19. Januar 2007 Wenn ein Reifen abgefahren ist, dann ist das Profil verschwunden und die Oberfläche glatt. Diese vermeintliche Binsenweisheit erklärt der französische Reifenhersteller Michelin nun für überholt. Das Unternehmen hat einen Reifen für Lastwagen entwickelt, der nach zwei Dritteln Abnutzung ein neues, tieferliegendes Profil zum Vorschein bringt und damit die Lebensdauer des Reifens verlängert.
Am Konzernsitz in Clermont-Ferrand bezeichnet man die Erfindung als "Revolution" und vergleicht sie mit der Einführung des ebenfalls von Michelin entwickelten Radial-Reifens in den sechziger Jahren, der in Sachen Haltbarkeit und Haftung eine neue Epoche einleitete. "Wir glauben, dass uns die neue Technik einen Sprung von zwanzig Jahren ermöglicht", jubelt Lastwagen-Vorstand Pete Sellek. Michelin prüft, ob die neuartigen Reifen in Zukunft auch für Personenwagen eingesetzt werden können. Ein Datum ist allerdings noch nicht in Sicht.
Neue Produkte
Mit Konzentration auf Forschung und Entwicklung, neue Produkte und einem verstärkten Marketing versucht Michelin nach einem turbulenten Jahr wieder in ruhigeren Bahnen Fahrt aufzunehmen. Im vergangenen Mai starb Konzernchef Edouard Michelin bei einem Bootsunfall und hinterließ ein tiefes Loch in der Führungsspitze.
Michel Rollier - ein Cousin des Verstorbenen, der zuvor bereits zusammen mit ihm die Geschäfte geleitet hatte - ist zwar an seine Stelle getreten und führt den Konzern unüblich für die Unternehmensgeschichte heute in Alleinregie. Doch der 62 Jahre alte Franzose hatte sich erst einmal neu zu orientierten, musste sich mit dem gesamten Konzern vertraut machen und besuchte die wichtigsten Werke in aller Welt.
Im Herbst kam Rollier zu dem Ergebnis: Die bestehende Strategie ist die richtige, doch alles müsse schneller geschehen, wie er den Aktionären auf der Hauptversammlung im Oktober verkündete. 2006 verlor Michelin nach Angaben der Fachzeitschrift "Tire Business" erstmals seit vier Jahren den Titel des Umsatz-Weltmarktführers an den japanischen Konkurrenten Bridgestone.
Chance Ruhestand
Die operative Umsatzrendite dürfte nach Analystenschätzungen 2006 von 8,8 auf 8 Prozent sinken - verglichen mit mehr als 11 Prozent beim deutschen Wettbewerber Continental, der Nummer vier in der Branche nach Marktanteilen. Michelin machten besonders die hohen Rohstoffkosten sowie die Energiepreise für die energieintensive Reifenproduktion zu schaffen. Außerdem hat "gegenüber Konkurrenten wie Bridgestone und Goodyear Michelin nach unserer Einschätzung 30 Prozent Personal zu viel", urteilte Philippe Houchois, Analyst bei JP Morgan, schon im November.
Bis heute ist er jedoch zuversichtlich geblieben, dass Rollier zielstrebig die Rentabilität von Michelin verbessern werde. Bis 2010 soll die operative Umsatzrendite auf 10 Prozent klettern, kündigte die Konzernführung auf der Detroiter Autoshow vor wenigen Tagen an. Dabei hofft man, dass die im vergangenen Halbjahr wieder gesunkenen Rohstoff- und Energiepreise nicht abermals steigen werden.
Vor allem aber will sich Michelin den Umstand zunutze machen, dass bis 2010 rund 20.000 der 130.000 Michelin-Beschäftigten in Ruhestand gehen. In den vergangenen zwei Jahren hat der Reifenhersteller die Belegschaft bereits um 6 Prozent verringert; Werke im französischen Poitiers und im kanadischen Kitchener wurden geschlossen sowie die Volumen im amerikanischen Opelika verringert.
Neue Fabriken in Asien und Brasilien
Gleichzeitig sind neue Fabriken oder Standorterweiterungen in Polen, Thailand, China und Brasilien vorgesehen. Analysten glauben, dass Michelin sich in Europa auf weniger, aber größere Werke konzentrieren und so wie die Konkurrenten Continental und Pirelli die Präsenz in Asien erhöhen sollte. Derzeit stellt das Unternehmen seine Reifen noch in 25 Werken in Westeuropa sowie an sieben Standorten in Osteuropa her.
Die französischen Gewerkschaften stehen Rollier mit Skepsis gegenüber, da er als harter Kostensenker gilt. Seit dem vergangenen Sommer stieg die Aktie um etwa 15 Prozent und notiert derzeit bei 69 Euro. JP-Morgan-Analyst Houchois hält weitere Kursgewinne für möglich. Optimistisch stimmen ihn unter anderem die Forschungsbemühungen, mit denen Michelin durch Ausgaben von 3,6 Prozent des Umsatzes die Konkurrenz überstrahlt.
Neue Produkte wie die Reifen mit dem Doppelprofil sind ihre Ergebnisse. Der Michelin "XDN 2 Grip" - einer von sechs aus der neuen Modellfamilie - soll die Lebensdauer um 25 Prozent verlängern. Gleichzeitig soll die Haftung von Anfang an stärker sein als bei den Vorgängermodellen. Michelin will bis 2011 400 Millionen Euro in die Umstellung von Produktion, Vertrieb und Marketing investieren.
Text: F.A.Z., 19.01.2007, Nr. 16 / Seite 17
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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