Von Sven Astheimer
21. Mai 2008 Der Fernsehgeräte-Hersteller Grundig steht kurz vor der Ertragswende. Im Geschäftsjahr 2007 habe man "die schwarze Null fast erreicht", sagte Geschäftsführer Michael Peterseim am Dienstag in Nürnberg. Für dieses Jahr erwarte man eine branchenübliche Rendite von 2 Prozent. Noch im Vorjahr konnte ein zweistelliges Millionendefizit nur durch neue Mittel des Besitzers, der türkischen Koç Holding, ausgeglichen werden. Deren gesamte Führungsriege weilte am Dienstag im Nürnberger Stammwerk, um der Belegschaft und der Öffentlichkeit die Bedeutung der Marke Grundig für die Konzernstrategie zu erläutern. Seit Ende März ist Grundig Intermedia eine vollständige Tochter der Koç Holding.
Dieser Besuch sei ein deutlicher Hinweis darauf, dass Koç großes Vertrauen in Grundig setze, sagte der Koç-Verwaltungsratsvorsitzende und Enkel des Gründers, Mustafa Koç. Der Vorstandsvorsitzende Bülent Bulgurlu unterstrich, dass Grundig für die Strategie von Koç als global tätigem Unternehmen von entscheidender Bedeutung sei. Rund 20 Millionen Haushalte in Europa besäßen bereits einen Grundig-Fernseher. Als Nächstes wolle man die Märkte in Russland und dem Mittleren Osten erschließen.
In Nürnberg arbeiten noch 400 von einst 40.000 Beschäftigten
In Russland, wo Koç bereits produziert, sollen innerhalb eines Jahres 400.000 TV-Geräte abgesetzt werden. Nürnberg spiele für den Wert der Marke eine wichtige Rolle, betonte Bulgurlu im Stammwerk, wo an den 100. Geburtstag des Firmengründers Max Grundig vor wenigen Tagen erinnert wurde. Deshalb solle die Entwicklungsarbeit auch künftig von deutschen Ingenieuren geleistet werden, die Produktion findet ohnehin schon in der Türkei statt.
Die Koç Holding war vor fünf Jahren gemeinsam mit dem britischen Investor Alba bei der Fernsehsparte der insolventen Grundig-Gruppe eingestiegen. Die Traditionsmarke aus dem Fränkischen sollte den Türken rasch die Türen zu den europäischen Märkten öffnen. Das neue Unternehmen Grundig Intermedia hatte jedoch von Anfang an mit zahlreichen Problemen und häufigen Personalwechseln zu kämpfen. Peterseim ist mittlerweile schon der dritte Geschäftsführer. Seine Vorgänger klagten über eine minderwertige Qualität der in türkischen Werken gefertigten Komponenten sowie über schwierige Abspracheprozesse mit den Anteilseignern. Einige Händler nahmen daraufhin die Grundig-Schirme sogar aus dem Programm. Trotz eines radikalen Stellenabbauprogramms - im Nürnberger Stammwerk arbeiten heute weniger als 400 von einst 40.000 Beschäftigten - konnten die Erwartungen für Umsatz und Ertrag nur selten erfüllt werden. Im Frühjahr 2007 mussten die Investoren 20 Millionen Euro nachschießen, um das Unternehmen vor einer neuerlichen Pleite zu bewahren.
Bis zum Jahr 2011 soll Umsatz auf eine Milliarde steigen
Durch den Erwerb des Alba-Anteils für rund 50 Millionen Euro sollen diese Probleme der Vergangenheit angehören. "Nun können wir schnellere Entscheidungen treffen und unsere Strategien verfolgen", sagte Bulgurlu. Die Qualitätsprobleme seien mittlerweile gelöst. Für das laufende Jahr rechnet Grundig damit, dass der Umsatz bei rund 400 Millionen Euro stagniert. Dies liegt laut Deutschland-Chef Peterseim daran, dass man zwar den Anteil am deutschen LCD-Markt von 3,1 auf 4,1 Prozent innerhalb eines Jahres gesteigert habe, in gleichem Maße jedoch im traditionellen Stammgeschäft mit Röhrenfernsehern Einbußen hinnehmen musste.
Für die Zukunft hat man sich dennoch ehrgeizige Ziele gesteckt. Der Umsatz soll bis zum Jahr 2011 auf eine Milliarde erhöht werden. Neue Produkte wie Staubsauger oder Haartrockner sollen die hohe Abhängigkeit vom Geschäft mit Fernsehgeräten verringern. Die Koç Holding setzte vergangenes Jahr mit rund 85.000 Beschäftigten rund 40 Milliarden Dollar um. Auf der "Fortune"-Liste wird Koç unter den 200 größten Unternehmen der Welt geführt. Zur Holding gehören rund 100 Unternehmen. Derzeit ist der Konzern dabei, seine Aktivitäten auf die vier Hauptgeschäftsfelder Energie, Automotive, Konsumgüter und Finanzdienstleistungen zu konzentrieren. Weitere Zukäufe seien derzeit nicht geplant, heißt es.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Grundig Intermedia GmbH
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