Tokyo Motor Show

BMW plant das Stadtauto von übermorgen

Von Joachim Herr

05. November 2007 Der Münchner Autohersteller BMW macht sich Gedanken über die künftige automobile Fortbewegung in den Metropolen der Welt. Nach Informationen dieser Zeitung trägt das Projekt den Arbeitstitel "Megacity-Vehicle". Das Ergebnis könnte eine vierte Marke des Unternehmens sein - neben BMW, Mini und Rolls-Royce.

Ein Ansatzpunkt für das Projekt „Megacity-Vehicle“ sind die unterschiedlichen Bedingungen in den Großstädten, wie diese Zeitung erfahren hat. Barcelona und Schanghai stehen für BMW als Beispiele für Metropolen, in denen Parkplätze besonders knapp sind und wo es im Berufsverkehr auf den Straßen nur langsam vorangeht. Ein Stadtfahrzeug mit zwei Rädern zu entwerfen gehört deshalb auch zu den Überlegungen.

So könnte BMW das mit dem C1 schon einmal verfolgte Konzept in ähnlicher Form wiederbeleben. Den Roller mit Dach, der wegen seiner Sicherheit gerühmt, aber von vielen wegen seines stolzen Preises von mehr als 5000 Euro verschmäht wurde, hatte BMW knapp drei Jahre bis Ende 2002 produzieren lassen. Der italienische Hersteller Bertone baute 33 500 C1 für das Münchner Unternehmen. Die Zahl lag jedoch weit unter den Erwartungen. BMW beendete deshalb den Ausflug in den Markt für Motorroller.

Fahrzeuge für die Zeit nach 2012

Die Gedankenspiele des Unternehmens für die Stadtfahrzeuge drehen sich aber nicht nur um die Größe der Fahrzeuge. Design und vor allem die Antriebstechnik seien andere wichtige Aspekte, heißt es. Beispiel für eine Stadt mit weniger Platzproblemen ist Los Angeles. Dort könnten die Megacity-Autos größer sein als in Schanghai oder Barcelona, müssten aber gleichwohl den Schadstoffausstoß auf einen möglichst geringen Wert oder gar null verringern.

Doch wie man es von den Münchnern gewohnt ist, behalten sie ihre Ideen zunächst für sich. In der Öffentlichkeit wiegelt der Vorstand ab. Die Überlegungen über eine zusätzliche Marke werden als vage und zukunftsferne Vorstellung dargestellt. Traditionell gibt BMW Konzepte erst bekannt, wenn sie ausgereift sind. Zudem hat es das Unternehmen in der Regel nicht eilig, der Erste in neuen Marktsegmenten zu sein. So steht das Projekt „Megacity-Vehicle“ noch ganz am Anfang, wie in München zu hören ist. Unter der Federführung von Friedrich Eichiner, der seit dem 1. Oktober Vorstand für Konzern- und Marktentwicklung ist, sollen Fahrzeugkonzepte für die Zeit nach dem Jahr 2012 erarbeitet werden.

„Völlig neue Lösungen für individuelle Mobilität“

Ende September hatte Vorstandsvorsitzender Norbert Reithofer sein Strategieprogramm für die nächsten Jahre vorgestellt und dabei auch „völlig neue Lösungen für individuelle Mobilität“ angekündigt. Die Unternehmensleitung stelle sich die Frage, ob BMW für umweltbewusste Autokäufer die richtige Marke habe.

Für BMW könnten die Stadtautos als vierte Marke des Konzerns einen wichtigen Beitrag leisten, um den Flottenverbrauch zu senken. Zwar hat das Unternehmen mit den neuen Modellen seit 1995 den durchschnittlichen Ausstoß von Kohlendioxid um 25 Prozent gesenkt. Doch der Vorstand rechnet nicht damit, dass die PS-starke BMW-Flotte den Kohlendioxid-Ausstoß in absehbarer Zeit auf die von der Politik diskutierten 130 Gramm je Kilometer verringern kann - ebenso wenig wie die anderen deutschen Premiumhersteller Porsche, Mercedes und Audi. Trotz des Programms „Efficient Dynamics“, mit dem BMW den Kraftstoffverbrauch seiner Autos senken will, wird dies nicht gelingen.

Nichts scheint in der Autoindustrie unmöglich zu sein

Daran ändert auch vorerst der Versuch mit Antrieben ohne Schadstoffemission nichts. Hundert Autos der Siebener-Reihe mit Wasserstoffmotor lässt das Unternehmen von ausgesuchten prominenten Testfahrern ausprobieren. Auf dem Gebiet der Hybridantriebe, der Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor, forscht BMW mit Daimler und General Motors. Die Münchner stellen auf der Tokyo Motor Show wie schon auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt den geländetauglichen X6 mit Hybridantrieb aus, der nach 2010 die Produktpalette vergrößern wird. Audi zeigt auf der Automesse in Japan einen neuen Kleinwagen mit Hybridantrieb, der in drei Jahren als A1 auf den Markt kommen soll. Die „Megacity-Vehicles“ von BMW könnten dann eines Tages Konkurrenten des A1 werden.

Nichts scheint in der Autoindustrie derzeit unmöglich zu sein. Japanische Hersteller von Subaru bis Toyota präsentieren auf der Tokyo Motor Show, die noch bis zum kommenden Sonntag dauert, kleine Fahrzeuge in futuristischem Design und mit verbrauchsarmen Antrieben. So wollen sich die Unternehmen auf den wachsenden Verkehr in den Großstädten und auf die strenger werdenden Vorgaben für den Schadstoffausstoß vorbereiten.



Text: F.A.Z., 05.11.2007, Nr. 257 / Seite 17
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa, REUTERS

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