10. August 2007 Erstmals seit sechs Jahren hat die Europäische Zentralbank (EZB) wieder auf dem Geldmarkt eingegriffen. Angesicht der Turbulenzen an den Finanzmärkten infolge der amerikanischen Hypothekenkrise stellte die Notenbank am Donnerstag den Banken zusätzliche 94,8 Milliarden Euro zum Zinssatz von 4,0 Prozent zur Verfügung. Die EZB stellt fest, dass es Spannungen im Euro-Geldmarkt gibt, obwohl die Versorgung mit Liquidität normal ist, teilte die Notenbank zur Begründung mit.
Mit dieser Feinsteuerung will die EZB die derzeit hypernervösen Marktteilnehmer beruhigen. Zuletzt hatten die Währungshüter nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu diesem Mittel gegriffen. Die nun bereitgestellte Summe gilt als die größte, mit der die EZB jemals die Liquidität auf dem europäischen Geldmarkt sichergestellt hat. Der Geldmarkt ist ein reiner Interbankenmarkt, auf dem die Kredithäuser kurzfristigen Bargeldbedarf decken können.
Neue Hiobsbotschaften am Vormittag
Am Vormittag hatten neue Hiobsbotschaften zur Krise auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt für Unruhe gesorgt und die Aktienkurse auf Talfahrt geschickt. Die französische Großbank BNP Paribas gab bekannt, wegen großer Wertverluste vorübergehend drei Fonds geschlossen zu haben.
Das deutsche Bankhaus Sal. Oppenheim schloss einen ABS-Fonds mit 750 Millionen Euro. Außerdem räumte die Düsseldorfer Landesbank WestLB am Donnerstag ein, ebenfalls von den Problemen in Amerika betroffen zu sein. Ein Sprecher betonte, das Engagement im amerikanischen Immobilienmarkt halte sich in engen Grenzen.
Marktteilnehmer beruhigen
Analysten von Goldman Sachs gossen weiteres Öl ins Feuer, indem sie von Gerüchten über Liquiditätsprobleme mehrerer europäischen Banken berichteten. Die EZB teilte dazu lediglich mit: Die EZB steht bereit, um geordnete Bedingungen auf dem Euro-Geldmarkt zu gewährleisten. Fachleute gehen davon aus, dass die Banken derzeit nicht mehr im üblichen Umfang bereit sind, sich gegenseitig Geld zu leihen.
In diese Bresche springe nun die Notenbank, hieß es aus EZB-Kreisen. Die EZB hat ein Signal an die Märkte gesendet und versucht, die Marktteilnehmer zu beruhigen, sagte der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater. Die grundsätzliche Problematik der Hypothekenkrise kann die EZB aber nicht abfedern.
Verlustrisiko abdecken
Derweil ist zur Risikoabschirmung über 8,1 Milliarden Euro für die angeschlagene IKB Deutsche Industriebank ein Bankenpool gegründet worden. Dies sei das Ergebnis eines Treffens von Vertretern deutscher Banken, teilte die Bundesbank als Gastgeber des Treffens mit.
Die KfW-Bankengruppe, mit 38 Prozent größter Aktionär der IKB, sei als Poolführer bestimmt worden. Sie soll 70 Prozent des bislang auf 3,5 Milliarden Euro taxierten Verlustrisikos abdecken, 30 Prozent übernehmen die drei Bankenverbände DSGV für die Sparkassen, BVR für die Genossenschaftsbanken und BdB für die privaten Banken.
Nur wenige Fachleute beherrschen die Geschäfte
Unterdessen halten sich hartnäckig Stimmen, die Bankenaufsicht oder der im Aufsichtsrat sitzende Großaktionär KfW hätten die Krise kommen sehen müssen. Im Jahresabschluss und Lagebericht 2006/2007 der IKB heißt es nämlich auf Seite 57: In dem Posten ,Andere Verpflichtungen' sind Kreditzusagen über insgesamt 8,1 Milliarden Euro Gegenwert an Spezialgesellschaften enthalten, die nur im Falle von kurzfristigen Liquiditätsengpässen beziehungsweise vertraglich definierten Kreditausfallereignissen von diesen in Anspruch genommen werden können.
Die Kontrolleure behaupten, sie hätten den Vorstand und die im Haus tätige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mehrfach nach den möglicherweise schlummernden Risiken befragt. Der Vorstand habe berichtet, diese seien, sofern überhaupt vorhanden, gering.
Im Umfeld der IKB und aus Händlerkreisen am Finanzmarkt heißt es, womöglich habe der Vorstand wie auch die auf Mittelstandsförderung und nicht auf außerbilanzielle Finanzprodukte spezialisierte KfW das Risiko selbst nicht erkannt. Die Geschäfte seien so komplex, dass nur wenige Fachleute sie beherrschten.
Text: F.A.Z., da./hap.
Bildmaterial: dpa
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