Vermögensfragen

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Die Vermögensfrage

Stumpfe Waffen im Kampf gegen die Inflation

Von Volker Looman

18. Mai 2008 Die Wiederanlage von Kapitalversicherungen, die in den vergangenen Wochen fällig geworden sind, ist für die Assekuranz eine große Herausforderung. Die Unternehmen beschäftigen seit Jahren geübte Fachkräfte, die mit flinker Zunge auf Privatleute einreden, dass das Geld auch in Zukunft bei den Versicherungen in den besten Händen ist. In der Regel machen die Verkäufer, die für ihre Bemühungen mit üppigen Provisionen belohnt werden, den Vorschlag, das Geld in einen Investmentfonds oder eine Rentenversicherung zu stecken.

Die beiden Lösungen haben bestimmte Vorteile und gewisse Nachteile, so dass Bleistifte und Taschenrechner notwendig sind, um die Unterschiede zu erkennen. Viel wichtiger ist freilich die Erkenntnis, dass bei vielen Angeboten erst Ängste geschürt und dann Angebote aus dem Hut gezaubert werden, die wie das Paradies auf Erden aussehen. Davon sind die Offerten aber weit entfernt, weil auch hierzulande nur mit Wasser gekocht wird. Das wird am Angebot einer Versicherung aus Nürnberg deutlich.

Das Angebot ist ein alter Hut - die Verpackung verdient Respekt

Die Nürnberger Versicherung bietet ihren Kunden seit 1884 sowohl Schutz als auch Sicherheit im Zeichen der Burg. Bis zum 23. Mai 2008 beglückt die Gesellschaft den interessierten Anleger mit dem Vermögensplan 2020. Dahinter verbirgt sich ein Juwel mit Zertifikat, wie die Gesellschaft im Internet schreibt. Doch wer die Prosa überspringt, landet schnell in den Niederungen des Alltags. Abfindungen, Erbschaften und Policen - kurzum also höhere Geldbeträge - sollen in eine Rentenversicherung eingezahlt werden. Sie hat eine Laufzeit von zwölf Jahren - und 2020 hat der Kunde die Möglichkeit, sich das Geld auf einen Schlag oder in Form einer Rente auszahlen zu lassen. Das Angebot ist ein alter Hut. Doch die Verpackung verdient Respekt, weil der Anleger nach allen Regeln der Kunst in Versuchung geführt wird.

Die Rentenversicherung wird mit einem Zertifikat einer Privatbank aus Düsseldorf verknüpft. Mit dem Papier soll der Kunde in zwölf Jahren den höchsten Wert dreier Endstände erhalten. Die garantierte Mindestleistung beträgt 130,5 Prozent des Startbetrags. Das werden bei einer Anlage von 100.000 Euro also 130.500 Euro sein. Zusätzlich ist die Anlage gegen Inflation geschützt. Maßgebend ist der harmonisierte Verbraucherpreisindex des Euro-Raums ohne Tabakprodukte. Steigt diese Teuerungsrate zum Beispiel um 4 Prozent im Jahr, werden dem Investor in zwölf Jahren genau 160.103 Euro überwiesen. Die dritte Möglichkeit ist die Entlohnung nach der Wertentwicklung des Aktienindex Euro Stoxx 50. Hier soll der Anleger mit 100 Prozent der mittleren Jahresentwicklung entlohnt werden.

Die Anlage ist ein Rundum-Sorglos-Paket für ältere Semester, die sich von allem ein bisschen wünschen. Das Geld ist sicher angelegt; in zwölf Jahren kommen Kapital und Zinsen zurück. Das Kapital ist - ganz wichtig - gegen Entwertung geschützt. Schließlich kommen auch noch die heimlichen Zocker auf ihre Kosten. Wenn die Aktienbörse brummt, erhält der Anleger zusätzlich 100 Prozent der mittleren Jahressteigerung des bedeutendsten Aktienindex im Euro-Raum. Was soll da eigentlich schiefgehen, wird der unbedarfte Laie fragen. Und der nüchterne Fachmann wird antworten, dass die ganze Offerte ein solides Angebot sei, frei nach dem Motto: Gewinnen wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Versicherung!

Von sämtlichen Endwerten ist die Steuer abzuziehen

Ausgangspunkt dieser Vermutung sind die persönliche Einschätzung der künftigen Geldentwertung und Aktienentwicklung. Das sind auf der einen Seite individuelle Aussagen - ohne Prognosen geht es aber nicht. Denkbar sind zum Beispiel jährliche Inflationsraten von 4 Prozent und Aktienrenditen von 7 Prozent. Im ersten Fall werden dem Anleger die 130.500 Euro garantiert. Beim zweiten Ansatz winken 160.103 Euro. Der Anstieg des Aktienkurses um 7 Prozent im Jahr führt - das ist die dritte Möglichkeit - zu einem Endwert von 148.000 Euro, weil dem Investor nicht der volle Anstieg, sondern nur der mittlere Zuwachs gegeben wird.

Von sämtlichen Endwerten ist die Steuer abzuziehen. Hier gilt 2020 nicht die Abgeltungsteuer, sondern der individuelle Steuersatz. Bemessungsgrundlage ist der halbe Wertzuwachs, so dass bei einer Belastung von 30 Prozent unter dem Strich nur 125.925 Euro, 151.088 Euro beziehungsweise 140.800 Euro übrigbleiben. Auch diese Werte sind freilich noch nicht die ganze Wahrheit. Unter Berücksichtigung der Inflation werden die Guthaben in zwölf Jahren noch 78.652 Euro, 94.369 Euro beziehungsweise 87.943 Euro wert sein.

Damit wird deutlich, dass von Sicherheit beim besten Willen keine Rede sein kann. Wer anfänglich 100.000 Euro investiert und in zwölf Jahren nach Abzug von Inflation und Steuern bestenfalls 94.369 Euro auf dem Konto haben wird, handelt mit Zitronen, weil die jährliche Verzinsung minus 0,48 Prozent beträgt. Wenn das Kapital erhalten werden soll, müssen nach Steuern und Inflation mindestens 160.103 Euro herauskommen. Positiv wird die Rendite erst jenseits dieser Marke. Das ist aber mit Risiken verbunden, so dass sich die alte Weisheit bestätigt: Die wahre Kunst der Geldanlage besteht, vor allem in Zeiten hoher Inflationsraten, im Erhalt des Kapitals, weil die Motten und der Rost an allen Ecken und Enden nagen.

Zum Jubeln besteht kein Anlass

Der erste Fluchtweg aus dem Dschungel ist die Erkenntnis, dass Einmalanlagen in Rentenversicherungen mit Provisionen von 4 bis 5 Prozent belastet sind. Das heißt im Klartext, dass bei einem Startbetrag von 100.000 Euro nur 95.000 bis 96.000 Euro im Zinstopf landen. Der Schwund ist die Entlohnung für die Verkäufer. Wer im Laufe von zwölf Jahren aber von 95.000 Euro auf 160.000 Euro kommen will, muss nach Steuern eine jährliche Rendite von 4,44 Prozent erzielen. Dafür braucht jedoch es, wie der Schweizer sagt, total vier Dinge: Mut, Ausdauer, Obligationen und Aktien - sonst wird der Investor fallieren.

Die künftige Abgeltungsteuer wird die gegenwärtige Rendite festverzinslicher Wertpapiere von 4 auf 3 Prozent senken, und bei einer Aktienprognose von 7 Prozent sind an der Börse letztlich 5,25 Prozent zu verdienen. Das sind bei gleichmäßiger Verteilung des Geldes auf Anleihen und Aktien jährlich 4,2 Prozent nach Steuern und Inflation, so dass die erste Schlussfolgerung lautet: Provisionen sind Gift für den Anleger. Der Startbetrag von 100.000 Euro muss nach Möglichkeit ohne Abzug angelegt werden. Dafür kommen in erster Linie börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds , ETF) in Frage. Hier sind die Einstiegsgebühren gering; auch die jährlichen Verwaltungskosten halten sich in Grenzen.

Trotzdem besteht zum Jubeln kein Anlass. Wenn die 100.000 Euro zwölf Jahre zu jährlich 4,2 Prozent angelegt werden, werden am Ende der Veranstaltung knapp 164.000 Euro herauskommen. Das ist eine jährliche Rendite von 0,2 Prozent nach Inflation und Steuern. Höhere Erträge sind nur durch die Erhöhung des Aktienanteils möglich. Bei einer Verteilung von 25 Prozent in Anleihen und 75 Prozent in Aktien können in zwölf Jahren total 174.000 Euro auf dem Konto liegen, so dass sich die Anlage mit effektiv 0,7 Prozent verzinst hätte. Doch der Preis ist hoch, weil kein Mensch weiß, ob diese Rechnung aufgehen wird. Deutlich wird nur im besten Sinne des Wortes, dass die Wiederanlage höherer Geldbeträge kein Zuckerschlecken ist und von Juwelen mit oder ohne Zertifikat keine Rede sein kann. Das vorliegende Angebot ist eine fragwürdige Packung für bequeme Anleger.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai Felmy

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