Im Gespräch: Edeka-Chef Mosa

„Der Handel ist nicht der Preistreiber der Nation“

Wie die Gesellschaft, so der Markt: Die Mitte bricht weg

Wie die Gesellschaft, so der Markt: Die Mitte bricht weg

11. August 2008 Die genossenschaftlich geprägte Edeka-Gruppe ist mit einem Umsatz von 31 Milliarden Euro Deutschlands größter Lebensmittelhändler. Mit der geplanten Übernahme der Discount-Kette Plus baut Edeka seine Marktmacht weiter aus.

Herr Mosa, keiner in Deutschland verkauft mehr Lebensmittel als Sie. Wie stark haben Edeka und Ihre Discount-Kette Netto in den vergangenen Monaten die Preise erhöht?

“Wir sehen in Deutschland noch sehr gute Wachstumschancen“

"Wir sehen in Deutschland noch sehr gute Wachstumschancen"

Der Handel ist nicht der Preistreiber der Nation. Wir werden von den Herstellern täglich mit neuen Preiserhöhungen konfrontiert. Massiv verteuert haben sich Teigwaren und Molkereiprodukte. Insgesamt liegen die Preissteigerungen je nach Warengruppe bei 3 bis 9 Prozent. Aufgrund guter Ernten sind Obst und Gemüse beispielsweise aber deutlich günstiger als im vergangenen Jahr. Insgesamt führt die Entwicklung nicht dazu, dass die Kunden im Supermarkt entsprechend mehr Geld für Lebensmittel ausgeben. Es kommt eher zu massiven Umverteilungen im Sortiment.

Inwiefern?

In einem Supermarkt besitzt der Kunde die große Auswahl und kann jedes Produkt in verschiedenen Ausprägungen kaufen: als Markenprodukt, als Handelsmarke und als Preiseinstiegsmarke. Dazwischen liegt eine Preisdifferenz von bis zu 50 Prozent.

Die Kunden greifen jetzt also noch eher zu den billigsten Produkten?

Im Moment ist diese Entwicklung erkennbar. Unser Absatz von Preiseinstiegsartikeln ist zuletzt um bis zu 50 Prozent gestiegen.

Die Leute kaufen also nicht weniger, aber preisbewusster.

Die Entwicklung in unserer Gesellschaft spiegelt sich auch in unseren Märkten wider. Die Mitte bricht weg. Der Kunde kauft entweder extrem preisbewusst, oder er greift genuss- und qualitätsorientiert zu Premium- und Markenartikeln. In beiden Segmenten sind wir mit unternehmergeführten Edeka-Geschäften auf der einen und Netto Marken-Discount auf der anderen Seite hervorragend aufgestellt. Mittelmäßige Vertriebskonzepte besitzen in der Zukunft keine Chance. Das sehen wir auch an den Zahlen: Edeka und Netto sind im ersten Halbjahr um fast 4 Prozent gewachsen - und zwar bereinigt um den Effekt aus der Eröffnung neuer Märkte.

Was glauben Sie? Sparen die Leute eher an Lebensmitteln oder am Benzin?

Die Kunden überlegen bei jedem Einkauf genau, ob sich die Fahrt lohnt. Deshalb wird der Nachbarschaftsmarkt künftig immer wichtiger werden. Dafür spricht auch die soziodemographische Entwicklung. Die Bevölkerung wird immer älter, immer mehr Menschen leben in Single-Haushalten.

Wenn Aldi den Milchpreis erhöht oder senkt, ziehen am nächsten Tag alle Wettbewerber nach. Warum ist das so?

Die Diskussion um den Milchpreis dreht sich seit Monaten im Kreis der Politik, Molkereien und Landwirte. Nur einen hat man dabei völlig vergessen: den Kunden. Nach der Ankündigung der Discounter, den Milchpreis zu erhöhen, haben die Kunden bei uns die Regale geräumt. Da war der Preis das allererste Argument.

Manche Wursthersteller fürchten schon um ihre Existenz, weil Sie deren Wünsche nach höheren Preisen nicht erfüllen. Was sagen Sie dazu?

Wir werden von Herstellerseite mit Forderungen nach Preiserhöhungen konfrontiert. Für uns steht im Mittelpunkt, im Sinne unserer Kunden steigende Lebensmittelpreise zu vermeiden. Und da liegt es doch in der Natur der Sache, dass wir zunächst einmal sehr genau prüfen, in welcher Dimension die Forderungen überhaupt berechtigt sind. Allerdings führen wir unsere Verhandlungen ganz sicher nicht in der Öffentlichkeit.

Übernehmen Sie Plus nicht im falschen Moment? Bei Aldi und Plus stagnierte 2007 das Geschäft. Daher sagen viele: Die Wachstumsstory der Discounter ist zu Ende.

Das sehe ich anders. Ich bin fest davon überzeugt, dass künftig in Deutschland ausschließlich zwei Konzepte ertragreich wachsen können: das von Unternehmern geführte Supermarkt-Geschäft und systemorientierte Discount-Geschäfte. Die Discounter werden ihren Marktanteil binnen zwei Jahren von 42 auf 45 Prozent erhöhen - die Zielmarke von 50 Prozent fest im Blick. Dafür spricht auch die konjunkturelle Entwicklung.

Geht die Konzentration im Handel weiter?

Davon ist angesichts des fortschreitenden Wettbewerbs fest auszugehen. Wir Händler können die gestiegenen Kosten nicht an die Konsumenten weitergeben. Deshalb steigt bei vielen der Druck auf die Rendite. Dies wird zwangsläufig dazu führen, dass sich in den nächsten Jahren weitere Markteilnehmer zusammenschließen werden.

Nach der Übernahme von Plus sind für Sie in Deutschland keine weiteren Zukäufe mehr drin, oder?

Unsere Expansionspläne für die kommenden Jahre stehen. Im Schnitt eröffnen wir jeden Tag einen neuen Markt. Unter den Top-Händlern werden wir sicherlich nicht mehr diejenigen sein, die im großen Stil zukaufen werden. Das würde das Kartellamt auch nicht zulassen. Mit Plus kommen wir auf einen Marktanteil von etwa 30 Prozent.

Das ist Gift für den Wettbewerb. Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Tengelmann kontrollieren doch heute schon 90 Prozent des Marktes.

Aber diese fünf liefern sich einen knallharten Wettbewerb - zum Nutzen der Kunden. Nehmen Sie das Beispiel Plus. Dieser Discounter wird durch unsere Übernahme gestärkt. Damit erhöht sich der Preiswettbewerb.

Aber Ihre Lieferanten jammern, weil Ihre Einkaufsmacht nun noch größer wird.

Mit der Ededa-Gruppe besitzt die Industrie die größten Wachstumschancen in Deutschland. Schließlich sind wir der größte Markenartikel-Händler hierzulande. Solange die Umsatzrenditen in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie noch mindestens doppelt so hoch wie im Handel sind, gibt es keinen Anlass für Katzenjammer. Im Gegenteil: Es ist doch ein Segen für die Industrie, dass wir bis 2010 rund 1000 neue Märkte eröffnen und bald 1800 Plus-Läden auf Netto Marken-Discount umstellen: Netto verkauft doppelt so viele Herstellermarken wie Plus. Die Markenhersteller haben also fortan deutlich höhere Absatzchancen.

Das werden Sie sich aber mit saftigen Rabatten bezahlen lassen, oder?

Wir werden auf Basis der höheren Liefermengen intensiv mit den Industriepartnern verhandeln müssen. Schließlich investieren wir 250 Millionen Euro in die Umstellung und Modernisierung der Plus-Läden. An dieser substantiellen Verbesserung ihrer Absatzkanäle muss sich die Industrie beteiligen.

Wie stark wird der Plus-Erwerb Ihre Bilanz belasten? Brauchen Sie frisches Kapital?

Nein, die positive Geschäftsentwicklung der vergangenen Jahre führt dazu, dass wir zur Finanzierung kein zusätzliches Eigenkapital benötigen. Unser bestehender Finanzierungsrahmen reicht aus.

Sie haben sich aus dem Ausland zurückgezogen. Für immer?

Wir sehen in Deutschland noch sehr gute Wachstumschancen. Wir wollen jedes Jahr 200 neue Edeka-Läden eröffnen und den Umsatz der selbständigen Händler mittelfristig von 15 auf 20 Milliarden Euro erhöhen. Auch Netto wird weiter wachsen. Aber wenn wir 5000 Netto-Märkte in Deutschland haben, müssen wir sicherlich neue Überlegungen anstellen. Auch mit Blick auf das Ausland.

Was hat sich für Sie persönlich geändert, seit Sie an die Vorstandsspitze gerückt sind?

Die Schultern sind ein bisschen breiter und das Fell ein wenig dicker geworden. Trotzdem habe ich nicht das Gespür dafür verloren, was den Kaufleuten unter den Nägeln brennt.

Von denen kritisieren manche, dass Sie im Discount-Geschäft "groß" geworden sind. Spüren Sie Vorbehalte von Seiten der Edekaner?

Von diesen Vorbehalten konnte ich lesen. Gespürt habe ich sie nie. Im Gegenteil.

Ärgern sich die Edeka-Kaufleute nicht, dass Ihnen mit Netto nun ein "Familienmitglied" das Leben schwermacht?

Vielleicht schmeckt es dem ein oder anderen nicht. Aber für den Vorstand und Aufsichtsrat gibt es keinen Zweifel, dass der Ausbau der Marktführerschaft auch über eine wachstumsstarke Discount-Tochter erfolgen muss. Interner Wettbewerb spornt an. Dies führt auf allen Ebenen der Unternehmensgruppe zu besseren Ergebnissen. Zumal alle Edeka-Unternehmer von den zusätzlichen Erträgen profitieren.

Das Gespräch führte Johannes Ritter



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Anna Mutter

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
13.11.2009 | 17:45
Dax 5.686,83
+0,40 %
 
        Vortag
13.11.2009 | 23:59
Name Kurs in %
DAX 5.686,83 +0,40%
TecDAX 761,43 −0,15%
MDAX 7.311,23 +0,19%
SDAX 3.503,06 +0,39%
REX 373,92 +0,06%
Eurostoxx 50 2.883,04 +0,21%
Dow Jones 10.270,50 +0,72%
Nasdaq 100 1.788,61 +0,44%
S&P500 1.093,48 +0,57%
Nikkei225 9.770,31 −0,35%
EUR/USD 1,4902 +0,37%
Rohöl Brent Crude 76,46 $ −0,40%
Gold 1.107,50 $ −0,65%
Bund Future 121,42 € −0,04%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche