Amerika droht ein Duopol

Notfusion um schales Bier

Von Roland Lindner, New York

Die Amerikaner trinker lieber Lokales: Great Lakes aus Cleveland

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11. Oktober 2007 Amerikaner genießen nicht gerade einen Ruf als ausgewiesene Bierkenner. In Deutschland und anderen Regionen mit großer Brautradition blickt man gerne auf die Amerikaner als Banausen herab, deren Bier nicht viel mehr als eine wässrige Brühe ist, die noch dazu oft aus Dosen oder Plastikbechern getrunken wird. Die jetzt angekündigte Großfusion auf dem amerikanischen Biermarkt scheint diese Vorurteile auf den ersten Blick zu unterstreichen. Die Brauereikonzerne SAB Miller und Molson Coors wollen ihr jeweiliges Amerika-Geschäft in einem neuen Gemeinschaftsunternehmen mit dem Namen „Miller Coors“ zusammenlegen.

Wenn die Kartellbehörden zustimmen, wird es in Amerika bald zwei Brauereiriesen geben, die zusammen fast 80 Prozent des gesamten Biermarktes beanspruchen - und zwar in erster Linie mit genau den typisch amerikanischen Bieren, die unter Europäern so verpönt sind. Auf der einen Seite steht der marktbeherrschende Konzern Anheuser-Busch, der mit Marken wie „Budweiser“ und „Bud Light“ auf einen Anteil von fast 50 Prozent kommt. Auf der anderen Seite findet sich das neue Bündnis mit den Marken „Miller“ und „Coors“ und ihren jeweiligen Leicht-Versionen mit rund 30 Prozent.

Lieber Heineken, Corona oder „Microbrews“

Sosehr diese Hersteller aber auch den amerikanischen Markt beherrschen: Sie kämpfen mit großen Problemen, und der Zusammenschluss von Miller und Coors ist dafür ein Beleg. Immer mehr Amerikaner sind ihrer eigenen Marken überdrüssig geworden und suchen nach Alternativen. Sie greifen zunehmend zu Importbieren wie Stella Artois aus dem Hause des weltgrößten Bierbrauers Inbev aus Belgien, Heineken aus den Niederlanden oder Corona aus Mexiko. Oder sie entscheiden sich für Spezialitätenbiere von kleineren Brauereien - die sogenannten „Microbrews“ -, die oft im Geschmack um einiges gehaltvoller sind als die großen Marken. Oder noch schlimmer für die Brauer: Sie wenden sich gleich ganz von Bier ab und trinken stattdessen Wein oder Spirituosen.

Pete Coors, der stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende von Molson Coors, machte am Dienstag auch keinen Hehl daraus, dass es sich bei dem neuen Gemeinschaftsunternehmen um eine Notfusion handelt. „Die Transaktion ist von den gewaltigen Veränderungen im amerikanischen Markt für alkoholische Getränke angetrieben, die für beide Unternehmen neue Herausforderungen darstellen“, sagte Coors. „Wein- und Spirituosenunternehmen dringen zunehmend bei Anlässen vor, zu denen traditionell Bier getrunken wurde, und Bierimporteure und Spezialitätenbrauer erobern einen größeren Anteil beim Marktwachstum.“

Nur in China mehr Bier produziert

Amerika ist freilich weiterhin ein riesiger Markt. Nur in China wird mehr Bier produziert als in den Vereinigten Staaten (an dritter Stelle folgt Deutschland). Bier steht für mehr als die Hälfte des gesamten Umsatzes mit alkoholischen Getränken. Allerdings verläuft der Trend seit einigen Jahren zuungunsten von Bier und erst recht zuungunsten der großen Marken. Im Jahr 2000 entfielen nach Angaben des Spirituosenherstellerverbandes Distilled Spirits Council noch 55,5 Prozent des Umsatzes mit alkoholischen Getränken auf Bier, im vergangenen Jahr waren es noch 50,7 Prozent. Im gleichen Zeitraum bauten Spirituosen ihren Anteil massiv von 28,7 auf 32,8 Prozent aus. Wein legte leicht von 15,7 auf 16,6 Prozent zu. Die Brewers Association, ein Verband von Spezialitätenbrauereien, meldete vor wenigen Wochen, dass ihre Produkte im ersten Halbjahr 2007 zum ersten Mal einen Anteil von 5 Prozent am gesamten Bierumsatz in Amerika übersprungen haben.

Die großen Hersteller versuchen, auf diese Trends zu reagieren. Anheuser-Busch ist so weit gegangen, selbst Spirituosen zu verkaufen. Im Jahr 2005 brachte das Unternehmen einen Beeren- und Kräuterschnaps mit dem Namen Jekyll & Hyde auf den Markt. Seither wird in der Branche spekuliert, ob Anheuser-Busch womöglich einen Spirituosenhersteller übernehmen würde. Daneben setzen die Großbrauereien stärker auf Spezialitätenbiere: So ist Coors recht erfolgreich mit einem Weizenbier nach belgischer Brauart mit dem Namen „Blue Moon“. Es gibt zudem Experimente, Bier mit Fruchtgeschmack zu vermarkten, wie sie sich derzeit auch in Deutschland verbreiten.

Ähnlicher Fall in der Tabakbranche

SAB Miller und Molson Coors suchen die Antwort auf die schwierigen Marktbedingungen nun mit einer Fusion. Miller und Coors sind erst in den vergangenen Jahren in größeren Braukonzernen aufgegangen. Miller war früher eine Tochtergesellschaft des Zigarettenherstellers Philip Morris und wurde dann im Jahr 2002 an die britisch-südafrikanische South African Breweries (SAB) verkauft, die sich dann in SAB Miller umbenannte. Molson Coors entstand erst im Jahr 2005 aus dem Zusammenschluss des größten kanadischen Bierbrauers Molson und der amerikanischen Coors-Gruppe. Das jetzt angekündigte Gemeinschaftsunternehmen ist in gewisser Weise ein Eingeständnis, dass die damalige Fusion kein Erfolg war, und macht sie ein gutes Stück weit rückgängig. Die Coors-Gruppe, die hauptsächlich auf die Vereinigten Staaten konzentriert war, wird nun weitgehend aus dem bisherigen Molson-Coors-Verbund herausgelöst.

Analysten rechnen mit der kartellrechtlichen Genehmigung des neuen Gemeinschaftsunternehmens - obwohl danach die beiden stärksten Bierkonzerne auf einen kombinierten Marktanteil von 80 Prozent kommen. Sie begründen ihre Zuversicht mit einem ähnlichen Fall aus der Tabakbranche im Jahr 2004: Damals wurde der Zusammenschluss von R. J. Reynolds und Brown & Williamson genehmigt, die einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent erreichten. Auch im Tabakgeschäft gibt es einen dominierenden Anbieter: Der Marlboro-Hersteller Philip Morris hat rund die Hälfte des Marktes für sich, ähnlich wie Anheuser-Busch beim Bier.

Blick auf Anheuser-Busch

Nach dem Paukenschlag von Miller und Coors richten sich nun die Augen auf Anheuser-Busch. Der Marktführer sieht sich jetzt in seiner Heimat nicht nur einem stärkeren Wettbewerber gegenüber. Er leidet auch an der Schwäche im internationalen Geschäft. Mit seinen eigenen Marken wie „Budweiser“ hat Anheuser-Busch im Ausland kaum Fuß gefasst. Mit Zukäufen hat sich das Unternehmen zurückgehalten. Das Auslandsgeschäft steht derzeit für weniger als 7 Prozent des Konzernumsatzes. Jetzt gewinnen die Spekulationen wieder an Fahrt, wonach Anheuser-Busch doch zu einer großen Transaktion bereit sein könnte, zum Beispiel mit dem Weltmarktführer Inbev. Diese Theorie vertritt Analystin Bonnie Herzog von der Citigroup: „Die Miller-Coors-Transaktion könnte in unseren Augen letztlich eine Kombination von Anheuser-Busch und Inbev beschleunigen“, sagt sie.

Text: F.A.Z., 11.10.2007, Nr. 236 / Seite 21
Bildmaterial: AP

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