01. Februar 2006 Nach außen gibt sich Josef Ackermann betont gleichmütig. Doch durchlebt der Vorstandssprecher der Deutschen Bank in diesen Tagen ein Wechselbad der Gefühle. Im Ausland wird er gefeiert, in Deutschland ist er Buhmann der Nation. Dabei hat die Deutsche Bank unter seiner Führung im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn erwirtschaftet, ist zudem wieder zu den global führenden Finanzhäusern aufgerückt.
Daß Deutschlands mächtigstes Finanzhaus im Kreuzfeuer linker Kritik steht, ist nicht neu. Doch hat die Deutsche Bank in den vergangenen Jahren auch in der breiten Öffentlichkeit an Ansehen und Rückhalt verloren.
Manager vor Gericht
Die Spektakel um ihre beiden Spitzenkräfte, Ackermann und den Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Breuer, haben dazu kräftig beigetragen: Ackermann ist im Mannesmann-Verfahren wegen Untreue angeklagt, Breuer hat der Bundesgerichtshof im Zusammenhang mit der Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch vertragswidriges Verhalten vorgeworfen. Das könnte Breuer und die Bank noch teuer zu stehen kommen. Mit Spannung wird erwartet, ob der Konzern für dieses Risiko in der Bilanz 2005 eine Rückstellung bildet.
Obendrein ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Hilmar Kopper, den früheren Vorstandssprecher und Aufsichtsratschef des Instituts, wegen des Verdachts auf illegale Insidergeschäfte. Und auch die jüngst verkündete Anstellung des ehemaligen Finanzstaatssekretärs Caio Koch-Weser geht nicht ohne Querelen ab. Auf Druck der Sparkassen, die Koch-Weser seine Kritik an der Drei-Säulen-Struktur mit Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsinstituten im deutschen Bankgewerbe nachtragen, hat das Ministerium eine beamtenrechtliche Untersuchung eingeleitet.
Die deutsche Öffentlichkeit denkt und fühlt anders
Auch wenn noch völlig offen ist, ob sich die Manager tatsächlich Fehlverhalten haben zuschulden kommen lassen: Deutschlands führendem Bankhaus tut dies alles nicht gut. Zudem hat Ackermann die Öffentlichkeit nicht nur mit der Mannesmann-Affäre gegen sich aufgebracht. Der Schweizer, der seine Karriere vor allem in London gemacht hat, hat lange verkannt, daß er als Chef der Deutschen Bank im Rampenlicht der deutschen Öffentlichkeit steht - und daß deren Denken und Fühlen sich zu dem der hochbezahlten angelsächsischen Investmentbanker verhält wie Feuer zu Eis.
So rannte Ackermann genau vor einem Jahr trotz Warnungen in ein offenes Messer: Damals erregte die deutsche Öffentlichkeit, daß die Zahl der Arbeitslosen auf das Rekordhoch von fünf Millionen angeschwollen war. Doch davon völlig unbeirrt, kündigte Ackermann den Abbau von 5200 Stellen an - obwohl der Konzern einen Milliardengewinn erwirtschaftet hatte. Prompt nutzten Politiker die Chance, Ackermann zum Blitzableiter für Volkes Zorn über die steigende Arbeitslosigkeit zu machen. Seither gilt er als Inbegriff des kaltherzigen Kapitalisten, der anderen die Existenzgrundlage nimmt und dafür Millionen kassiert. Tatsächlich hat Ackermann für 2004 mehr als 10 Millionen Euro verdient. Allerdings verdienen vergleichbare Manager im Ausland oft noch deutlich mehr.
In Londons City genießt Ackermann Star-Status
Erst recht ins Fettnäpfchen trat Ackermann im vergangenen Dezember mit der Schließung des offenen Immobilienfonds "Grundbesitz Invest". Das brachte ihm verbale Prügel von der gesamten deutschen Finanzwirtschaft einschließlich Jochen Sanio, dem Chef der Bankaufsicht, ein. Doch während dieser Sturm noch tobte, erhielt Ackermann von anderer Seite höchstes Lob: Eine angesehene Londoner Fachzeitschrift kürte die Deutsche Bank zur "Bank des Jahres". Das Institut erhielt diese begehrte Auszeichnung unter Ackermann schon zum zweiten Mal - weshalb er in der Londoner City Star-Status genießt.
Davon unbenommen, ging es für Ackermann auf der Achterbahn der Gefühle anschließend erst richtig los. Am Morgen der Urteilsverkündung im Mannesmann-Verfahren dachte Breuer in einem Zeitungsinterview laut über einen Nachfolger für Ackermann nach. Das weckte Spekulationen, daß Breuer auf Distanz zum Vorstandssprecher gehe. Denn als Aufsichtsratschef der Deutschen Börse hatte Breuer deren Chef Werner Seiffert lange gestützt - bis er selbst darüber ziemlich schmählich sein eigenes Amt verlor.
Triumph durch hohe Eigenkapitalrendite
Stunden später folgte der Urteilsspruch, der für Ackermann kaum schlechter hätte ausfallen können. Das provozierte einen Chor von Rücktrittsforderungen. Doch am Nachmittag sprach der Aufsichtsrat Ackermann "uneingeschränktes Vertrauen" aus. Just zu dieser Stunde mußte sich dieser in München bei einem Gipfeltreffen der deutschen Finanzwirtschaft eine geharnischte Schelte wegen "Grundbesitz Invest" anhören.
Am Donnerstag dürfte nun wieder ein Triumph folgen. Vermutlich wird Ackermann für 2005 über einen Jahresgewinn des Konzerns von 3,6 bis 3,8 Milliarden Euro berichten. Das würde einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent entsprechen - das Ziel, das Ackermann vor Jahren vorgegeben hat. Der Schweizer Manager fährt damit die Früchte einer weitsichtigen Strategie ein. Dazu hat er mit harter Hand ertragsschwache Geschäftsfelder verkauft oder eingestellt - wodurch die Zahl der Mitarbeiter des Konzerns um 20.000 auf derzeit etwa 63.000 geschrumpft ist. Zudem hat Ackermann das riesige Beteiligungsportefeuille Zug um Zug verkauft. Weitgehend unbemerkt hat er dadurch entscheidend zur Auflösung der "Deutschland AG" beigetragen, die einst die Basis für die vielkritisierte "Macht der Banken" war.
Satte Renditen kein Selbstzweck
Für den Manager sind dies freilich nur Etappenziele. Die hohe Eigenkapitalrendite, die in der Öffentlichkeit als geradezu anstößig empfunden wird, ist für ihn unabdingbar, damit Investoren die Deutsche-Bank-Aktie attraktiv finden. Schließlich erwirtschaften die globalen Konkurrenten des Konzerns ähnlich satte Renditen. Tatsächlich ist die Aktie in jüngster Zeit auf Höhenflug gegangen. Mit 88 Euro liegt sie inzwischen über dem Niveau zu Ackermanns Amtsantritt im Mai 2002. Damit kommt Ackermann dem eigentlichen Ziel näher, den seit Jahren schwachen Börsenwert des Konzerns zu steigern. Denn nur so wird die Deutsche Bank bei der anstehenden Konsolidierung im europäischen und globalen Bankgeschäft eine aktive Rolle spielen können, der deutschen Wirtschaft als ein "National Champion" erhalten bleiben.
Wie zu hören ist, wird der Aufsichtsrat Ackermanns Vertrag am heutigen Mittwoch bis zur Hauptversammlung im Mai 2010 verlängern. Das entspricht offenbar dem Wunsch des Schweizers, der dann 62 Jahre alt sein wird, die inoffizielle Altersgrenze für Vorstandsmitglieder. Für die Deutsche Bank bedeutet dies Kontinuität. Denn die Nachfolgedebatte hat gezeigt, daß Ackermann derzeit unverzichtbar ist. Niemand anderem wird zugetraut, die widerstrebenden Interessen der Londoner Investmentbanker und des inzwischen viel kleineren deutschen Stammhauses zusammenzuhalten.
Charme-Offensive, Hand in Hand mit der Bild-Zeitung
In den verbleibenden vier Jahren will Ackermann dem Konzern neue Wachstumsfelder erschließen, vor allem auf den Zukunftsmärkten in den Schwellenländern. Auch das deutsche Filialgeschäft soll ausgebaut werden; unlängst hat er dazu ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Millionen Mitglieder zählenden Automobilclub ADAC auf die Bahn geschoben. Daneben hat Ackermann offensichtlich eine Art Charme-Offensive gestartet, um seinen Ruf als Buhmann loszuwerden. Die "Bild-Zeitung" hat ihm dazu die Hand gereicht: Sie druckte ein Interview mit ihm auf zwei Seiten ab.
Doch ob Ackermann seine zweite Amtszeit vollenden kann, liegt nicht allein in seiner Hand. Denn vermutlich im Herbst wird das neue Verfahren in Sachen Mannesmann beginnen. Sollte er verurteilt werden, müßte er den Chefsessel bei der Deutschen Bank wohl räumen.
Text: F.A.Z., 01.02.2006, Nr. 27 / Seite 20
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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Der Sozialismus ist gar nicht so übel
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