Von Benedikt Fehr und Christian von Hiller
15. August 2005 Es war ein kleiner Bürotausch, aber er machte deutlich, was sich in Frankfurt verändert hat: Vor kurzem übernahm die Direktbank ING Diba im Frankfurter Büroviertel City West ein größeres Gebäude von der Dresdner Bank.
Der Wechsel zeigt, wie sich die Gewichte in der deutschen Bankbranche verschoben haben. Die Großbanken mußten in den vergangenen Jahren Tausende von Arbeitsplätzen abbauen, was das öffentliche Bild vom Bankgewerbe als Krisenbranche geprägt hat. Ausländische Banken indes nutzen die Schwächen der deutschen Konkurrenz und bauen ihr Geschäft hierzulande kräftig aus.
So rollt die ING Diba, die Direktbanktochtergesellschaft des niederländischen Finanzkonzerns ING, derzeit den breiten Privatkundenmarkt in Deutschland auf. Sie hat bereits rund 4,5 Millionen Kunden, die bei dem Ableger der niederländischen Finanzgruppe ING Tagesgeld anlegen oder den Bau von Eigenheimen finanzieren. Oder die Royal Bank of Scotland: Im Jahr 2001 zählte sie gerade einmal 200 Beschäftigte in Deutschland, heute sind es mehr als 1000. Jeden Monat kommen mehrere neue Angestellte hinzu. Diese Häuser lockt, daß Deutschland Europas größter Markt für Bankgeschäfte aller Art ist.
Freilich gilt der deutsche Bankenmarkt wegen seiner zementierten Strukturen - der Aufteilung in Privatbanken, Genossenschaftsbanken sowie politisch gesteuerte Landesbanken und Sparkassen - als besonders schwierig. So klagen die privaten Banken, daß die öffentlich-rechtlichen Institute die Margen im Kreditgeschäft drückten - was eine wesentliche Ursache für die allgemeine Ertragsschwäche der deutschen Kreditinstitute sei. Der internationale Währungsfonds teilt diese Einschätzung.
Gerüchte über Commerzbank-Übernahme
Diese Ertragsschwäche, darüber hinaus eine laxe Risikokontrolle und strategische Fehler haben das deutsche Kreditgewerbe in den vergangenen Jahren in die schwerste Krise der Nachkriegszeit schlittern lassen. Das hat einer Konsolidierung der Branche den Boden bereitet: So hat der Versicherungskonzern Allianz die Dresdner Bank übernommen, der italienische Unicredit steht kurz vor Abschluß der Übernahme der Hypo-Vereinsbank.
Erst in dieser Woche kochten wieder einmal Gerüchte über eine Übernahme der Commerzbank hoch. Börsenspekulationen zufolge ist angeblich die französische BNP Paribas an der Frankfurter Großbank interessiert. Doch werden auch andere mögliche Interessenten genannt, darunter die Société Générale, die britischen Institute HSBC und Royal Bank of Scotland sowie die spanischen Finanzkonzerne Santander und BBVA. Bei einer rein deutschen Lösung erscheint eine sektorübergreifende Fusion der Commerzbank etwa mit der Landesbank WestLB denkbar.
Selbst die Deutsche Bank ist zeitweise schon ins Visier der amerikanischen Citigroup geraten. Im Investmentbanking zählt Deutschlands größte Bank inzwischen zu der Handvoll der global führenden Häuser. Doch leidet sie darunter, daß ihr Börsenwert von 40 Milliarden Euro im internationalen Vergleich gering ist. Das macht sie anfällig für Attacken, beschränkt gleichzeitig ihren Spielraum, selbst eine aktive Rolle bei der internationalen Bankenkonsolidierung zu spielen.
Experten erwarten Fusionswelle bei Landesbanken
Schon seit langem erwartet, scheint die grenzübergreifende Konsolidierung des europäischen Kreditgewerbes nun tatsächlich ins Rollen gekommen zu sein. Jedenfalls hat die spanische Großbank Santander im vergangenen Jahr die britische Abbey National erworben. In diesem Jahr hat die spanische BBVA eine Übernahme der italienischen BNL versucht, die niederländische ABN Amro wollte die norditalienische Regionalbank Antonveneta kaufen. Beide drohen mit ihren Projekten allerdings am Widerstand gegen das Engagement ausländischer Banken in Italien zu scheitern.
Hierzulande rollt zudem in den zersplitterten Sektoren der Genossenschaftsbanken sowie der Sparkassen eine Konsolidierungswelle. Sie hat bereits Hunderte von Volksbanken, Raiffeisenbanken und Sparkassen verschluckt, aber ein Ende ist noch nicht abzusehen. Weil seit Juli 2005 die staatlichen Garantien für öffentlich-rechtliche Institute weggefallen sind, wird das Fusionsfieber demnächst auch unter den Landesbanken grassieren: Fachleute sagen voraus, daß sich die derzeit elf Landesbanken zu drei oder vier konsolidieren werden.
Schon seit langem drängen die Privatbanken die Politik darauf, die gesetzlichen Grundlagen für eine sektorübergreifende Konsolidierung zu schaffen. Sie würden gerne die Möglichkeit erhalten, die öffentlich-rechtlichen Landesbanken und Sparkassen zu übernehmen. Bislang zeigen die meisten Politiker diesen Vorschlägen noch die kalte Schulter, doch könnte sich dies unter einer neuen Bundesregierung ändern. Käme es so, würde dies das deutsche Kreditgewerbe völlig umkrempeln.
Die Wertschöpfungskette bricht auf
Parallel zur Konsolidierungswelle haben sich die Strukturen des Bankgeschäfts in atemberaubender Geschwindigkeit verändert. Anders als etwa die Automobilhersteller haben sich die Banken lange schwergetan, Aufgaben auszulagern. Doch ist nun auch das Kreditgewerbe zusehends vom Outsourcing erfaßt: Viele Funktionen werden aus den Kreditinstituten heraus zu Unternehmen verlagert, die auf Zahlungsverkehr, Wertpapierabwicklung oder Datenverarbeitung spezialisiert sind. Die Wertschöpfungskette bricht auf, lautet das Schlagwort.
Damit ist gemeint, daß die Banken nicht mehr wie früher den gesamten Betrieb unter einem Dach anbieten können, sondern immer mehr mit Unternehmen zusammenarbeiten müssen, die sich auf bestimmte Aufgaben konzentrieren. Zugleich machen spezialisierte Dienstleister den traditionellen Kreditinstituten Konkurrenz, so zum Beispiel die Online-Banken und -Broker, die mit günstigen Gebühren und sekundenschneller Geschäftsausführung locken.
Trotz der jüngsten Turbulenzen gilt das Kreditgewerbe als eine Wachstumsbranche. Sein Anteil am deutschen Bruttoinlandsprodukt beträgt rund 3,2 Prozent - nicht viel weniger als der Beitrag der Automobilindustrie. Mit diesem Anteil liegt das deutsche Kreditgewerbe aber noch unter dem Durchschnitt der übrigen Industrieländer. Fachleute sagen deshalb Banken und Sparkassen, zudem auch Versicherern, Investmentfonds und anderen Finanzdienstleistern, für die nächsten Jahre kräftige Zuwächse voraus.
Als einer der wichtigsten Wachstumstreiber wird sich der Aufbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge in breiten Bevölkerungsschichten erweisen. Der Nachholbedarf ist immens. So muß nach Schätzung von Experten allein in der Altersvorsorge der Kapitalstock auf 1,2 Billionen Euro verdoppelt werden. Banken und Sparkassen müssen innovative individualisierte Finanzprodukte entwickeln, diesen Bedarf zu decken.
Versicherer drängen ins Altersvorsorgegeschäft
Zweites großes Thema ist der Übergang zu einer kapitalmarktnäheren Unternehmensfinanzierung. Viele Mittelständler werden zusätzliches Eigenkapital beziehungsweise eigenkapitalähnliche Finanzierungen - sogenanntes Mezzanine-Kapital - benötigen. Die Banken müssen diese Nachfrage an den Kapitalmarkt vermitteln. Parallel werden die Banken verstärkt dazu übergehen, herausgelegte Kredite zu Portefeuilles zu bündeln, die dann am Kapitalmarkt plaziert werden.
Weil die Banken viele Finanzprodukte nicht mehr selbst erstellen, müssen sie sich im Privatkundengeschäft verstärkt auf den Vertrieb konzentrieren. Lange haben sie dieses Feld Finanzvertrieben wie AWD, Deutsche Vermögensberatung oder MLP überlassen. Hier bietet sich zwar die Chance, Marktanteile zurückzugewinnen. Doch drängen gleichzeitig viele Versicherer in das lukrative Geschäft mit der privaten Altersvorsorge - und damit in ein angestammtes Feld der Banken: den Aufbau und die Verwaltung von Vermögen.
Text: F.A.Z., 13.08.2005, Nr. 187 / Seite V18
Bildmaterial: F.A.Z.
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