Peter Löscher

Verantwortung ist sein Schlüsselwort

Von Joachim Herr

22. April 2008 Wieder einmal wenden sich alle Blicke von der Gegenwart in die Vergangenheit von Siemens. In diesen Tagen beherrscht Heinrich von Pierer die Schlagzeilen. Die Korruptionsaffäre und der Name des früheren Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden werden immer häufiger und enger in Verbindung gebracht. Auch Peter Löscher, den Nachfolger von Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld, beschäftigt die Vergangenheit - allerdings aus dem Blickwinkel des antreibenden Aufklärers und wohl auch des staunenden Beobachters. Der 50 Jahre alte Österreicher, den Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme im vergangenen Sommer vom amerikanischen Pharmakonzern Merck zu Siemens geholt hat, wartet mit Spannung auf den nächsten Bericht von Debevoise & Plimpton. Die Spezialisten der amerikanischen Anwaltskanzlei wollen Ende April Ross und Reiter der Schmiergeldaffären nennen.

Es wird damit gerechnet, dass der Aufsichtsrat Konsequenzen zieht und Schadensersatzklagen gegen einzelne frühere Siemens-Vorstände erhebt. Das wäre auch im Sinne des Vorstandsvorsitzenden, für den Verantwortung ein Schlüsselwort ist. Schulterzucken und Beteuerungen, von nichts gewusst zu haben, akzeptiert Löscher nicht. Ihm bleibt aber auch gar nichts anderes übrig, will er einen überzeugenden Neuanfang erreichen, Klagen von Aktionären vermeiden und die drohende Strafe der amerikanischen Börsenaufsicht SEC in Grenzen halten.

Für Fehler und Misserfolge geradestehen

„Wir klären die Verantwortung“, wiederholt der Konzernchef stets. Sein Credo prägt auch die neue Organisationsstruktur von Siemens. An der Spitze jeder Geschäftseinheit, Division und jedes der drei Sektoren steht nur ein verantwortlicher Manager. So will Löscher dafür sorgen, dass Führungskräfte für Fehler und Misserfolge geradestehen müssen.

Letztlich trägt aber der Vorstandsvorsitzende die Verantwortung, und auch der neue Siemens-Chef machte schon die Erfahrung, wie unerbittlich besonders die Kapitalmärkte reagieren. Die Warnung vor Belastungen von rund 900 Millionen Euro im vergangenen Quartal ließ den Kurs der Siemens-Aktie am 17. März um 17 Prozent abstürzen. Analysten sprachen prompt von einem Verlust der Glaubwürdigkeit des neuen Managements. Löscher und seine Mannschaft halten entgegen, die Prüfung von Großprojekten habe mehr Schwierigkeiten als erwartet ans Licht gebracht, sei aber ein eindrucksvoller Beweis, dass Siemens die neue Konzernstruktur dringend brauche.

„Maßgeblich sind die Fakten“

Löscher will Siemens transparenter machen. Wie schwer diese Aufgabe ist, muss er immer wieder erfahren. Aufgeschreckt von der Razzia und den Ermittlungen in der Korruptionsaffäre, hatte schon sein Vorgänger Kleinfeld die Prüfung aller Beraterverträge veranlasst. Doch auf die Vereinbarung mit Thomas Bach, dem Vizepräsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, ist Siemens erst in diesen Tagen gestoßen, obwohl es Verbindungen zwischen Bach und Wilhelm Schelsky, dem inhaftierten ehemaligen Siemens-Betriebsrat und Vorsitzenden der Arbeitnehmerorganisation AUB, gibt.

Auch wenn sich der Konzernchef, der am Sonntag und Montag die Hannover Messe besuchte, auf das Tagesgeschäft konzentriert, wie im Unternehmen versichert wird. Die Vergangenheit von Siemens holt ihn immer wieder ein, und ein Ende ist nicht abzusehen. Im Dezember hatte Löscher die Berufung von Hannes Apitzsch zum Finanzvorstand des Industriesektors nur eine Woche nach der Ernennung zurückgenommen. Apitzsch ist schon seit Frühjahr 2007 ein Beschuldigter im AUB-Skandal. Dennoch ging der Siemens-Chef mit seiner Personalwahl ein großes Risiko ein und musste seine Entscheidung korrigieren, als die Ermittlungen neue Erkenntnisse gebracht hatten. „Maßgeblich sind die Fakten“ ist auch so ein typischer Löscher-Satz.

Am 30. April stehen die Tatsachen im Vordergrund, wenn er die Quartalszahlen in einer Pressekonferenz präsentiert. Außerdem wird eine neue Prognose für das laufende Geschäftsjahr erwartet. Den angestrebten Verkauf des verbliebenen Telekommunikationsgeschäfts SEN kann Löscher dann aber noch nicht verkünden. Trotz der Fakten dürften allerdings auch in acht Tagen die Neuigkeiten über die Vergangenheitsbewältigung die größere Aufmerksamkeit finden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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