Von Rainer Hank und Georg Meck
15. Januar 2007 Alle sollten Sieger sein. Die Gegensätze zwischen oben und unten sollten verschwinden. Win-Win-Situationen wollten sie schaffen. Den Klassenkampf alt und überholt aussehen lassen: Klaus Volkert, der Gewerkschafter und Co-Manager. Peter Hartz, der Manager und Gewerkschafter. IG-Metall-Mitglieder sind sie beide. Abends prosteten sie sich zu, am nächsten Morgen spielten sie Tarifkonflikt.
Der Versöhnung von Arbeit und Kapital haben sie bei Volkswagen so weit getrieben, dass es nun zu einem Gerichtsprozess kommt. Am Mittwoch geht es los. 63 Seiten Anklageschrift, auf denen Peter Hartz 44 Fälle von Untreue und Begünstigungen des Betriebsrates vorgeworfen werden. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. 2,6 Millionen Euro soll der Schaden betragen haben, den Hartz seinem Unternehmen zugefügt hat. So viel Firmengeld soll der VW-Personalchef für Luxusreisen, Sonderboni und Ausflüge seiner Betriebsräte in die Rotlichtviertel der Welt springen lassen haben. Bisweilen kam er selbst auch mit.
Immer bei den Siegern
Ins Gefängnis wird der ehemalige Personalvorstand wahrscheinlich nicht wandern. Alle rechnen mit einer Bewährungsstrafe, nachdem Hartz vor Staatsanwälten ausgesagt und zumindest die finanzielle Verantwortung für den VW-Skandal übernommen hat.
Jahrelang sah es so aus, als ginge die Rechnung auf. Das System VW hat funktioniert. Hartz wie Volkert, beide Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen (siehe auch Peter Hartz: Vom Arbeiterkind zum Missionar), waren immer bei den Siegern. Ich war ja einer, der gern über den roten Teppich mitgelaufen ist, sagt Volkert. Hartz hätte es für sich nicht besser sagen können.
In seinen ehrlichsten Momenten hat Hartz sich selbst in die Rolle eines Diktators verliebt. Und es träumt mir, ich sei Alleinherrscher, verriet er Mitte Oktober 2005 der Zeit. Wenige Tage vorher hatte die Staatsanwaltschaft zum ersten Mal sein Arbeitszimmer durchsuchen lassen. Hartz ist stolz auf seinen Traum. Und es ist ihm sehr ernst. Denn er ist selbstverständlich ein wunderbarer, liebevoller, sympathischer Alleinherrscher, wie ihn die Weltgeschichte bisher noch nicht gekannt hat und der für sein Volk nur das Beste will. Nach der Pfeife eines so wunderbaren Mannes zu tanzen muss richtig lustvoll sein.
Wortschöpfer in der Nachfolge Jacob Grimms
Geld, Allmacht, Sex. Alles stimmte. Auch der Ruf war erstklassig. Der gelernte Industriekaufmann Hartz wurde in seiner Heimat, dem Saarland, zum Professor ehrenhalber gemacht, in Würdigung seiner Verdienste um die Wirtschaft, wie Ministerpräsident Peter Müller sagte, insbesondere für die Entwicklung innovativer Instrumente der Personalpolitik. Was mit Blick auf die Akten im Rückblick fast obszön klingt.
Hartz eins zu eins umsetzen, schmetterte Kanzler Gerhard Schröder im November 2002. Im Französischen Dom auf dem Berliner Gendarmenmarkt wurde das Abschlussdokument der nach Hartz benannten Kommission weihevoll dem Kanzler übergeben. Damals war der Mann seinem Traum von der Allmacht ziemlich nahe gekommen. Als Reformator hatte er die rot-grüne Regierung aus der Krise gerettet. Als Wortschöpfer (Job-Floater, Ich-AGs, Viertagewoche) sah er sich in der Nachfolge Jacob Grimms: Schöpfer der größten Sozialreform Deutschlands. Und alles nur für das wahre Gute. Denn im Herbst 2005 sollte die Arbeitslosigkeit in Deutschland halbiert sein.
Versöhnung von Kapital und Arbeit
Hartz und Schröder. Da haben Wirtschaft und Politik zusammengefunden. Eine Versöhnung der Gegensätze zum Wohle aller Bürger. Ganz so wie Hartz und Volkert bei VW nichts als das Wohl ihrer Belegschaft im Sinne hatten. Jedes Jahr im April verhandelten die beiden die Boni für die leitenden Angestellten. Über das Geld für Freund Volkert entschied Hartz allein. Der Personalvorstand hat einen Betrag vorgeschlagen, Volkert stimmte zu. Klaus, wenn du nicht im Betriebsrat wärst, dann wärst du bei uns im Top-Management, soll Hartz gesagt haben.
Die zwei zelebrieren auf Augenhöhe die Vereinigung von Kapital und Arbeit. Der Bonus verwandelt den Gewerkschafter in den Co-Manager, von Gnaden des Managers, der eigentlich ein Gewerkschafter ist. Das ist in deutschen Unternehmen so üblich. Bei VW wird es nur ganz besonders sichtbar. In Wolfsburg kann keine Maschine ohne Zustimmung der Arbeitnehmer verschoben werden, registrierte der frühere VW-Chef Carl C. Hahn. Der Personalvorstand heißt Arbeitsdirektor und wird von den Arbeitnehmern bestimmt. Karl Marx hat sich das alles ein bisschen anders vorgestellt. Adam Smith auch. Nur die Deutsche Arbeitsfront (DAF) der Nationalsozialisten träumte schon in den 30er Jahren von einer derart versöhnten Betriebsgemeinschaft.
Gebauer, wo sind die Weiber?
Knapp zwei Millionen Euro soll Betriebsratschef Volkert aus den Konzernkassen kassiert haben, neben seinem regulären Gehalt. Zudem hat Hartz das System von Vertrauensspesen zweckentfremdet: Über Konto 1860 wurden Ferienclubs abgerechnet (vier Nächte 23 500 Euro), ein Sprachkurs für Volkerts Geliebte (8400 Euro in London), diverse Einkäufe beim Juwelier, für Geliebte wie für Ehefrauen. Immer zahlte die Kostenstelle 1860. Die Belege durfte niemand prüfen - außer Peter Hartz.
Ausgegeben hat das Geld ein Personalmanager namens Gebauer, der Lustreisen auf Firmenkosten organisiert hat. (Gebauer, wo sind die Weiber?) Er habe von Hartz den Auftrag gehabt, Volkert jeden Wunsch zu erfüllen, inklusive aller Bestellungen von Volkerts brasilianischer Geliebter. In den Jahren von 2000 bis 2004 hat diese - Adriana Barres - insgesamt 399 000 Euro für angebliche Dienstleistungen erhalten. Die Filme, die sie dafür gedreht haben will, hat im Konzern niemand gefunden.
Kein Gesicht hinter der Maske
Ich bin nicht gescheitert, sagt Peter Hartz heute. Er hat sich nichts vorzuwerfen. Er ist der gute Mensch von St. Ingbert geblieben. Das ist zugleich naiv, ehrlich und eitel bis zum Überschießen. Die Fährte, wonach durch die Rotlicht-Affäre der Mr. Jekyll hinter Mr. Hartz sichtbar geworden sei, eine Fratze hinter der Maske, führt in die falsche Richtung. Hartz hat sich nie maskiert. Es gibt gar kein Gesicht hinter der Maske. Und er hat sich dieses maskierte Äußere selbst immer abgenommen. Deshalb hat ihn der Absturz so verstört. Deshalb der unbändige Drang zur Rechtfertigung.
Und deshalb war Peter Hartz auch wie kaum ein anderer die perfekte Inkarnation des Systems VW. Er ist die Versöhnung der Gegensätze. Davon hat nicht nur VW profitiert, sondern auch die Stadt Wolfsburg (allen voran der Bürgermeister, der mit seiner Spedition die Golfs durch die Lande transportiert), der Standort (im Zweifel werden lieber in Brüssel als Wolfsburg Stellen gestrichen) und die Mitarbeiter, die mit 28-Stunden-Arbeit in der Woche zurechtkamen. Sogar die Kunden können sich nicht beschweren. Die Autos sind von erstaunlich guter Qualität. Noch nicht einmal die Aktionäre klagen.
Wer zahlt bei VW den Preis?
Win-Win. Kann es eine Welt geben, in der alle gewinnen? Gibt es einen Nutzen ohne Kosten? Der Träumer Peter Hartz hat das immer geglaubt. Jetzt zahlt er vor Gericht: mit Peinlichkeit (über Rotlicht will er nicht reden), mit Statusverlust (aus dem Erlöser wurde ein Frührentner), mit Einkommenseinbußen (ohne Abfindung haben sie ihn vom Fabrikhof gejagt) und mit dem Stigma des Kriminellen.
Und wer zahlt bei VW den Preis? Das ist noch nicht heraus. Das System der Versöhnung braucht Zeit und gönnt sich die Verschwendung. Nötige Restrukturierungen werden auf die lange Bank geschoben. Am Ende könnten alle noch einmal zahlen müssen. Kein Manager (und kein Politiker) legt sich in Wolfsburg mit der Belegschaft an. Man benutzt einander.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: ddp, dpa
Rufe nach Hartz-IV-Kürzung aus der ![]()
LBBW zahlt Abfindungen bis zu 305.000 Euro
Spanien und Portugal: Die entrüsteten Wackelkandidaten
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.526,06 | +0,51% |
| TecDAX | 781,01 | −0,40% |
| MDAX | 7.332,60 | +0,60% |
| SDAX | 3.564,86 | +0,22% |
| REX | 378,00 | −0,25% |
| Eurostoxx 50 | 2.694,81 | +0,99% |
| Dow Jones | 9.995,46 | −0,63% |
| Nasdaq 100 | 1.744,30 | −0,54% |
| S&P500 | 1.070,52 | +1,30% |
| Nikkei225 | 9.963,99 | +0,31% |
| EUR/USD | 1,3695 | −0,73% |
| Rohöl Brent Crude | 70,91 $ | −1,51% |
| Gold | 1.071,25 $ | +0,68% |
| Bund Future | 123,47 € | +0,02% |