Von Brigitte Koch und Carsten Knop
08. Mai 2008 Das Aachener Familienunternehmen Grünenthal wird der Conterganstiftung für behinderte Menschen einen zusätzlichen, einmaligen Geldbetrag von 50 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Nach intensiven Gesprächen mit Vertretern des Bundesverbandes Contergangeschädigter und der Bundesregierung wollen die Familiengesellschafter des Pharmaunternehmens einen freiwilligen Beitrag leisten, damit die noch rund 2800 in Deutschland lebenden Opfer der größten Tragödie in der deutschen Arzneimittelgeschichte bis zu ihrem Lebensende besser versorgt werden können. Das hat der geschäftsführende Gesellschafter Sebastian Wirtz im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angekündigt.
Die Geschädigten sind heute älter als 50 Jahre. Als Erwachsene benötigen sie wegen der Spätfolgen beispielsweise für Rücken und Gelenke mehr Hilfe und medizinische Versorgung, als mit den derzeitigen Rentenzahlungen finanzierbar ist, sagt Wirtz. Die Grünenthal GmbH hatte in den Jahren 1957 bis 1961 das damals rezeptfreie Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan vertrieben, dessen Wirkstoff Thalidomid bei insgesamt rund 5000 Ungeborenen beträchtliche Fehlbildungen an den Gliedmaßen ausgelöst hatte. Mit dem Millionenbetrag soll ein schon in der Stiftung vorhandener Kapitalstock angereichert werden, der sich in den kommenden 35 Jahren zum einen verzinsen, zum anderen aufzehren soll. Dieses Geld wird eine Barzahlung speisen, die die Betroffenen einmal im Jahr erhalten. Da die Bundesregierung zugleich eine Verdoppelung der Renten von bisher monatlich maximal 545 Euro auf den Weg gebracht hat, dürften die Empfänger künftig um bis zu 15.000 Euro besser dastehen als bisher.
Schritt durch eine Schweigemauer
Der 38 Jahre alte Wirtz ist der Enkel des Unternehmensgründers. Er leitet das Unternehmen seit 2005. Für mich war es von Beginn an eine Herzensangelegenheit, die Tragödie mit allen Betroffenen und Beteiligten aufzuarbeiten und dabei meinen eigenen Weg zu gehen“, sagt er. Die Aufarbeitung des Themas, das mittlerweile die dritte Generation der Unternehmerfamilie belastet, ist für ihn die Voraussetzung, um das Unternehmen für die Zukunft zu positionieren und weiter voranzubringen. Der Anfang November zum fünfzigsten Jahrestag der Markteinführung des Medikaments von der ARD ausgestrahlte zweiteilige Fernsehfilm zum Thema Contergan sei nicht der Auslöser für seine Initiative gewesen, beteuert Wirtz. Im Gegenteil: In diesem Aufarbeitungsprozess wurden wir durch den Dokumentation und Fiktion vermischenden Film unterbrochen und gestört.“
Zu einem ersten Treffen mit Vertretern des Bundesverbandes Contergangeschädigter als des offiziellen Ansprechpartners für Grünenthal kam es am 10. Dezember vergangenen Jahres. Wirtz bezeichnet die ersten Kontakte mit den Geschädigten als einen Schritt durch eine Schweigemauer“, die zuvor wohl auch aus juristischen Gründen bestanden hatte. Nach seinen Worten ging es zunächst darum, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Später gab es Gespräche in Berlin. Grünenthal wollte zunächst Lösungen aus medizinischer Blickrichtung anbieten und hatte mehr an die Einrichtung von Gesundheitszentren oder an Modelle für betreutes Wohnen gedacht.
Unser Ziel war stets, einen substantiellen Beitrag zu leisten
In den Gesprächen wurde nach Wirtz’ Worten aber klar, dass den Betroffenen mehr an einer finanziellen Besserstellung gelegen ist. Während eines abschließenden Treffens am 15. April präsentierte Wirtz gemeinsam mit seinem Vater die an die Wünsche der Beteiligten angepasste Offerte: Unser Ziel war stets, einen substantiellen Beitrag zu leisten. Der jetzt geplante Geldbetrag ist die Umsetzung einer gemeinsam gefundenen Lösung.“ Andere Interessenverbände hatten einen sehr viel höheren Forderungskatalog in Milliardenhöhe aufgestellt. Um solche Forderungen zu bedienen, müssten wir das Unternehmen auflösen und 4800 Mitarbeiter nach Hause schicken.“
Die Contergan-Tragödie, die zugleich weitreichende Konsequenzen für die Schaffung des strengen deutschen Arzneimittelrechtes hatte, führte 1968 zu dem bis zu diesem Zeitpunkt aufwendigsten Strafverfahren in der deutschen Rechtsgeschichte. Angeklagt waren neun leitende und wissenschaftliche Mitarbeiter. Im Dezember 1970 wurde der Prozess wegen geringer Schuld“ eingestellt. 1972 wurde die Stiftung zur Unterstützung der Contergan-Geschädigten gegründet. In diese Stiftung brachte die Bundesregierung 100 Millionen DM und das Unternehmen Grünenthal 114 Millionen DM (einschließlich Zinsen) ein. Wie es heißt, konnte das 1946 gegründete Pharmaunternehmen diesen Beitrag nur leisten, weil andere Unternehmen des Firmenverbundes halfen. Dazu gehören noch heute die Dalli-Werke, die unter anderem Waschmittel für die Discounter Aldi und Lidl produzieren, sowie der Parfümhersteller Mäurer & Wirtz mit Traditionsmarken wie Tabac, Nonchalance oder 4711 Echt Kölnisch Wasser. Grünenthal ist heute ein forschendes Pharmaunternehmen mit den Schwerpunkten Schmerztherapie und Gynäkologie, das mit internationalen Partnern wie Sanofi Aventis oder Johnson & Johnson zusammenarbeitet. Das Unternehmen hat zuletzt rund 830 Millionen Euro Umsatz gemacht und ist Besitz von 20 Familiengesellschaftern.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Haus der Geschichte
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