Gesundheitskonzern

Streit im Hause Fresenius

Von Carsten Knop und Michael Psotta

16. Mai 2008 Im Gesellschafterkreis des Gesundheitskonzerns Fresenius SE tobt ein Machtkampf: Wird die Tochter des des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden und Ehemanns von Else Kröner, Gabriele Kröner, gegen den Willen der Gründerfamilie aus dem Konzern gedrängt? Dazu haben sich nun Vertreter des Unternehmens zu Wort gemeldet. Der Aufsichtsratsvorsitzende Gerd Krick sowie Dieter Schenk als Vertreter des Großaktionärs Else-Kröner-Fresenius-Stiftung weisen alle Vorwürfe dieser Art zurück.

Kröner, die Stieftochter der verstorbenen Eigentümerin Else Kröner, hatte vor allem Rechtsanwalt Schenk vorgeworfen, er suche mit ihrem Ausschluss aus dem Vorstand der Stiftung und aus dem Fresenius-Aufsichtsrat seine ohnehin schon beträchtliche Machtfülle zu erweitern (siehe Erbenstreit im Dax-Konzern). Schenk, ein Partner der Münchener Anwaltskanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz, ist Vorsitzender des Verwaltungsrates der Stiftung, stellvertrender Aufsichtsratsvorsitzender von Fresenius sowie einer von drei Mit-Testamentsvollstreckern von Hans Kröner.

Hoffnung auf besseres Verhältnis nicht erfüllt

Im Gespräch mit der F.A.Z. heben Schenk, der Stiftungsvorstand Rudolf Herfurth und Karl Schneider, Mitglied des Fresenius-Aufsichtsrates sowie des Verwaltungsrates der Stiftung, hervor, dass das Ausscheiden von Gabriele Kröner aus dem Stiftungsvorstand im Kern nur einen Grund habe: Kröner habe mit den Gremien der Stiftung im Streit gelegen. „Dabei ging es um Probleme in der Zusammenarbeit, um mangelnde Abstimmung und eigenmächtige Handlungen. Die Gründe dafür liegen wohl auch in der Persönlichkeitsstruktur von Frau Kröner“, sagte Schneider. Ihr Vorstandsvertrag in der Stiftung sei nach „eindringlichen Gesprächen“ im vorvergangenen Jahr um ein Jahr verlängert worden. Die Hoffnung auf ein besseres Verhältnis habe sich aber nicht erfüllt. Deshalb habe man keine Möglichkeit zu einer weiteren Zusammenarbeit mehr gesehen.

Dass auch Kröners Mitgliedschaft im Fresenius-Aufsichtsrat nach der unmittelbar bevorstehenden Hauptversammlung am 21. Mai beendet sein soll, begründet Krick damit, dass man dieses Gremium nicht mit den Auseinandersetzungen zwischen Kröner und zahlreichen Funktionsträgern im Unternehmen und in der Stiftung belasten wolle. Außerdem habe man im Unternehmensberater Roland Berger und dem bis vor kurzem als Vorstandsvorsitzender der Commerzbank amtierenden Klaus-Peter Müller zwei Kandidaten gefunden, die mit ihrer internationalen Erfahrung bestens zu dem stark wachsenden Unternehmen passten. Gabriele Kröner dagegen habe keinerlei unternehmerische Führungserfahrung.

Rechtsstreit um Hans Kröners Nachfolge

Vorwürfe, Gabriele Kröner werde gegen den Willen von Hans und Else Kröner hinausgedrängt, weist Schenk ebenfalls zurück. Die Stifterin Else Kröner hätte für die kommende Generation keinen Einfluss vorgesehen. Über die Stiftung sollte, neben Hilfen in Notfällen, lediglich die Ausbildung der Kinder sichergestellt werden. Schenk bestreitet auch, dass er verhindert habe, dass Gabriele Kröner zur Testamentsvollstreckerin bestellt werde. Dies hatte sie nach Hans Kröners Amtsniederlegung 2005 als dessen Nachfolgerin beantragt.

Hans Kröner war nach dem frühen Tod von Else Kröner 1988 als einer von damals zwei Testamentsvollstreckern eingesetzt gewesen. Nach Schenks Erläuterung gab es um seine Nachfolge einen Rechtsstreit, da Hans Kröner innerhalb von 20 Jahren verschiedene Personen zu seinen Nachfolgern bestellt hatte, darunter auch Gabriele Kröner. Das Gericht habe entschieden, dass der erstbenannte Nachfolger, der Wirtschaftsprüfer Winfried Baranowski, einzusetzen sei. Allein deshalb sei Gabriele Kröner in diesem Falle leer ausgegangen.

Es geht um erhebliche Beträge

Krick wendet sich auch gegen den Vorwurf, Schenk habe seine Positionen in Stiftung und Konzern dazu genutzt, seiner Kanzlei Aufträge zuzuschustern. 2007 beispielsweise habe die Kanzlei für den Konzern lediglich für 1 Million Euro juristische Aufträge erhalten - bei einem Gesamtaufwand für juristische Kanzleien von 43,5 Millionen Euro. Sieben andere Kanzleien hätten jeweils höhere Beratungshonorare erhalten. Lukrative Großaufträge wie die Umwandlung der Rechtsform von der AG zur SE, die jüngste Kapitalerhöhung oder den Kauf der Helios-Kliniken seien an Konkurrenten der Anwaltskanzlei von Schenk gegangen. Im Übrigen seien diese Aufträge jeweils vom Aufsichtsrat gebilligt worden. „Des Pudels Kern“ in der Auseinandersetzung, erklärt Schenk, sei finanzieller Art: Gabriele Kröner erhebe einen Pflichtteilsanspruch gegen die Stiftung. Dabei gehe es um erhebliche Beträge: Beziffert werde der Anspruch auf 71 Millionen Euro, wovon sie 25 bis 50 Prozent erhalten wolle. „Gabriele Kröner ist die einzige aus der Familie, die diesen Anspruch gegen den testamentarischen Willen von Else Kröner verficht“, berichtet Schenk.

Gabriele Kröner wandte sich im Gespräch mit dieser Zeitung vehement gegen den Eindruck, es gehe ihr ums Geld. Falls sie den juristischen Kampf um den Pflichtteil gewinne, werde sie die Mittel in eine zum Jahresbeginn gegründete Stiftung mit humanitärem Schwerpunkt ganz im Sinne ihres Vaters stecken. Nach ihren Angaben war auch der Rechtsweg im Gerichtsverfahren, in dem Baranowski zum Mit-Testamentsvollstrecker erklärt wurde, nicht ausgeschöpft. Vielmehr habe sie selbst das Verfahren gezwungenermaßen zurückgezogen, und zwar im Zusammenhang mit der - vorübergehenden - Weiterbeschäftigung im Stiftungsvorstand. Falls es ihr um Geld und nicht den Stiftungszweck gegangen wäre, hätte sie dem Amt des Testamentsvollstreckers den Vorzug geben müssen, denn ein Testamentsvollstrecker werde mit rund 400.000 Euro pro Jahr und Person vergütet. Ihr Gehalt als Vorstand habe zum Vergleich zunächst 40.000, dann 80.000 und zuletzt 150.000 Euro betragen.

Gegen das Naturell „von Hans und Else“

Mitglieder der Familie Kröner bestätigen hingegen in allen Punkten die Version Kricks und Schenks. Andreas Berninger, der dem Verwaltungsrat der Stiftung angehört, sagte, dass Form und Inhalt der von Gabriele Kröner angestrengten Auseinandersetzung „dem Naturell von Hans und Else widersprechen“. Aus seiner Sicht habe die Familie keinerlei Anlass zu der Annahme, dass die Stiftung gegen den Willen von Hans und Else Kröner verstoße. Berninger versichert, dass die Familie zusammenhalte - bis auf Gabriele Kröner. In der Stiftung arbeiten nach dem Ausscheiden von Gabriele Kröner aus dem Vorstand neben Berninger zwei weitere Familienmitglieder, und zwar die Kinderärztin Carolin Kröner als Beauftragte für humanitäre Fragen und der Urologe Sascha Pahernik als Mitglied der vierköpfigen Wissenschaftskommission.

Mit rund 70 Millionen Euro kümmerte sich die Stiftung seit ihrer Gründung um die Förderung der medizinischen Wissenschaft, etwa durch Ausbildungsunterstützung für Ärzte oder die Finanzierung von medizinisch-wissenschaftlichen Projekten. Wesentliches Vermögen der Stiftung ist die Beteiligung von rund 60 Prozent der Stammaktien an Fresenius und damit indirekt auch die Mehrheit am Dialysespezialisten Fresenius Medical Care. Nach Schenks Erläuterung floss der Hauptteil der Stiftungsgelder in den Erhalt der Beteiligungsquote der Stiftung am Fresenius-Konzern. Dort galt es auch in der Phase starken Wachstums mit großem Kapitalbedarf, den Mehrheitsanteil zu halten. Damit sichere man die Unabhängigkeit von Fresenius. Das sei eines der Hauptanliegen von Hans und Else Kröner gewesen, wie Schenk und Berninger übereinstimmend versichern.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Müller, ddp, dpa

 
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