Von Johannes Ritter und Henning Peitsmeier
17. Juli 2008 Continental ist kein willfähriges Opfer für Schnäppchenjäger, und aus diesem Grund lehnen wir das Übernahmeangebot der Schaeffler-Gruppe ab und bitten alle unsere Aktionäre, ihre Aktien nicht anzubieten. Wir werden die Unabhängigkeit dieses Unternehmens verteidigen und dafür kämpfen.“ Mit diesen Worten hat sich der Conti-Vorstandsvorsitzende Manfred Wennemer am Mittwoch klar gegen die Schaeffler-Gruppe positioniert, die am Tag zuvor ein öffentliches Übernahmeangebot angekündigt hatte. Das fränkische Familienunternehmen bietet 69,37 Euro je Conti-Aktie, ist also bereit, gut 11 Milliarden Euro für den hannoverschen Automobilzulieferer zu bezahlen. Der Vorstand von Continental arbeitet jetzt intensiv an einer Abwehrstrategie.
Die Schaeffler-Gruppe, die nach eigener Aussage keine Zerschlagungspläne hegt, nahm die Ablehnung am Mittwoch gelassen zur Kenntnis, verwahrte sich aber gegen den vom Vorstandsvorsitzenden der Continental AG gewählten Stil der Auseinandersetzung“. Jürgen Geißinger, der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Schaeffler-Gruppe, erklärte: Wir laden Continental weiter dazu ein, mit der Schaeffler Gruppe eine Win-Win-Position zu kreieren.“
Schaeffler-Gruppe hat klaren Fahrplan zur Mehrheitsübernahme
Nach Informationen dieser Zeitung hat das fränkische Familienunternehmen einen klaren Fahrplan zur Mehrheitsübernahme von Continental: Danach will Schaeffler in den kommenden Monaten schwächere Börsenphasen ausnutzen, um weitere Conti-Aktien günstig zu erwerben. Offenbar vertraut der Wälzlagerspezialist aus Herzogenaurach auf eine für die gesamte Autoindustrie schwierige Konjunkturphase mit hohen Rohstoffpreisen und steigenden Energiekosten. Bei der Übernahme von Conti mache sich Schaeffler auf einen langen Weg; das sei von Anfang an der Plan gewesen, sagte einer an den Schaeffler-Plänen Beteiligter dieser Zeitung. Dass der seinen Aktionären verpflichtete Conti-Vorstand das gesetzliche Mindestangebot zurückweisen würde, habe Schaeffler einkalkuliert.
Wennemer fuhr schweres Geschütz auf gegen den aus seiner Sicht feindlich gesinnten Angreifer aus Franken. Er bezeichnete dessen Vorgehen als egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos“. Schaeffler habe sich nicht an die Spielregeln der Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit gehalten, sondern durch die Hintertür versucht, die Kontrolle über Conti zu gewinnen. Unter Einsatz rechtswidriger Mittel hat sich die Schaeffler-Gruppe Zugriff auf 36 Prozent unserer Aktien verschafft“, sagte Wennemer. Er beschuldigte die Franken, gesetzliche Meldeschwellen umgangen zu haben – ein Vorwurf, den die Schaeffler-Gruppe umgehend zurückwies: Die Swap-Geschäfte seien nach geltendem Recht getätigt worden.
Wennemer: Wir sind getäuscht worden“
Conti-Chef Wennemer erklärte, Schaeffler habe den Konzern zunächst vor die Alternative gestellt, mehr oder weniger als 30 Prozent des Kapitals zu übernehmen. Daraufhin habe man eine Beteiligung von 20 Prozent angeboten. Doch dann habe Schaeffler auf einer Kontrollbeteiligung von mehr als 30 Prozent bestanden. Wir sind getäuscht worden“, kommentierte Wennemer dieses Vorgehen. Schaeffler wolle schnell und möglichst billig die Kontrolle über Conti erringen und den Aktionären dabei eine faire Übernahmeprämie vorenthalten. Die von Schaeffler ins Feld geführte industrielle Logik eines Schulterschlusses ist laut Wennemer nicht vorhanden: Ich kann nicht erkennen, wo Synergien und Vorteile für unser Unternehmen bestehen.“ Wenn Schaefflers Vorstoß gelinge, werde Conti früher oder später die Eigenständigkeit verlieren. Dieser Konzern würde wahrscheinlich zerschlagen, die Reifensparte verkauft werden, vielleicht noch einiges obendrauf. Denn die Milliardenkredite an die Banken müssen ja wieder abgetragen werden“, sagte Wennemer. Schaeffler hat sich einen Kredit in zweistelliger Milliardenhöhe für die Übernahme gesichert.
Bisher hat Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger dagegen versichert, nicht die Mehrheit an Conti anzustreben. Und auch nach der scharfen Zurückweisung durch Wennemer blieben die Franken offiziell bei dieser Haltung. Unsere Ziele sind absolut freundlich“, sagte am Mittwoch ein Schaeffler-Sprecher.
Christian Wulff: Wir machen uns Sorgen
Das bezweifeln wiederum die Gewerkschaften IG Metall und IG BCE und bringen sich schon jetzt in Stellung, um eine feindliche Übernahme von Conti zu verhindern. Conti-Aufsichtsratsmitglied und IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine befürchtet, dass die Schaeffler-Gruppe eine beherrschende Rolle bei Conti einnehmen will. Die Gefahr einer schleichenden feindlichen Übernahme scheint nicht vom Tisch zu sein“, sagte Meine. Seine Skepsis begründet der niedersächsische Gewerkschaftsfunktionär mit der intransparenten Unternehmensstruktur der Schaeffler-Gruppe, die nicht einmal einen paritätisch besetzten Aufsichtsrat“ habe. Hubertus Schmoldt, der Vorsitzende der Gewerkschaft IG BCE, machte Conti-Chef Wennemer indessen mitverantwortlich für die Lage von Conti: Man muss schon fragen, welche Vorsorge Wennemer getroffen hat“, sagte Schmoldt mit Blick auf die hohe Verschuldung Contis infolge der VDO-Erwerbs vor einem Jahr.
Skeptisch äußerte sich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). Wir bewerten die gesamte Entwicklung danach, dass die Arbeitsplätze gesichert sind, dass die Conti eigenständig bleibt, dass sie börsennotiert im Dax bleibt, dass sie zusammenbleibt und nicht zerschlagen wird und ihren Sitz in Hannover behält“, sagte Wulff dieser Zeitung. In diesem Zusammenhang machen wir uns Sorgen, dass diese Voraussetzungen erfüllt werden. Diese Verpflichtung haben alle Aktionäre, und darauf weisen wir sie eindringlich hin.“ Anders als bei Volkswagen sitzt Wulff nicht im Conti-Aufsichtsrat; das Land besitzt auch keine Aktien.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS