17. November 2006 Die Schockwellen aus dem Hause Volkswagen reißen nicht ab. Dem erzwungenen Abschied von Konzernchef Bernd Pischetsrieder folgt nun der freiwillige Rücktritt von VW-Markenchef Wolfgang Bernhard. Für Europas größten Automobilhersteller ist Bernhards bevorstehende Rückzug ein enormer Verlust. Mit seinem Namen war die Hoffnung verbunden, daß die verkrusteten Strukturen bei der ertragsschwachen Stammarke VW nachhaltig aufgebrochen werden könnten.
Bernhard hat in den nur 18 Monaten an der Spitze der VW-Markengruppe viel bewegt. Aufbauend auf dem noch von Pischetsrieder initiierten Kostensenkungsprogramm, hat er die Produktivität in den VW-Werken deutlich erhöht und die Qualität der Fahrzeuge verbessert. Erstmals fand ein Manager in Wolfsburg den Mut, den stramm gewerkschaftlich organisierten westdeutschen Mitarbeitern unbequeme Wahrheiten ins Gesicht zu sagen: daß sie doppelt so lange brauchen, um ein Auto zu bauen, wie die Wettbewerber und die Werke daher hohe Verluste generieren.
Bernhard löste sich von der Technikverliebtheit
Die Gründe dafür liegen nicht nur in den Arbeitskosten, die durch den teuren Haustarif und die Vier-Tage-Woche aufgebläht wurden. Fahrzeuge wie der aktuelle Golf sind viel zu aufwendig konstruiert. Bernhard löste sich von der Technikverliebtheit früherer Tage und brachte zahlreiche neue VW-Modelle auf den Weg, die endlich auch Emotionen wecken. Absatz und Marktanteil der Marke VW zeigen in diesem Jahr klar nach oben.
Ausschlaggebend für Bernhards Entscheidung, das Handtuch zu werfen, ist der Kurswechsel, den der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Vorstandschef von VW, Ferdinand Piëch, in der vergangenen Woche eingeleitet hat. Der von Piëch mit List und Tücke an die Konzernspitze beförderte Martin Winterkorn will das Unternehmen umbauen. Die zahlreichen Marken des Konzerns sollen neu zusammengebunden werden: die Massenhersteller VW, Seat und Skoda in einer "Volumengruppe", Audi, Bentley, Bugatti und Lamborghini in einer "Premiumgruppe". So weit, so vernünftig.
Zurück zum Wolfsburger Zentralismus
Für Bernhard problematisch sind die darüber hinausgehenden Pläne. Winterkorn will weg von dem dezentralen Führungsstil seines Vorgängers. Funktionen wie Entwicklung und Produktion sollen im Konzernvorstand gebündelt werden. Dahinter steckt das alte Ziel, Doppelentwicklungen zu vermeiden und im Verbund der Marken mehr Synergien zu heben. Für Bernhard bedeutet das indes einen gravierenden Verlust an Einfluß. Bei jeder Entwicklungs- und Produktionsentscheidung brauchte er das Plazet der zuständigen Vorstandskollegen - und vor allem das des neuen Konzernchefs Winterkorn.
Pikant ist, daß Winterkorn bei Audi selbst davon profitiert hat, vom Mutterhaus VW an der langen Leine geführt zu werden. Die einst belächelten Ingolstädter Autobauer bieten BMW und Mercedes inzwischen erfolgreich Paroli und fahren von Rekord zu Rekord. Bei Audi fühlen sich die Mitarbeiter nicht zuletzt wegen der großen Eigenständigkeit aufs engste mit der Marke verbunden. Das wollte Bernhard auch bei Volkswagen erreichen.
Winterkorn hört nur auf einen
Daraus wird nun nichts. Konträr zum Erfolgsrezept bei Audi - und zu seinen eigenen Überzeugungen - setzt Winterkorn auf Zentralisierung. Warum? Weil er allein auf Ferdinand Piëch hört. Winterkorn trifft keine Entscheidung, ohne sie zuvor mit dem 69 Jahre alten Österreicher abzustimmen. Auch die neue Konzernstruktur trägt eindeutig die Handschrift Piëchs. Zu dessen Zeit als Vorstandschef war die Führung ähnlich aufgestellt. Alle wichtigen Entscheidungen traf Piëch selbst.
So wird es nun wieder. Das widerspricht eklatant den Regeln guter Unternehmensführung, nach denen der Aufsichtsrat zwar den Vorstand kontrollieren, aber nicht das Unternehmen führen soll. Als Chefkontrolleur ist Piëch eigentlich allen VW-Aktionären verpflichtet. Doch de facto verfolgt er allein seine eigenen Interessen. Der Enkel des "Käfer"-Erfinders Ferdinand Porsche betrachtet Volkswagen quasi als Familienbesitz und hat daher nur ein Ziel vor Augen: das Unternehmen unter seine Kontrolle zu bringen. Dabei hilft ihm die Porsche AG, an der Piëch und seine Familie maßgeblich beteiligt sind. Der Stuttgarter Sportwagenbauer besitzt inzwischen mehr als ein Viertel der stimmberechtigten VW-Aktien.
Warten auf den Fall des VW-Gesetzes
Schon wird heftig darüber spekuliert, daß Porsche den übrigen VW-Aktionären ein Abfindungsangebot unterbreiten und die Mehrheit in Wolfsburg übernehmen werde. Für Piëch wäre das die Krönung. Porsche indes bekäme damit zwar keinen strategischen Mehrwert, wohl aber hohe Risiken in die Bücher. Daher schrecken die anderen Porsche-Eigentümer aus den Familien Piëch und Porsche vor einem solchen Schritt (noch) zurück. Aber Ferdinand Piëch wird nicht lockerlassen. Kritik und Widerstand sitzt er aus.
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, dessen Land mit knapp 21 Prozent an VW beteiligt ist, hat vergeblich versucht, Piëch zum Rücktritt zu bewegen. Wulff und andere Aktionäre monieren die Interessenkonflikte des Aufsichtsratsvorsitzenden, die aus dessen Doppelrolle als Porsche-Aktionär und Miteigentümer des österreichischen VW-Importeurs Porsche Holding resultieren. Piëch ficht das nicht an. Den Machtkampf mit Wulff hat er bereits gewonnen. Spätestens wenn im kommenden Jahr das schützende VW-Gesetz fällt, wird Piëch seinen Machtanspruch weiter festigen. Die Zukunft von Europas größtem Automobilkonzern liegt jetzt in den Händen eines schwer berechenbaren alten Mannes. Gute Nacht, VW.
Text: F.A.Z., 17.11.2006, Nr. 268 / Seite 1
Bildmaterial: AP, ddp, dpa