Von Volker Looman
08. März 2008 Der Wunsch nach finanzieller Absicherung hat in Deutschland fragwürdige Ausmaße angenommen. In vielen Haushalten ist in den vergangenen Jahren das Verlangen nach finanzieller Rundumversorgung so groß geworden, dass die Menschen in Versicherungen ertrinken. Sie geben viel Geld für Policen aus, die eigentlich kein Mensch braucht. Doch für die wirklichen Gefahren des Lebens - Krankheit, Berufsunfähigkeit und Tod - sind die meisten nach wie vor unterversichert.
Das Risiko der Unterversorgung ist im Krankheitsfall noch am geringsten, weil die gesetzliche Krankenversicherung und die Lohnfortzahlung des Arbeitgebers bei Angestellten für eine gewisse Entspannung sorgt. Doch bei Erwerbsunfähigkeit und Tod sieht die finanzielle Absicherung in vielen Haushalten düster aus, weil die Versicherungssummen viel zu niedrig sind. Das wird in folgendem Beispiel deutlich.
Das größte Problem ist heute die Scheidung
Ein Ehepaar Ende 30 hat drei Kinder im Alter von sechs, vier und zwei Jahren. Der Vater arbeitet als Verkaufsleiter in der Industrie, die Mutter kümmert sich zu Hause um den Nachwuchs. Das monatliche Nettoeinkommen liegt bei 60.000 Euro im Jahr. Auf den ersten Blick ist das viel Geld. Doch bei nüchterner Analyse der Dinge wird schnell deutlich, dass die Familie auch Ansprüche hat. Die Eltern geben für sich etwa 18 000 Euro aus, die Kinder kosten rund 12.000 Euro. Das Auto schlägt mit 6000 Euro zu Buche, das Haus verschlingt 5000 Euro, die Prämien der Versicherungen summieren sich auf 3000 Euro, der Urlaub kostet 4000 Euro, und die Kreditraten schlagen sich mit 12.000 Euro nieder. Das sind die üblichen Zahlen aus dem gehobenen deutschen Mittelstand. Solange sich die Eltern nicht trennen und der Vater weder arbeitslos noch krank wird, kann sich die Familie über ihren Wohlstand freuen. Trübe wird die Lage aber im Falle von Scheidung, Invalidität und Tod.
Das größte Problem ist heute die Scheidung. Im Durchschnitt wird jede zweite Ehe geschieden. Doch abgekühlte Liebe lässt sich nicht versichern. Das dürfte auch der Hauptgrund sein, warum viele Frauen nicht bereit sind, ihren Beruf aufzugeben. Solange die Scheidung zum Alltag gehört, bleiben Bildung und Arbeit die einzige Versicherung.
Das Risiko der Invalidität lässt sich mit Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherungen abdecken. Die deutsche Assekuranz versichert in der Regel bis zu 90 Prozent des Nettoeinkommens. Das sind im vorliegenden Fall rund 4500 Euro pro Monat. Dafür sind zum Beispiel bei der Cosmos-Direktversicherung monatliche Prämien von 257 Euro fällig. Die Kosten sind angemessen. Doch die Ausgaben sind auch in den Augen der Privatleute, die den Versicherungsschutz bezahlen können, meist zu hoch. Teils blenden sie das Risiko der Invalidität ganz aus, teils schließen sie kleinere Verträge ab, teils weichen sie auf Unfallversicherungen aus. Das ist zwar verständlich, doch mindert es in keiner Weise das Risiko. Wer monatlich 5000 Euro verdient, braucht bei Ausgaben in gleicher Höhe höchstmöglichen Schutz bei Invalidität.
Die beste Antwort ist eine Risikolebensversicherung
Auch im Todesfall geht es um hohe Summen, wie ein Blick in die Tabelle verrät. Hier wird aus Sicht der Mutter dargestellt, wie viel Geld notwendig ist, falls der Vater stirbt. Die Übersicht beginnt mit den Einnahmen. Wenn die Mutter nicht berufstätig ist und kein Vermögen besitzt, sind die einzigen Einnahmen die Witwenrente und das Kindergeld. Das dürften im Augenblick rund 12.000 Euro im Jahr sein. Die Ausgaben beginnen mit dem persönlichen Konsum der Mutter. Dieser soll 1000 Euro pro Monat beziehungsweise 12.000 Euro pro Jahr betragen. Der Nachwuchs kostet 4000 Euro pro Kind. Die Ausgaben für Auto, Haus, Versicherungen und Urlaub werden sich kaum ändern. Daher gelten die bekannten Beträge: 6000 Euro für das Auto, 5000 Euro für den Unterhalt des Eigenheims, 3000 Euro für die Versicherungen und 4000 Euro für den Urlaub.
Über die Höhe der einzelnen Posten mögen die Ansichten und Meinungen auseinandergehen. Das ändert aber nichts an der Struktur des Problems. Die Mutter hat nach dem Tod ihres Mannes geringe Einnahmen und hohe Ausgaben, so dass ein Loch entsteht. Dieses beträgt im vorliegenden Fall etwa 30.000 Euro im Jahr. Die Lücke wird sich in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit noch vergrößern. Bei einer jährlichen Teuerungsrate von beispielsweise 2 Prozent wird die Unterdeckung im Laufe des nächsten Jahrzehnts auf 36.000 Euro steigen.
Die beste Antwort ist eine Risikolebensversicherung. Die Höhe der Police hängt von der Liebe des Vaters zu seiner Familie ab. Wenn die Ehefrau und die Kinder zum Beispiel über 25 Jahre abgesichert werden sollen, ist eine Versicherungssumme von 578.000 Euro notwendig. Dahinter verbergen sich der Konsum und die Restschuld, die auf dem Haus lastet. Die Privatausgaben sind mit jeweils 3 Prozent pro Jahr abgezinst worden, weil die Versicherungssumme von 378.000 Euro nach der Auszahlung zu 4 Prozent vor Steuern und 3 Prozent nach Abzug der Abgeltungsteuer angelegt werden könnte. Die Hypothek steht bei 200.000 Euro, so dass sie auch in dieser Höhe abzusichern ist.
Ein Tropfen auf den heißen Stein
Eine Risikolebensversicherung in Höhe von 578.000 Euro, die über 25 Jahre läuft, kostet zum Beispiel bei der Hannoverschen Lebensversicherung monatlich 31 Euro. Das ist kaum der Rede wert. Trotzdem sind viele Männer nicht bereit, ihre Familie in dieser Höhe abzusichern. Die Ursache liegt wohl in dem Gefühl, dass sich Frau und Kinder nach dem Tod des Vaters ein lustiges Leben machen könnten. Die Gefahr mag zwar in Einzelfällen bestehen. Doch bei kühler Analyse der Zahlen führt an hohen Risikolebensversicherungen kein Weg vorbei. Wenn die Hinterbliebenen zum Beispiel zehn Jahre abgesichert werden sollen, liegt die notwendige Summe bei 479.000 Euro. Der Barwert des Konsums liegt bei 279.000 Euro, die Hypothek schlägt weiterhin mit 200.000 Euro zu Buche.
Die monatliche Ersparnis von fünf Euro mag zwar das Budget entlasten. Die Sparsamkeit sollte aber nicht gerade an dieser Stelle auf die Spitze getrieben werden. Witwen mit drei Kindern sind auf dem Heiratsmarkt nicht gerade begehrt, so dass eine Absicherung über 15 bis 20 Jahre sinnvoll ist.
Umgekehrt gilt dasselbe Prinzip. Wenn eine Mutter stirbt, ist ein Vater mit kleinen Kindern auf Haushaltshilfe angewiesen. Wenn die Frau auch noch berufstätig war, wird der Tod der Mutter riesige Löcher in die Familienkasse reißen. Vor diesem Hintergrund können die meisten Familien die Dinge drehen und wenden, wie sie wollen. Lebensversicherungen mit Leistungen von 100.000 oder 200.000 Euro sind ein Tropfen auf den heißen Stein und schmelzen im Ernstfall wie Schnee in der Sonne.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
Text: F.A.Z., 08.03.2008, Nr. 58 / Seite 24
Bildmaterial: FAZ.NET
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@ Gordian Hense (Klar_und_hell) Herr Hense, ich zitiere Sie:
22:05Verfallsmöglichkeit des Wissens? Zugangsschwierigkeiten?
21:37