Börse

Einmal Wall Street und zurück

Von Brigitte Koch

Manfred Schneider und sein Nachfolger Werner Wenning

Manfred Schneider und sein Nachfolger Werner Wenning

06. September 2007 Ein riesiges Fest sollte es werden. Ein Segelboot sollte Produkte des Bayer-Konzerns und eine symbolische Aktie von Leverkusen über den Atlantik nach Manhattan schippern und pünktlich zum Börsenstart von Bayer am Big Board von Wall Street anlegen. Doch dann musste die ursprünglich für Ende September 2001 geplante Party wegen des Desasters um den Blutfettsenker Lipobay/Baycol verschoben werden. Und nach den Terroranschlägen vom 11. September war dann ohnehin niemandem mehr zum Feiern zumute.

Als der damalige Bayer-Vorstandsvorsitzende Manfred Schneider schließlich am 24. Januar 2002 die Glocke läutete und für die Aktie unter dem Tickersymbol „Bay“ der erste Kurs mit 33,09 Dollar festgestellt wurde, war es ein Debüt ohne Pomp. An der mit einem riesigen Sternenbanner geschmückten Börsenfassade deuteten nur eine Bayer- und eine Deutschland-Flagge auf den Börsenneuling aus Leverkusen hin. Und das Gastgeschenk, das der damalige Börsenpräsident Richard Grasso in Empfang nahm, fiel ebenfalls bescheiden aus: ein im Durchmesser 1,50 Meter großes Bayer-Kreuz aus dem Kunststoff Makrolon, jeder Buchstabe gefüllt mit einem Bayer-Produkt.

Enttäuschte Erwartungen

Am Mittwoch gaben die Leverkusener nun ihren Rückzug von der New Yorker Börse bekannt. Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Die Kosten sind zu hoch, die Resonanz ist zu gering. Ende September soll die letzte Notiz erfolgen. Damit folgt Bayer den Dax-Konzernen BASF und Eon, die ihre Delisting-Pläne schon vor Wochen veröffentlicht haben. Das im Börsensegment MDax notierte Unternehmen SGL Carbon, das zu den deutschen Vorreitern an Wall Street gehörte, bläst ebenso zum Rückzug wie der TecDax-Wert Pfeiffer Vacuum.

Andere Unternehmen dürften diesen Beispielen folgen. Schon nicht mehr notiert sind Altana oder das Berliner Pharmaunternehmen Schering, dessen Notiz mit der Übernahme durch Bayer eingestellt wurde. Auch europäische Konzerne wie Suez, Akzo oder British Airways sehen nicht mehr viel Sinn in ihrer New Yorker Börsenpräsenz. Daimler-Chrysler will hingegen an seiner Notierung festhalten - nicht zuletzt, weil der Autohersteller über ein großes Werk in Tuscaloosa/Alabama verfügt. Dort werden die M-, R- und GL-Klasse gebaut.

Telekom feierte noch eine glanzvolle Premiere

Bayer war in jenen Januartagen der dreizehnte Dax-Wert, der sich an der New Yorker Börse listen ließ. Wenige Wochen zuvor hatte auch die Deutsche Bank den Schritt an die Wall Street gemacht, und zwar kurz nach den Terroranschlägen. Der damalige Vorstandssprecher Rolf Breuer kam zwar nicht umhin, die obligatorischen ersten hundert Aktien zu ordern, das Läuten der Eröffnungsglocke überließ er aber dem Bürgermeister Rudolph Giuliani. Wie glanzvoll und euphorisch waren dagegen zuvor die Premieren der anderen Dax-Unternehmen ausgefallen: Als die Deutsche Telekom unter Ron Sommer 1996 den Börsenstart feierte, war die Fassade der ehrwürdigen New York Stock Exchange in Magenta-Rot getaucht. Bei Veba, der Vorgänger-Gesellschaft von Eon, schritten die Gäste über Teppiche in der früheren Hausfarbe Blau.

In den neunziger Jahren und zu Beginn dieses Jahrtausends gab es einen großen Zug in Richtung Wall Street. Alle wollten an den weltgrößten Handelsplatz der Welt. Es war eine Frage von Image und Prestige, globale Präsenz zu zeigen. Man sei nun unter dem „Who's who“ der Weltwirtschaft vertreten, zeigte sich Bayer-Chef Schneider in New York sichtlich stolz. Investoren in Amerika könnten nun direkt von der Entwicklung der Aktien profitieren. Bei der Deutschen Bank hieß es, man wolle neue Anlegerkreise erschließen, das Profil in Amerika verbessern und die Aktien auch zur Entlohnung amerikanischer Mitarbeiter einsetzen. Siemens wollte für amerikanische Pensionsfonds attraktiver werden, andere Konzerne sprachen von Aktien als Akquisitionswährung. Auch nach Tokio, Singapur, Chicago oder Paris ging man damals. Von den meisten dieser Plätze haben sich Konzerne wie Daimler-Chrysler wieder zurückgezogen.

Außer Spesen nichts gewesen

Außer Spesen nichts gewesen, ziehen viele Finanzvorstände heute Bilanz. Beklagt werden vor allem die hohen Kosten und der riesige bürokratische Aufwand, die als Folge des sogenannten Sarbanes-Oxley-Gesetzes entstehen. Das Gesetz wurde nach den Bilanzskandalen um Enron und Worldcom erlassen und sieht extrem verschärfte Vorschriften für die Informationspflichten und entsprechend hohe Anforderungen an die internen Kontrollsysteme vor. Eon spricht von zusätzlichen Kosten von mindestens 10 Millionen Euro im Jahr; entsprechend erwartet Bayer Ersparnisse von rund 15 Millionen Euro.

Die Kosten allein sind jedoch nicht das Motiv für den Rückzug. Vielmehr hat die Erfahrung gezeigt, dass in New York kaum mit den Aktien der deutschen Unternehmen gehandelt wird. Die Mehrheit der Aktionäre kauft dort, wo der Markt die höchste Liquidität hat, und das sind der Handelsplatz Frankfurt oder die elektronische Handels-Plattform Xetra. Bei Eon beispielsweise entfielen zuletzt nur rund 2,5 Prozent des täglichen Handelsvolumens auf die Nyse, bei Bayer, deren institutionellen Aktionäre immerhin zu 40 Prozent aus den Vereinigten Staaten stammen, ist es ähnlich.

Text: F.A.Z., 06.09.2007, Nr. 207 / Seite 22
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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