, trotz eines Gewinns von 2,5 Milliarden Euro rund 5200 ihrer global 65 000 Arbeitsplätze abzubauen sowie 1200 Stellen in Standorte mit niedrigeren Kosten zu verlagern.
Der Abbau von knapp 2000 Arbeitsplätzen in Deutschland sei bereits im vergangenen November angekündigt worden, sagte Breuer. Die Bank arbeite seit Wochen einvernehmlich mit dem Betriebsrat daran, den Stellenabbau sozialverträglich zu gestalten. Zum Abbau von rund 3000 Stellen im Ausland sagte Breuer, die Mitarbeiter in Finanzzentren wie London und New York seien aufgrund der dort üblichen Usancen darauf gefaßt, kurzfristig entlassen zu werden. Für dieses Risiko würden sie durch vergleichsweise hohe Gehälter entschädigt.
Provinzielle Diskussion zum Börsenstandort
Zum Dauerstreit über die Gliederung des deutschen Finanzgewerbes in drei Säulen - private Banken, Genossenschaftsbanken sowie öffentlich-rechtliche Sparkassen und Landesbanken - sagte Breuer, er glaube, diese Struktur sei auf Jahre hinaus zementiert. "In den nächsten fünf Jahren tut sich da nichts Wesentliches." Auch aus dem Ausland seien kaum Impulse zu erwarten. Das Interesse ausländischer Banken an der Übernahme deutscher Institute sei abgeflaut, hat Breuer beobachtet.
In der Auseinandersetzung um die Übernahme der London Stock Exchange durch die Deutsche Börse war Breuer, der Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Börse ist, bemüht, die Bedeutung der Standortwahl herunterzuspielen: "Diese Frage wird überschätzt", sagte Breuer und beklagte, daß die Diskussion in Deutschland etwas provinziell sei. "Ich sehe das eher unter einem europäischen Blickwinkel." Die Deutsche Börse habe heute schon Aktivitäten in Luxemburg angesiedelt. Auch habe London den "besten Kassamarkt in Europa". Zugleich lobte Breuer das Segment für Börsenneulinge AIM, die Informationstechnologie und das Abwicklungshaus Crest.
Am Montag hatte Breuer vor der London School of Economics die Londoner Börse im Vergleich zu den anderen europäischen Börsen als "schwach" bezeichnet. Sorgen der britischen Finanzaufsicht, die Deutsche Börse werde nach einer Übernahme ihre Zusagen nicht einhalten und doch mittelfristig die Londoner Börse abziehen, bezeichnete Breuer als unbegründet. "Es gibt keinen Grund für diese Sorgen", sagte Breuer. "Wir stehen zu unseren Versprechen."
Text: bf./hlr., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2005, Nr. 33 / Seite 9
Bildmaterial: dpa
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