
Peter Höppe leitet bei der Münchener Rück den Bereich GeoRisikoForschung. Er ist die treibende Kraft hinter dem Projekt Wüstenstrom
22. Juni 2009 Kein Unternehmen auf der Welt hat vermutlich mehr mit den Folgewirkungen von Wind, Wetter und Klimawandel zu tun als die Münchener Rück. Das Unternehmen versichert Versicherungen - daher gehört es zur Kernkompetenz, große Risiken richtig einzuschätzen. Um für Naturkatastrophen gut gewappnet zu sein, hat sie eine eigene Abteilung Geo Risks aufgebaut. Deren Leiter ist seit knapp fünf Jahren der Meteorologe und promovierte Physiker Peter Höppe. Höppe ist die treibende Kraft hinter dem 400 Milliarden Euro schweren Sahara-Wüstenstrom-Projekt. Im Interview erläutert er, warum Solarkraftwerke in Afrika unsere Energieprobleme lösen.
Herr Höppe, Sie haben die Lösung für Europas Energieprobleme: Strom von der Wüstensonne. Kostenpunkt 400 Milliarden Euro.
Wir haben selbstverständlich nicht die Lösung für alle Energieprobleme. Aber tatsächlich glauben wir, dass Sonnenkraftwerke in der nordafrikanischen Wüste zur Lösung beitragen, ohne die Umwelt zu belasten.
Wieso soll ausgerechnet Afrika Europa helfen können?
Das sogenannte Desertec-Konzept, für das wir jetzt eine Industrieinitiative anschieben, sieht vor, Strom dort zu erzeugen, wo erneuerbare Energien in größter Dichte vorhanden sind. Das sind die Wüstengebiete. Und die nächste Wüste aus europäischer Perspektive ist nun einmal die Sahara.
Sie haben für das Projekt 400 Milliarden Euro veranschlagt. Das klingt jetzt nicht gerade bescheiden.
Diese Summe hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in einer Studie schon 2005 ermittelt. Das Projekt ist ja auch ambitioniert. Das ursprüngliche Konzept sieht vor, immerhin 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs damit zu decken. Die Investitionssumme verteilt sich auf viele Jahre.
Sie wollen keine Solarzellen in der Wüste installieren, sondern solarthermische Kraftwerke. Was ist der Vorteil?
Solarthermische Kraftwerke sind doppelt so effizient wie Felder mit Solarzellen. Wir glauben, dass in solchen Kraftwerken Strom zu marktfähigen Preisen erzeugt werden kann. Denn in den nächsten zehn Jahren wird sich der Strom aus konventionellen Kraftwerken verteuern, während die Solarthermie im Preis sinken wird. Damit wird der Wüstenstrom konkurrenzfähig.
Was passiert genau in solarthermischen Kraftwerken?
Im Prinzip fangen rinnenförmige Spiegel die Sonnenwärme ein, erhitzen ein Spezialöl, das wiederum Wasser erhitzt. Der entstehende Wasserdampf bewegt Turbinen, die den Strom erzeugen.
Sie brauchen eine Menge Platz für die Spiegel?
Na ja, das ist relativ. Um ganz Deutschland mit Wüstenstrom zu versorgen, reicht eine Fläche von 50 mal 50 Kilometer. Für Europa wären 150 mal 150 Kilometer ausreichend.
Eine praktische Frage: Wo bekommen Sie in der Wüste das Wasser her, dessen Dampf die Turbinen antreibt?
Das funktioniert, wenn das Wasser wieder verwendet wird, sprich geschlossene Systeme genutzt werden. Ein Teil des Stroms könnte auch zur Entsalzung von Meerwasser genutzt werden.
Noch eine technische Frage: Könnten nicht Wüstenstürme die Spiegel unbrauchbar machen?
Die Sahara besteht nicht nur aus Sand. Es ist einfach eine Frage des Standorts.
Und wie bekommt man den Strom dann von der Sahara nach Passau, Flensburg und Castrop-Rauxel?
Über Leitungen durchs Mittelmeer. Das ist technisch kein Problem. Schwieriger wird es gesellschaftspolitisch. Wir müssen das europäische Hochspannungsnetz verändern, um die Strommenge aus dem Süden aufnehmen und einspeisen zu können. Neue Hochspannungsleitungen provozieren Widerstände in der Bevölkerung.
Verständlicherweise.
Schon. Aber einen Preis wird man eben zahlen müssen, wenn man saubere, sichere Energie haben will. Die gibt es nicht zum Nulltarif. Die Alternative heißt ja oft konventionelle Kohlekraft. Dort wäre auch neue und möglicherweise teure Technologie nötig, um den Klimakollaps zu verhindern.
Wo errichten Sie die Solarkraftwerke?
Das ist alles noch unklar. Jetzt soll ja erst einmal die Machbarkeit geprüft werden. Theoretisch kommen alle nordafrikanischen Wüstengegenden in Frage. Für die Länder sind die Kraftwerke attraktiv, weil sie Stabilität und Wachstum bringen.
Dann könnte die Sicherheit unserer Energieversorgung zum Beispiel vom Wohlwollen des libyschen Revolutionsführers Muammar Gaddafi abhängen?
Ich will nicht über einzelne Länder reden. Erst einmal würde sich unsere Abhängigkeit verringern, da wir unseren Energiebezug auf noch mehr Quellen verteilen als bisher schon. Zweitens würden idealerweise Kraftwerke in mehreren nordafrikanischen Ländern errichtet. Und schließlich würden wir nur in politisch stabile und zuverlässige Länder gehen.
Die Länder könnten auf die Idee kommen, dass das Projekt eine moderne Variante des Kolonialismus ist. Sie erobern Land, um es zugunsten Europas auszubeuten.
Falsch. Es geht natürlich nur partnerschaftlich. Nach meiner persönlichen Vorstellung sollte mit den Kraftwerken zunächst der Energiehunger der jeweiligen Länder gestillt werden. Danach würde dann Europa beliefert werden. Das Desertec-Konzept hat nur eine Chance, wenn alle gewinnen. Das halten wir für möglich.
Wer garantiert uns denn, flapsig gefragt, dass sich nicht ein paar militante Beduinen auf die Leitungen stellen?
Mal so gesagt: Man kann sich immer Dinge überlegen, die gegen Utopien sprechen. Wir gehen jetzt voran und prüfen, ob diese faszinierende Idee umgesetzt werden kann und auch politisch möglich ist.
Noch nie hat Deutschland im Ausland Kraftwerke gebaut, um den produzierten Strom einzuführen.
Um das klar zu sagen. Wir reden von der Idee für ein Projekt, das Europa und die Mittelmeeranrainer gemeinsam tragen müssen. Das ist kein deutsches Projekt. Der Klimawandel ist global, er verlangt internationale Lösungen.
Haben sich RWE und Eon das gut überlegt, als sie erklärten, sie würden das Projekt Wüstenstrom unterstützen? Immerhin haben die Wüstenkraftwerke ja theoretisch das Potential, neue Kohlekraftwerke und längere Kernkraftlaufzeiten überflüssig zu machen.
Ich will so antworten: Viele Studien zeigen, dass sich Maßnahmen gegen den Klimawandel rechnen und große Geschäftspotentiale für neue Technologien bieten.
Wo stehen wir jetzt mit dem Projekt?
Ziemlich am Anfang. Am 13. Juli kommen Vertreter von interessierten Konzernen, der Politik und von den nordafrikanischen Ländern auf Einladung der Münchener Rück und des Club of Rome bei uns zusammen, um erst einmal eine Interessengemeinschaft zu gründen. Die Organisation soll dann eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben und binnen zwei bis drei Jahren eine Roadmap entwickeln. Danach könnte theoretisch der Bau von kleineren Anlagen beginnen.
Sie wissen noch gar nicht, ob das Projekt machbar ist?
Wir sind natürlich fest davon überzeugt.
Aber im Moment ist das Projekt Wüstenstrom nicht mehr als eine Ideenskizze, oder?
Es ist eine Idee, ja. Experten sagen, es ist technologisch möglich. Wir wollen jetzt die Initiative einfach einmal anschieben und sehen, ob es auch politisch und wirtschaftlich möglich ist.
Wie viel Geld wird die Münchener Rück für den Wüstenstrom in die Hand nehmen?
Es ist viel zu früh, das zu entscheiden.
Das Investitionsvolumen von 400 Milliarden Euro klingt eindrucksvoll. Wie viel davon werden Subventionen sein?
Wir brauchen die internationale Politik im Wesentlichen, um die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen abzusichern. Sie sollte die Stromdurchleitung regeln und wissenschaftliche Studien mitfinanzieren, die noch nötig sind.
Wer kann denn sonst in diesen schlechten Zeiten 400 Milliarden Euro mobilisieren?
Ich will gar nicht so viel über Zahlen reden. Dazu ist es wie gesagt viel zu früh. Aber: Wenn sich die Machbarkeit herausstellt, dürfte die Finanzierung nicht das Problem sein.
Bisher war die Münchener Rück nach starken Hagelschauern oder Herbststürmen gefragt. Warum treiben ausgerechnet Sie ein Energieprojekt voran?
Wir sind gebeten worden von der Deutschen Sektion des Club of Rome. Und wir finden die Idee faszinierend und überzeugend.
Da wird einem ja etwas schummerig. Der Club of Rome ist durch das Buch "Grenzen des Wachstums" weltberühmt geworden, das vor Fehlprognosen nur so wimmelt.
Prognosen sind ein schweres Geschäft. Dort arbeiten seriöse Wissenschaftler, die die Vision entwickelt haben. Sie sind auf uns zugekommen, weil wir uns als Fachleute des Klimawandels exponiert haben. Und als Versicherer von Off-Shore-Windanlagen und anderen Kraftwerken haben wir eine hohe Expertise, was den Bereich Erneuerbare Energie angeht.
Das kann nicht der Grund allein gewesen sein.
Wir sehen aus unseren Analysen, dass der Klimawandel eine große Bedrohung für die Menschheit ist. Wir müssen dagegen angehen!
Und Sie versprechen sich gute Geschäfte?
Auch dafür ist es zu früh. Aber natürlich käme für uns bei einer Umsetzung sowohl die Rolle als Risikoträger als auch die eines Investors in Frage.
Erhöht der Klimawandel die Zahl der Naturkatastrophen und beeinflusst damit jetzt schon Ihr Geschäft?
Ja. Unsere Datenbank registriert 26.000 Naturkatastrophen seit 1950. Wir verzeichnen deutlich mehr Wetterkatastrophen, deren Anstieg sich zumindest zu einem Teil nur noch durch den Klimawandel erklären lässt. Die Wetterextreme häufen sich selbst in Deutschland. Wir verzeichnen jetzt zum Beispiel Überschwemmungen in Folge von Starkregen, die wir früher seltener gesehen haben. Wir preisen Klimarisiken inzwischen auch bei den Versicherungen ein, wenn wir signifikante Erkenntnisse haben. Die Daten lassen uns im Grunde keine Wahl. Wir müssen etwas tun.
Das Gespräch führten Nadine Oberhuber und Winand von Petersdorff
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung