Vermögensfragen

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Die Vermögensfrage

Aktiensparpläne auf Pump sind riskant

Von Volker Looman

08. Juni 2008 Die größten Verlierer der künftigen Abgeltungsteuer sind die Liebhaber von Aktien. Heute unterliegen die Dividenden zur Hälfte dem persönlichen Steuersatz, und die Kursgewinne bleiben steuerfrei. Ab dem 1. Januar 2009 wird auf beide Teile die Abgeltungsteuer von 25 Prozent erhoben. Hinzu kommen der Solidaritätszuschlag und die Kirchensteuer, so dass die Gesamtbelastung auf 28,625 Prozent steigen kann. Von der Abgeltungsteuer verschont bleiben nur Aktien, die bis zum 31. Dezember 2008 erworben werden. Hier wird auch in Zukunft das alte Recht gelten. Die Regelung hat bei vielen Banken hektische Betriebsamkeit ausgelöst.

Seit Wochen hängen die Berater am Telefon und bedrängen ihre Kunden, einen Teil des Vermögens in Aktien umzuschichten. Opfer sind in erster Linie ältere Kunden, bei denen hohe Beträge auf den Konten herumliegen. Jetzt sind aber auch junge Sparer ins Visier der Banken geraten. Ihnen wird der Vorschlag gemacht, einen Kredit aufzunehmen und den Betrag steuerfrei in Aktien zu investieren. Das Modell sieht auf den ersten Blick toll aus, doch im Verborgenen lauern Gefahren, die den meisten Interessenten nicht bewusst sein dürften.

Die Abgeltungssteuer schmälert den Gewinn

Wer in Zukunft zum Beispiel zehn Jahre monatlich 500 Euro in Aktien stecken will und mit einer jährlichen Verzinsung von 8 Prozent rechnet, kann nach den Gesetzen der Mathematik mit einem Endguthaben von 90.106 Euro rechnen. In der Praxis wird der Anleger jedoch in Zukunft kräftig gerupft. Allerdings hängt es vom Zeitpunkt ab, wie viel Federn der Sparer lassen muss. Dividenden unterliegen jedes Jahr der Abgeltungsteuer, und Abgaben auf Kursgewinne werden am Ende der Spardauer eingetrieben. Besteht der Sparplan also nur aus Kursgewinnen, beträgt die Bemessungsgrundlage in zehn Jahren genau 30.106 Euro, so dass bei einem Satz von 26,375 Prozent für Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag einmalig 7940 Euro abzuführen sind. Dadurch sinkt das Endguthaben auf 82.166 Euro.

Angesichts der drohenden Pein machen Banken und Vermittler ausgewählten Kunden das Angebot, die Sparraten nicht direkt, sondern auf Umwegen in Aktien zu investieren. Konkret geht es um die Offerte, ein Darlehen aufzunehmen und die monatlichen Raten zur Tilgung des Kredites zu verwenden. Bei einem Zinssatz von 5 Prozent und 120 Raten à 500 Euro, so rechnen einzelne Vermittler vor, können 47.141 Euro aufgenommen werden. Der Betrag wird auf einen Schlag in ein Aktiendepot eingezahlt, und bei einer jährlichen Rendite soll das Kapital im Laufe von zehn Jahren auf 101.774 Euro anwachsen.

Psychologische Hürden

Die knapp 102.000 Euro werden steuerfrei bleiben, weil es sich um „alte“ Aktien handelt, die noch in diesem Jahr - also vor dem Start der Abgeltungsteuer - gekauft werden. Durch diesen „Trick“ winke dem Anleger, so wird erläutert, ein Vorteil von 19.608 Euro. Er sieht so überzeugend aus, dass die Verlockung groß ist, in dieses Zinsdifferenzgeschäft einzusteigen. Vor der Unterschrift sollten sich die Anleger freilich das Kleingedruckte durchlesen, weil die Liste der Risiken und Nebenwirkungen lang ist. Hier gibt es fünf Punkte, einen „emotionalen“ Aspekt und vier „rationale“ Probleme.

Bei dem Sparplan investiert der Privatmann monatlich 500 Euro und hofft auf ein stattliches Endvermögen. Das gilt auch für das Depot auf Pump, doch hier hat der normale Anleger das Gefühl, die Raten für die Tilgung des Kredites zu verwenden. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass die Aktien, wenn sie breit gestreut werden, in zehn Jahren nichts wert sein werden, doch das Empfinden, das Geld nicht in Aktien, sondern in einen Kredit zu stecken, ist für viele Anleger eine psychologische Hürde.

Die Stecknadel im Heuhaufen

Die Liste der „technischen“ Probleme beginnt mit der Notwendigkeit reiner Kursgewinne. Das Modell kann ein Bombengeschäft sein, wenn die Erträge zu 100 Prozent aus Kursgewinnen bestehen. Umgekehrt wird das Geschäft zum Rohrkrepierer, wenn laufende Dividenden ins Spiel kommen. Sie unterliegen sofort der Abgeltungsteuer, so dass die Rendite in den Keller sackt. Die Suche nach Aktien mit reinen Kursgewinnen gleicht aber der nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Das zweite Problem ist die Höhe des Kreditzinses. Ein Wert von 5 Prozent ist ein frommer Wunsch, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in Erfüllung gehen wird. Darlehen mit einer Laufzeit und Zinsbindung von jeweils zehn Jahren kosten nur dann 5 Prozent, wenn der Kredit durch eine Immobilie abgesichert werden kann. Sonst müssen sich Anleger auf Sätze von mindestens 6 Prozent einstellen, und das drückt die Höhe des Kredites. Bei einem Zinssatz von 6 Prozent können nur 45.037 Euro aufgenommen werden, so dass am Ende der Laufzeit ein Aktienvermögen von lediglich 97.232 Euro winkt.

Verwalter sind ihr Geld selten wert

Damit ist der „Schrumpfungsprozess“ noch lange nicht zu Ende. Die nächste Widrigkeit sind die Ausgabeaufschläge. Die aktuellen Angebote unterstellen den Einstieg in Investmentfonds. Dadurch fallen Ausgabeaufschläge in Höhe von 5 Prozent pro Einzahlung an. Beim Sparplan fließen statt 500 Euro nur noch 476,19 Euro in den Anlagetopf, und bei der Einmalanlage schwindet das Kapital um 2145 Euro. Das senkt den Endwert des Sparplans auf 79.007 Euro, und der Schlusswert des Depots geht auf 92.601 Euro zurück. Folglich sinkt der Vorteil auf 13.594 Euro.

Die vierte Schwierigkeit sind die laufenden Kosten. Aktien ohne Manager bringen mehr Geld als Aktien mit Verwalter. Die Aussage ist zwar ein alter Hut, doch den meisten Anlegern wird auch in zehn Jahren nicht zu vermitteln sein, dass die Anlageform der entscheidende Punkt ist. Wer in passive Indexfonds einsteigt, hat nur geringe Gebühren zu tragen, doch wer in aktive Investmentfonds investiert, sollte mit jährlichen Kosten von wenigstens 1,5 Prozent rechnen. Das muss kein Beinbruch sein, falls der Verwalter im Vergleich zum Markt jährlich 1,5 Prozent mehr erwirtschaftet. Ein Blick in die Statistik zeigt aber, dass die meisten Verwalter ihr Geld nicht wert sind, weil sie den Markt eben nicht in dieser Höhe schlagen. Daher sollten sich die Anleger auch nicht wundern, dass die Rendite der Aktien in der Regel um die Gebühr des Verwalters sinkt.

Sparen ja, Aktien jein, Kredite nein

Die einzelnen Probleme - Kursgewinne, Kreditkosten, Ausgabeaufschläge und Verwaltergebühren - führen in der Summe zu handfesten Belastungen. Die Differenz der Verträge, hier der klassische Sparplan, dort das Aktiendepot auf Pump, schrumpft auf 6447 Euro. Wird dieser Betrag auch noch auf die Gegenwart abgezinst, bleiben von den anfänglichen 19.608 Euro gerade mal 2986 Euro übrig. Das ist zwar ein hübscher Betrag, mit dessen Hilfe sich gut der nächste Urlaub finanzieren lässt, doch selbst dieser Lohn hat seinen Preis.

Bei dem klassischen Aktienplan „darf“ der Anleger sparen, und bei dem Kreditplan „muss“ der Investor sparen. Der kleine Unterschied mag Griffelspitzerei sein, doch was macht der Sparer, wenn die Raten nicht mehr bezahlt sind? Beim normalen Sparplan kann er die Sache zu den Akten legen, doch beim Kredit geht das Elend weiter. Bei diesen Perspektiven muss das nüchterne Fazit lauten: Sparen ja, Aktien jein, Kredite nein. Es ist zwar ärgerlich, dass Aktien in Zukunft besteuert werden. Trotzdem geht die Welt nicht unter. Wer freilich Benzin ins Feuer schüttet, sollte sich über die Folgen nicht wundern!

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai

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