Von Volker Looman
30. Dezember 2007 Die Finanzberatung in Banken, Bausparkassen und bei Versicherern sorgt bei vielen Privatanlegern jedes Jahr für großen Ärger. Im Mittelpunkt stehen zwei Vorwürfe. Das ist auf der einen Seite die Aussage, dass die Gesellschaften gar nicht beraten, sondern zielgerichtet Produkte verkaufen. Und das ist auf der anderen Seite das Gefühl, dass sich die Unternehmen mit hohen Gebühren und Provisionen eine goldene Nase verdienen. Die Vorwürfe sind, wie Testkäufe und Untersuchungen neutraler Einrichtungen beweisen, nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem ist die Kritik in vielen Fällen unfair, weil es absurd ist, von der Finanzindustrie besonderes Wohlverhalten zu erwarten.
Banken, Bausparkassen und Versicherer sind keine Samariter, sondern Unternehmen, die auf ihren Vorteil bedacht sind, und solange die Anleger kostenlose Beratung erwarten, müssen sie mit den gegenwärtigen Verhältnissen zufrieden sein. Daran wird auch das neue Anlegerschutzgesetz aus Brüssel, Markets in Financial Instruments Directive (MiFID), das seit dem 1. November 2008 in Kraft ist, nicht viel ändern. Erstens gilt die Bestimmung nur für den Wertpapierhandel, und zweitens schützt die Verordnung private Anleger nicht davor, auch in Zukunft falsche Finanzprodukte zu hohen Preisen zu kaufen.
Sparen ist für viele Junioren ein Reizwort
Der richtige Umgang mit Geld besteht bei nüchterner Betrachtung der Dinge aus zwei Abschnitten. Erst kommt die Konzeption, dann folgt die Kondition. Zunächst geht es um die Strategie, wie ein Problem gelöst wird, wie zum Beispiel das Eigenheim finanziert oder die Altersvorsorge gestaltet wird. Danach stellt sich die Frage, bei welchem Anbieter die benötigten Produkte eingekauft werden. Gegen diese simple Erkenntnis verstoßen aber jeden Tag viele Anleger. Sie fällen ihre Entscheidungen zwischen Tür und Angel, oder sie gehen einem Verkäufer auf den Leim, der ihnen das Paradies auf Erden verspricht. Gegen mangelnde Sorgfalt im Umgang mit Geld ist aber - um es vorsichtig auszudrücken - kein Kraut gewachsen, so dass die MiFID eine stumpfe Waffe bleiben muss.
Sparen ist zum Beispiel für viele Junioren ein Reizwort, weil der Hang zum Konsum stärker ist. Trotzdem führt an Sparverträgen kein Weg vorbei, wenn eines Tages bestimmte Wünsche verwirklicht werden sollen. Wer in einigen Jahren ein Eigenheim bauen will, muss frühzeitig Geld auf die Seite legen, doch in welchen Topf? Ist ein Banksparplan sinnvoll, oder ist ein Bausparvertrag vorteilhafter? Die richtige Antwort hierauf kann weder von der Bank noch von der Bausparkasse erwartet werden, weil beide Parteien kein Geld für unabhängige Beratung, sondern für den Verkauf ihres Produktes bekommen. Bei der Lösung des Problems wird der unkundige Sparer auch in Zukunft auf der Strecke bleiben, weil sich die MiFID um so etwas nicht einmal in Ansätzen kümmert.
Probleme auch bei der Gestaltung der Altersvorsorge
Ähnlich sieht es bei der Aufnahme von Darlehen und Krediten aus. Wer heute Geld benötigt, um ein Haus oder eine Wohnung zu bezahlen, hat weniger die Qual der Wahl, sondern eher die Wahl der Qual. Er kann das Darlehen bei der Bank aufnehmen, er kann sich die Hypothek bei der Bausparkasse besorgen, oder er kann den Kredit bei dem Versicherer beantragen. Das vertrauensvolle Gespräch mit den Beratern dieser Unternehmen mag in menschlicher Hinsicht ein Gewinn sein, doch in finanzieller Hinsicht sollte sich der Anleger keine Illusionen machen und schon gar nicht auf den Gesetzgeber bauen. Kredite werden von der MiFID nicht erfasst. Von der Preisangabenverordnung werden Kredite und Geldanlagen so stiefmütterlich behandelt, dass die alte Regel bestehen bleibt: Jeder Verkäufer hat seinem Herrn zu dienen, doch nicht jeder Anleger muss glauben, was ihm ein Verkäufer erzählt. Der gesunde Menschenverstand ist und bleibt der beste Helfer bei Geldgeschäften.
Bei der Gestaltung der Altersvorsorge hören die Probleme nicht auf. Wenn jeden Monat ein bestimmter Betrag auf die Seite gelegt werden soll, stellt sich schnell die Frage, in welchen Strumpf das Geld gesteckt werden soll. Ist eine Rentenversicherung sinnvoll? Was ist von Investmentfonds zu halten? Wie sieht es mit einer Immobilie aus? In solchen Lebenslagen wenden sich einzelne Anleger zum ersten Mal an freie Vermittler, weil sie sich dort neutralen Rat erhoffen. Meistens kommen sie dabei allerdings vom Regen in die Traufe, weil sich die Verhältnisse nicht geändert haben. Vermittler leben vom Abschluss nahrhafter Finanzverträge und nicht vom Verkauf neutraler Ratschläge.
Schlechter Rat kann das Vermögen kosten
Dafür haben auch die Bürokraten der Europäischen Union offenkundig Verständnis. Die MiFID gilt nur für Teile der Finanzindustrie; die freien Vermittler müssen ihre Provisionen auch in Zukunft nicht offenlegen, so dass vielen Privatleuten weiterhin verschwiegen werden kann, dass Immobilien im Schnitt dreimal so viel Provisionen wie Investmentfonds bringen.
Genauso sieht das Spiel bei Geldanlagen aus. Wenn es um die Entscheidung geht, wie eine Schenkung oder ein Erbe angelegt werden soll, ist guter Rat teuer, doch schlechter Rat kann das Vermögen kosten. Der Verkauf von Anleihen bringt einem Verkäufer durchschnittlich ein Prozent der Anlagesumme. Bei der Vermittlung von Investmentfonds winken Ausgabeaufschläge von 2,5 bis 5 Prozent. Das sind Krumen im Vergleich zum Verkauf von Beteiligungen. Windkraftwerke bringen 5 Prozent, und bei Schiffen gibt es 6 bis 8 Prozent. Bei diesen Differenzen kommt es folglich nicht darauf an, welche Produkte dem Anleger zu empfehlen sind. Stattdessen geht es eher um die Frage, wie dem Investor eine Beteiligung so schmackhaft wird, dass nicht viel gefragt, sondern herzhaft zugegriffen wird.
Einmalige Gebühren bei der standardisierten Vermögensverwaltung
Bei den Beteiligungen bleibt die MiFID ein zahnloser Papiertiger, doch bei der Vermögensverwaltung kann das Paragraphenmonster in Zukunft vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringen, weil die Geldverwalter ihre Gebühren und Honorare seit dem 1. November 2008 offenlegen müssen. Wenn ein Privatmann künftig 100.000 Euro verwalten lassen will, müssen alle Verwalter sagen, wie viel Geld sie bekommen. Das kann beim individuellen Depot jährlich ein Prozent sein, so dass im Laufe von zehn Jahren schätzungsweise 10.000 Euro anfallen.
Bei der standardisierten Vermögensverwaltung, die auf Investmentfonds aufbaut, fallen in der Regel einmalige Gebühren von 5 Prozent und laufende Kosten von 0,75 Prozent im Jahr an, so dass im selben Zeitraum voraussichtlich 12.500 Euro zusammenkommen. Das bedeutet bei kühler Analyse, dass der Fondsmanager bessere Ergebnisse als der Vermögensverwalter abliefern muss, damit sich die Sache für den Anleger rechnet. Das steht jedoch in den Sternen, so dass sich Investoren nicht nur mit den Kosten, sondern auch mit der Frage beschäftigen sollten, wer die besseren Leistungen abliefern wird.
Allein auf weiter Flur
Die Statistiken belegen in aller Deutlichkeit, dass aktive Vermögensverwalter ihre Märkte auf Dauer nur in Ausnahmefällen schlagen. Vor diesem Hintergrund sind passive Indexfonds in vielen Fällen die bessere Wahl. Auf diese Lösung müssen die Anleger freilich selbst kommen. Die MiFID hilft ihnen nur mit dem Hinweis, dass die börsengehandelten Indexfonds während der zehn Jahre etwa 3000 Euro kosten.
Bei der Verrentung von Geld steht jeder Anleger wieder allein auf weiter Flur. Wenn es um die Frage geht, wie Kapital so angelegt werden soll, dass bis zum Lebensende regelmäßig und sicher Geld aufs Konto kommt, bieten viele Banken und Versicherer ihre Dienste an. Das ist kein Wunder, weil Senioren im Ruf stehen, ihren Beratern nicht viele und schon gar keine kritischen Fragen zu stellen. Das wäre aber nötig, weil die Chancen und Risiken eines Mischfonds, einer Rentenversicherung oder eines Windkraftwerkes, um drei Beispiele zu nennen, sehr unterschiedlich sind. Genauso unterschiedlich sind aber auch die Provisionen. Bei dem Windkraftwerk gibt es mit Abstand am meisten Provision, so dass sich die Anleger nicht wundern sollten, wenn ein Berater mit diesem Produkt viel Wind macht.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai
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