IAA

Die Kulisse stimmt

Von Carsten Knop, Georg Meck und Henning Peitsmeier

13. September 2007 Steigen Automanager die Showtreppe hinunter, feiern sie entweder eine wichtige Premiere oder eine wichtige Messe. Die IAA ist beides: die größte Messe der Branche und als solche der angemessene Platz für die Präsentation wichtiger neuer Modelle.

Maßstäbe setzt dieses Jahr Volkswagen, der Wolfsburger Konzern, der sich neuerdings, globale Ambitionen unterstreichend, Volkswagen Group nennt. Nach Jahren der Depression schwingt sich VW auf, den Weltmarktführer Toyota anzugreifen. Ob und wann dies je gelingen wird, ist schwer zu sagen. Die Veranstaltung, die der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn in Frankfurt inszeniert, nimmt an den ganz großen Showformaten Maß: Acht Weltpremieren stellt VW vor knapp 1500 Gästen in der mächtig aufgehübschten Ballsporthalle vor. In der Rolle des Helden: Martin Winterkorn, ein begnadeter Techniker, ein autovernarrter Manager und doch keiner, dem ein Fernsehintendant im richtigen Leben die Moderation einer Samstagabend-Show antragen würde.

Premieren-Fahrzeuge wie von Geisterhand gezogen

Die Kulisse stimmt: Die Basketball-Körbe in der Halle haben sie abgebaut, das weite Rund wird in wechselnden Farben ausgeleuchtet, auf dem eigentlichen Spielfeld warten, in weißem Tuch verhüllt, die acht Weltneuheiten. Jedes Wort des Vorstandsvorsitzenden wird auf dem Würfel von der Hallendecke übertragen, dazu dröhnen die Werbespots der einzelnen Konzernmarken, im Publikum Stars aus Sport und Musik sowie VW-Vorstände und -Aufsichtsräte, darunter Ferdinand Piëch und Jürgen Peters, der scheidende IG-Metall-Chef. Von ihren Stehtischen, umsorgt von reichlich Personal, beobachten sie, wie die Podeste der Premieren-Fahrzeuge, wie von Geisterhand gezogen, an die Bühne vorfahren.

Dazu erscheint der jeweils verantwortliche Manager, mal mehr, mal weniger showerprobt. Der Markenregie im Konzern gehorchend, steht Skoda am unteren Ende der Glamourskala mit einem neuen Kombi, in dessen Kofferraum auch ein Picknickkorb passt, wie zwei Wanderer demonstrieren. Von ganz anderem Kaliber ist da Lamborghini, die italienische Marke, die laut Eigenwerbung „das Tier im Mann“ anspricht. Klischeegerecht enthüllen drei hübsche Damen den neuesten Sportwagen, dessen brachiale Anmutung man einem Kampfjet entliehen habe, wie Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann ausführt. Eine Million kostet das 650 PS starke Sondermodell, 20 davon werden gebaut - alle sind bereits verkauft. Höhepunkt der Show ist freilich der Kleinste aus Wolfsburg, ein Winzling namens „Up!“, ein „echter Volkswagen“, wie Winterkorn schwärmt. Weniger als drei Liter soll der Kleinstwagen verbrauchen, sich in den Großstädten Europas breitmachen und das ökologische Gewissen beruhigen. Denn bei aller Show: Diese IAA ist eine grüne Messe.

Am Opel-Rennwagen ist nur der Lack grün

Richtig laut ist es bei Opel. Ein Lärmpegel wie bei der Landung eines Hubschraubers entsteht, wenn Carl-Peter Forster, Chef von General Motors Europe, in einem Opel-Rennwagen aus dem Jahr 1914 Gas gibt. Unter der langen Motorhaube des Oldtimers hämmert ein Vierzylinder mit sagenhaften 12,4 Liter Hubraum. Grün ist an diesem Auto nur die Außenfarbe. Angeblich kann der antike Rennwagen bis auf 220 Stundenkilometer beschleunigen, „es traut sich nur niemand“, scherzt ein Opel-Ingenieur.

Bei Renault lässt Konzernchef Carlos Ghosn die Autos sogar tanzen: In der Frankfurter Jahrhunderthalle, nur wenige Schritte von der Ballsporthalle im Stadtteil Höchst entfernt, fahren nicht weniger als zehn Modellneuheiten um den kleinen Mann mit den großen Entertainer-Qualitäten herum. Ghosn stellt sie mit wachsender Begeisterung vor, ist das zehnte doch eine bildhübsche Coupé-Version des neuen Laguna. Eine perfekte Show mit viel Glamour, so wie man die Franzosen kennt.

Focus überraschend stark überarbeitet

Zu einer sehr viel kleineren Veranstaltung hat die deutsche Tochtergesellschaft des amerikanischen Autokonzerns Ford in das Restaurant Nizza am Main geladen. Nur vielleicht drei Dutzend Gäste erfuhren vom Deutschlandchef Bernhard Mattes einen Tag vor der offiziellen Enthüllung Details zum Design des überraschend stark überarbeiteten Kompaktwagens Focus. Während Thunfisch und Rinderfilet in einem noch recht rohen Zustand gereicht wurden, bemühte sich ein Designer, mit dickem Filzstift die wesentlichen optischen Unterschiede zwischen dem heutigen und dem künftigen Modell herauszuarbeiten. Das Auto wird ausdrucksstärker, die Seitenlinie markanter, aber am Heck ändert sich nicht allzu viel. Auffallend war dabei vor allem, wie beiläufig Mattes über die Auffrischung seines wichtigsten Volumenmodells berichtete.

Zur eigentlichen Vorstellung in den Messehallen am Tag darauf bleibt Ford-Europachef John Fleming dieser Linie treu. Etwas Musik, ein paar Tänzerinnen, nach wenigen Minuten sind mit dem Mini-Geländewagen Kuga, der Kleinwagenstudie Verve und dem Focus drei neue Modelle enthüllt. Die ganz große Show ist derzeit die Sache von Ford offensichtlich nicht - das wäre angesichts der finanziellen Situation, in der sich die Muttergesellschaft in Detroit befindet, vielleicht auch nicht angebracht.

Star bei Toyota ist ein Kleinstwagen

Leise Töne herrschen auch bei einem Hersteller vor, der eigentlich allen Grund zu lautstarken Feiern hätte. Denn Toyota macht nicht zuletzt Ford auf dem amerikanischen Heimatmarkt das Leben schwer und schickt sich an, so viele Autos in der Welt zu bauen wie kein anderer. Der Star auf dem unaufdringlichen Toyota-Stand ist dann auch ein Kleinstwagen, der drei Erwachsenen und einem Kind Platz bietet. „iq“ heißt die Designstudie, sie wird von ein paar Tänzerinnen präsentiert, sanfte Musik hallt aus dem Off.

Schon am Vorabend hatten die Japaner in ein Frankfurter Hotel eingeladen, dort einen schlichten Raum angemietet, Stühle und Tische hingestellt, etwas Sushi serviert. Nicht ein einziges Auto wurde auf die Bühne gefahren, sie wäre dafür auch zu klein gewesen. Stattdessen ließ Toyota-Präsident Katsuaki Watanabe, ein ebenso mächtiger wie kleiner Mann, einige Charts an die Wand werfen. Das erste Schaubild trug die Überschrift „Unsere Wachstumsphilosophie“, ein anderes ließ die Absatzzahlen folgen, geplante 10,4 Millionen Autos im Jahr 2009. Das wäre ein Weltrekord; ohne große Show. Mehr muss nicht gesagt werden.



Text: F.A.Z., 13.09.2007, Nr. 213 / Seite 24
Bildmaterial: AFP, AP, Daniel Pilar, ddp, dpa, REUTERS

 
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