Vermögensfragen

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Die Vermögensfrage

Abfindung und Arbeitsende sind eine große Bereicherung

Von Volker Looman

28. Oktober 2007 Die Diskussion über die Rente mit 67 Jahren ist verstummt. Das ist kein Wunder, weil die Einschnitte im Moment nicht spürbar sind. Die Auswirkungen werden erstmals Arbeitnehmer erleben, die nach dem 1. Januar 1964 geboren worden sind. Ihnen wird die volle Rente nicht 2029, sondern erst 2031 zufließen. Die Verschiebung der Zahlungen ist nichts anderes als eine Kürzung der Rente, doch die Maßnahme ist gut verpackt, weil die Kürzung über viele Jahre in die Länge gestreckt wird.

Ehrlicher wäre es gewesen, von 60 Jahren an die halbe Rente anzubieten, weil es schon heute verbreitet ist, die Menschen mit 55 oder 60 Jahren aufs Altenteil zu schieben. Daran wird sich künftig wohl nicht viel ändern, und das bedeutet: Die meisten Menschen werden sich darauf einstellen müssen, dass die Zeit zwischen 55 und 70 Jahren finanziell ungemütlich werden kann. Das wird in folgendem Fall deutlich, bei dem es um die Frage geht, wie teuer eine Abfindung und der Ausstieg aus der Arbeitswelt sind.

Ein heikles Angebot

Ein angestellter Diplom-Ingenieur ist 55 Jahre alt und arbeitet seit 27 Jahren im selben Konzern. Das ist für ihn ein Glücksfall, weil ihm aufgrund der langen Betriebszugehörigkeit nicht mehr gekündigt werden kann. Trotzdem ist der Mann, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, mit seiner Arbeit unzufrieden. In den letzten Jahren ist seine Abteilung dreimal auf den Kopf gestellt worden, und der Umgang mit jüngeren Kollegen fällt dem Ingenieur schwerer. Jetzt bietet sich die Möglichkeit, mit einer Abfindung von 150.000 Euro auszuscheiden und sich mit einer Betriebsrente zur Ruhe zu setzen.

Das Angebot sieht verlockend aus, doch bei genauer Analyse zeigt sich, dass dieses Angebot heikel ist. Die Ursache liegt in den künftigen Zahlungsströmen. In der Tabelle werden das restliche Berufsleben und der künftige Ruhestand abgebildet. Die Übersicht erstreckt sich über 30 Jahre. Dahinter steht die Annahme, dass der Mann noch zehn Jahre arbeiten und dann 20 Jahre lang Rente beziehen wird.

Das Gehalt liegt bei 60.000 Euro pro Jahr, und daran wird sich nach Einschätzung des Ingenieurs bis zur Pensionierung nichts ändern. Mit Beginn des Ruhestandes wird der Mann zwei Renten erhalten: 12.000 Euro aus dem Betrieb und 20.000 Euro aus der Rentenversicherung. Die Betriebsrente ist in voller Höhe steuerpflichtig, und von der Staatsrente sind 78 Prozent zu versteuern. Das führt nach der Splittingtabelle zu jährlichen Abgaben von jeweils 12.253 Euro während des Berufslebens und von jeweils 2599 Euro während des Ruhestandes.

Ein Zahlungsstrom aus zwei Abschnitten

Hinzu kommen die Abgaben: In die Rentenversicherung zahlt der Akademiker jährlich 9,95 Prozent des Gehalts - das sind 5970 Euro - ein. Die Arbeitslosenversicherung schlägt mit 2,1 Prozent oder 1260 Euro zu Buche. In die gesetzliche Krankenversicherung fließen 7 Prozent. Hier liegt die Beitragsbemessungsgrenze bei 42.750 Euro, so dass nur 2993 Euro zu bezahlen sind. Im Ruhestand wird der Wert auf 2240 Euro sinken. Bei der Pflegeversicherung sind jährlich 0,85 Prozent fällig. Weil in dieser Sparte dieselbe Beitragsbemessungsgrenze wie in der Krankenversicherung gilt, muss er Beträge von 727 und 272 Euro entrichten.

Die Verrechnung der Einnahmen und der Ausgaben führt zu einem Zahlungsstrom aus zwei Abschnitten. In den nächsten zehn Jahren erhält der Ingenieur jeweils 36 798 Euro. Danach fließen ihm 20 Raten à 26.889 Euro zu, sofern er 85 Jahre alt werden sollte. Das sind in der Summe ungefähr 906.000 Euro. Wenn der Ingenieur als "Investitionsobjekt" betrachtet wird, ist er bei einem Anlagezins von 3 Prozent rund 612.000 Euro wert. Die kühle Betrachtung, einen Menschen in Geld aufzuwiegen, mag viele zwar vor den Kopf stoßen. Aber dennoch ist es lohnend, sich einen Augenblick lang darauf einzulassen. Das ermöglicht nämlich die kritische Bewertung der eigenen Lage, so dass an Barwerten kein Weg vorbeiführt.

Die neuen Einnahmen führen zu anderen Abgaben

Im Vergleich zum restlichen Arbeitsleben und dem Lebensabend führen die Abfindung und der Ausstieg aus dem Beruf zu anderen Zahlen. Der zweite Zahlungsstrom beginnt mit der Abfindung von 150.000 Euro. Hinzu kommt die Betriebsrente. Sie beginnt zwar sofort, doch die beträgt nur 9000 Euro pro Jahr. Die Staatsrente wird mit Vollendung des 65. Lebensjahres beginnen, doch von 20.000 Euro wird keine Rede sein. Ausgezahlt werden nur 12.000 Euro, weil sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer in den nächsten Jahren in die staatliche Rentenkasse nichts mehr einzahlen werden.

Die neuen Einnahmen führen zu anderen Abgaben. Wegen der Abfindung wird der Ingenieur nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben kräftig zur Ader gelassen. Von den 159.000 Euro sind 54.000 Euro an die Staatskasse abzuführen. Danach sind aber bis zum 65. Geburtstag keine Steuern mehr fällig; danach werden es 494 Euro pro Jahr sein. Bei den Sozialabgaben sind noch die Beiträge zur Krankenkasse und zur Pflegeversicherung fällig. Sie sind im Vorruhestand niedrig und steigen im Ruhestand leicht an. Insgesamt sind sie aber kaum der Rede wert.

Der wichtigste Punkt ist das Privatvermögen

Das sieht bei den Überschüssen anders aus. Sie sind mehr als ein Wort wert, weil die Zahlenreihe extrem vom ersten Zahlungsstrom abweicht. Bei Aufgabe der Arbeit erhält der Ingenieur eine Abfindung von 104.540 Euro, neun Raten à 8294 Euro und 20 Zahlungen von jeweils 18.858 Euro. Das sind unter dem Strich etwa 556.000 Euro, und der Barwert liegt bei 373.000 Euro. Bei einer Differenz von 239.000 Euro liegt die Aussage nahe, dass es vorteilhafter ist, weiter zu arbeiten, doch das muss nicht der Fall sein.

Die richtige Entscheidung hängt von den Antworten auf viele Überlegungen ab. Der wichtigste Punkt ist das Privatvermögen des Ingenieurs. Hat er außer der Arbeit schon Geld auf der Seite? Dann geht es um den Überhang. Wird der Ingenieur mit einem jährlichen Überschuss von 18.000 bis 19.000 Euro über die Runden kommen? Wenn der Anleger zum Beispiel bisher kein Vermögen aufgebaut hat, außerdem der Überschuss gar nicht reicht, können die Abfindung und das Arbeitsende schnell zu den Akten gelegt werden, weil es eben nicht geht.

Arbeit ist nicht das Leben

Sind auf diversen Konten aber vielleicht 300.000 Euro vorhanden, sind andere Überlegungen möglich. Jetzt könnte der Ingenieur die Arbeit an den Nagel hängen, und es stellt sich nur noch die Frage, ob die freie Zeit, die in den nächsten Jahren winkt, auch wirklich 239.000 Euro wert ist. Spätestens hier werden sich die Geister scheiden. Die einen Menschen werden den Kopf darüber schütteln, für Faulheit und Müßiggang monatlich 2000 Euro auf den Tisch zu legen, und die anderen Menschen sehen in der Zeit, die ihnen plötzlich zur Verfügung steht, die letzte Gelegenheit, endlich die Dinge anzupacken, von denen sie schon lange geträumt haben.

Vor diesem Hintergrund ist jede Entscheidung richtig. Wichtig ist allein die Erkenntnis, dass Arbeit nicht das Leben und freie Zeit ein Geschenk ist. Das begreifen in der Regel nur Leute, die früh einen geliebten Menschen verloren haben. Die meisten Menschen spüren die Endlichkeit des weltlichen Lebens erst, wenn die Uhr fast schon abgelaufen ist.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.



Text: F.A.Z., 27.10.2007, Nr. 250 / Seite 22
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai, FAZ.NET

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