Im Interview: Wolfgang Porsche

„Die Firma können Sie wechseln, die Familie nicht“

29. Juli 2007 Herr Porsche, haben Sie als Familienoberhaupt den Überblick, auf wie viele Mitglieder der Porsche-Piëch-Clan angewachsen ist?

Ganz exakt nicht, wahrscheinlich sind es um die 50. Die Porsches sind jedenfalls weniger als die Piëchs.

Und Ihr Job ist es, die beiden Stämme einigermaßen friedlich zusammenzuhalten.

Das Wichtigste ist, dass wir mit einer Stimme sprechen. Meine Aufgabe ist es, die jungen Leute an die Firmen heranzuführen. Das ist die Kunst; dass man der nächsten Generation kein Sofa hinstellt und sagt: So, jetzt seid ihr im Clan und dürft euch ein paarmal im Jahr Dividende abholen.

Welche Mission treibt die Familie: Geht es schlicht darum, das Vermögen zu mehren? Oder müssen Sie immer auch die schönsten und schnellsten Autos bauen?

Die Bewegung, die Mobilität, ist sicher unser Thema. Außerdem wollen wir erhalten und mehren, was Eltern und Großvater geschaffen haben.

Haben Sie Ihren Großvater, den Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche, noch bewusst erlebt?

So gut das für einen Jungen mit sechs oder sieben Jahren geht. Mein Großvater war ein rastloser Mann mit vielen Enkeln. Wenn er mal Zeit hatte, dann hat er uns mit ins Kino genommen. Das hatte für ihn zwei Vorteile: Wir waren beschäftigt, und er konnte schlafen. Weil ich der Jüngste war, saß ich neben ihm und habe gesehen, wie ihm die Augen zugefallen sind. Habe ich ihn nach der Vorführung gefragt, wie der Film war, hat er gesagt: wunderbar.

Ferdinand Porsche wusste, dass er mit seinen Ideen etwas Bleibendes schafft?

Ja, durchaus. Er kannte keine Ruhe, die Großmutter hat ihm vorgehalten, sein Bett müsste Räder haben. Der Großvater war ja ein durchaus jähzorniger Mann, ein Choleriker. Als er nach 1945 in Kriegsgefangenschaft bei den Franzosen kam, war das furchtbar für ihn in dem hohen Alter. Er war über 70, als er eingesperrt wurde, dann hat er sich das erste Schlagerl geholt. Den 75. Geburtstag hat er 1950 noch auf Schloss Solitude in Stuttgart gefeiert. Im Januar darauf ist er gestorben. Dabei wollte er noch so viel bewegen.

Die Verantwortung für die Firmen erhielten dann Ihr Vater und Ihre Tante Louise Piëch.

Louise Piëch hat das Geschäft in Salzburg übernommen. Mein Vater das in Stuttgart. Die ersten 52 Autos, die 356er Roadster, wurden zunächst in Gmünd in Kärnten gebaut und ab 1950 in Stuttgart.

Mehr Geld als mit den eigenen Autos hat die Familie lange mit dem Vertrieb für VW in Österreich verdient.

Der Abschluss des Importeursvertrags war sehr wichtig, den hat mein Vater gemacht. Seit über 60 Jahren sind wir Importeur für VW, zwischenzeitlich für alle Konzernmarken und natürlich für Porsche. Gestatten Sie mir an der Stelle ein Eigenlob: Wir sind einer der besten unabhängigen Importeure überhaupt, äußerst erfolgreich nicht nur in Österreich, sondern in ganz Osteuropa.

Mit der Unabhängigkeit ist es jetzt bald vorbei, da VW Teil Ihres Familienunternehmens wird.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Das sind zwei Paar Schuhe. Die VW-Aktien hat die Porsche AG gekauft, nicht die Familie.

Warum darf eigentlich kein Mitglied der Familie mehr eine Ihrer Firmen führen?

Viele Köche verderben den Brei. Die Familie stand sich im Geschäft zu sehr auf den Füßen.

Der Streit hat sich derart zugespitzt, dass auch ein Therapeut auf einem Familientreffen 1972 nichts mehr retten konnte?

Das ging einfach nicht mehr. In der damaligen Porsche KG war mein Vater Geschäftsführer. Ferry Piëch war der Chef der Entwicklung. Mein Bruder Ferdinand Alexander war der Design-Chef, mein Bruder Peter der Produktionschef. Und mein Cousin Michel Piëch war der Vertriebschef. Lieber Gott, was bin ich froh, dass ich zwei Jahre jünger bin und deshalb noch nicht im Geschäft war.

Krach unter Kollegen gehört in vielen Betrieben zum Alltag.

Die Firma können Sie sich aussuchen, die Familie nicht. Wir haben damals gesagt: Es kann nur ein Externer die operative Verantwortung haben.

Ist es denkbar, dass mal wieder einer aus der Familie Porsche-Chef wird? Könnte doch sein, dass da irgendwo ein begnadeter Manager oder Konstrukteur heranwächst.

Das mag sein. Vor so einem Schritt müsste sich aber unheimlich viel verändern. Vorstellbar ist das vielleicht in der nächsten oder übernächsten Generation. Dann, wenn wir abgetreten sind, die wir die eine oder andere Blessur innerhalb der Familie erlitten haben.

Was war die schlimmste Verletzung? Als Ihr Cousin Ernst Piëch vor Jahren seine Anteile an arabische Investoren verkaufen wollte?

Für die Senioren war das sicher eine schwierige Situation, für die Cousins und Geschwister vielleicht auch. Es war jedenfalls nicht ganz einfach, vom Sohn oder Neffen zu erfahren, dass schon ein fertiger Kaufvertrag mit den Kuweitis vorgelegen hatte. Mit allen Mühen haben wir dieses Geschäft dann verhindert, sind selbst eingestiegen und haben meinem Cousin die 98,8 Millionen D-Mark bezahlt.

Was für den ein denkbar schlechtes Geschäft war. Hätte er die Anteile behalten, wäre er heute um ein paar Milliarden Euro reicher.

Das haben Sie gesagt. Aber wenn einer nicht mehr will, dann hat es keinen Sinn, ihn mitzuziehen. Dann sollte ein Schnitt gemacht werden.

Wenn heute jemand aussteigen will, hat die Familie aber das Vorkaufsrecht?

Ja, ja. Das haben wir damals gelernt.

Wie hat man sich das vorzustellen, wenn der Familienrat tagt?

Dreimal im Jahr gibt es in Salzburg ein sogenanntes Gesellschaftertreffen. Dann sind Vorstände dabei und natürlich viele Autos; 20 verschiedene Modelle allein bei der letzten Veranstaltung; vom Lamborghini über den Audi R8 und den Cayenne bis zu Seat und Skoda.

Was fahren Sie lieber? Porsche Cayenne oder VW Touareg?

Porsche bleibt Porsche. Ich fahre einen Cayenne, einen 911er und einen Audi A8.

Und einen Phaeton?

Den besitze ich nicht, da ist mir der A8 lieber. Als normaler Verbraucher wäre ich Audi-Kunde.

Dem Erfinder des Phaeton, Ihrem Cousin Ferdinand Piëch, haben Sie geraten, mit 70 aus dem VW-Aufsichtsrat auszuscheiden. An seinem 70. Geburtstag hat er sich für fünf weitere Jahre zu dessen Vorsitzendem wählen lassen. Hört er nicht auf Sie?

Ich gebe meine Ratschläge für die Familienmitglieder nicht öffentlich, weshalb ich Ihre Feststellung auch nicht kommentieren will. Aber wenn wir zusammensitzen, hört jeder dem anderen zu.

Wer hatte eigentlich die Idee, als Großaktionär bei VW einzusteigen?

Eingefallen ist dieser Coup dem Doktor Wiedeking.

Nicht dem ehemaligen VW-Chef Ferdinand Piëch?

Wiedeking ist mit dieser Idee an uns herangetreten. Und die hat ja eine für den künftigen Geschäftsverlauf und die Zukunftssicherung von Porsche überzeugende Logik. Porsche ist zwar sehr erfolgreich, baut aber nur etwa 100 000 Autos im Jahr. Wir brauchen also einen Partner, um etwa die Entwicklungskosten zu teilen. Wenn man das nötige Geld verdient und auf der hohen Kante hat, stellt sich die Frage nach der sinnvollen Investition. Für uns war das dann zweifelsohne Volkswagen, zumal der Aktienkurs günstig war. Bevor dann Heuschrecken eingestiegen sind, haben wir den Schritt getan.

Um die Kooperationen mit einem Zulieferer abzusichern, müssen Sie ihn nicht gleich kaufen.

Gekauft haben wir VW ja nicht, die Porsche Automobil Holding SE hält etwas über 30 Prozent.

Wollen Sie damit sagen, allein die industrielle Logik zählt? Sie verschwenden keinen Gedanken daran, in die Familie zurückzuholen, was der Großvater begründet hat?

Eine untergeordnete Rolle mag das gespielt haben, das gebe ich zu. Als wir in der Familie darüber diskutiert haben, sind die alten Verbindungen zu VW schnell sichtbar geworden. Keine Frage. Und natürlich stand hinter dem Plan auch die Vorstellung, Geld nicht zu versenken, sondern es zu mehren.

Die Kontrolle über Europas größten Autokonzern hat Sie fünf Milliarden Euro gekostet - ein Schnäppchen. Haben Sie schon den Taschenrechner gezückt und Ihre Rendite berechnet?

Das mache ich nicht. Es ist für mich ganz klar, dass Doktor Wiedeking und sein Finanzkollege Holger Härter bei diesem Deal einen exzellenten Job gemacht haben.

Und wann übernehmen Sie VW komplett?

Noch gilt ja das VW-Gesetz, das die Stimmrechte auf 20 Prozent beschränkt. Insofern sind 30 Prozent ganz komfortabel.
Die Sie schnell nach oben korrigieren, wenn das VW-Gesetz fällt, was für den Spätsommer erwartet wird?

Diese Frage stellt sich jetzt nicht.

Sie werden aber nicht bestreiten, dass die Phantasie einer großen deutsch-österreichischen Automobilgesellschaft mit starken Marken einen gewissen Charme für Ihre Familie besitzt?

Unsympathisch ist der Gedanke nicht, das stimmt.

Der Chef des Porsche-Clans

Wolfgang Porsche ist der Enkel von Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche und der jüngste Sohn von Ferry Porsche. Geboren 1943 in Stuttgart, studiert Wolfgang Porsche in Wien, wo er 1973 zum Doktor der Handelswissenschaften promoviert wird. Der Manager führt heute den Aufsichtsrat der Porsche-Holding in Salzburg sowie der Porsche Automobil Holding SE mit Sitz in Stuttgart. Die wurde jüngst gegründet, um die Beteiligung des Clans an der Sportwagenfabrik (100 Prozent der Stammaktien) sowie an VW (30 Prozent) zu steuern.

Das Gespräch führten Rainer Hank und Georg Meck.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 29
Bildmaterial: AP, Daniel Pilar

 

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Ergebnis
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