Von Volker Looman
18. Februar 2007 Der Traum vom Wohlstand strahlt große Faszination aus. Das gilt besonders für die erste Million. Die Eins mit den sechs Nullen zieht viele magisch in den Bann. In Buchhandlungen weisen Ratgeber die Richtung zum Reichtum. Im Fernsehen fiebern Millionen Zuschauer, wer Millionär wird, und in Seminaren verkünden Apostel die Botschaft, dass es nur eine Frage der inneren Einstellung sei, wie reich man in seinem Leben werde. Wohlstand ist aber kein Geschenk des Himmels. Deshalb sollten die Menschen die alte Erkenntnis beherzigen, dass Bildung und Fleiß auf Dauer die besten Geldanlagen sind.
Die Arbeitskraft ist für die meisten Menschen das größte Kapital. Leider wird dieser Schatz wenig gepflegt. Die Grundlage ertragreicher Arbeit ist nicht irgendein toller Job, wie viele Menschen meinen, sondern die Begeisterung für bestimmte Dinge, und die Ausdauer, die Arbeit auch in schwierigen Zeiten ohne Murren zu erledigen. Aus diesem Grund kommt es schon bei der Wahl des Berufes darauf an, nicht Dinge zu tun, die in Mode sind, sondern Sachen anzupacken, für die Begeisterung vorhanden ist. Es ist wichtig, individuelle Neigungen zu erkennen, sich auf diese Fähigkeiten zu konzentrieren und zu versuchen, die Stärken zum Nutzen anderer Leute einzusetzen.
Warum darf Bildung eigentlich nichts kosten?
Heikel wird die Geschichte, sobald Bildung Geld kostet. Seit an den Hochschulen Studiengebühren eingeführt worden sind, schäumen die Gemüter, weil Bildung in den Augen vieler Menschen nichts kosten darf. Warum eigentlich nicht? Jeder Handwerker investiert Arbeit und Zeit in die Lehre. Nach der Meisterprüfung muss er oft Geld aufnehmen, um einen Betrieb aufbauen zu können. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum Akademiker für ihre Bildung kein Geld aufwenden sollen. Natürlich ist es kein Honigschlecken, am Anfang des Studiums einen Kredit aufzunehmen und die Schulden nach dem Examen zurückzuzahlen. Doch die Investition in Bildung hat auf Dauer nur Vorteile.
Wer heute zum Beispiel nach dem Abitur bei Banken mit einer Ausbildung beginnt, bekommt in den drei Lehrjahren im Durchschnitt 775 Euro pro Monat. Danach liegt das Gehalt bei 1750 Euro, und wer sich im Laufe der Zeit nach oben arbeitet, kann in den letzten Berufsjahren - in der höchsten Tarifgruppe - mit 3500 Euro Monatsgehalt rechnen. Alternativ besteht zum Beispiel in Baden-Württemberg die Möglichkeit, an einer Berufsakademie die Banklehre mit einem Fachstudium zu verknüpfen. Das führt in der Anfangsphase zu ähnlichen Löhnen, doch dann können die Absolventen mit Einkommen rechnen, die deutlich über den Gehältern normaler Bankkaufleute liegen.
Verzinsungshöhe ein Spiegel der Chancen und Risiken
Im Vergleich zu Lehre und Berufsakademie ist der klassische Studienabschluss mit Kosten und Verzicht verbunden. Wer für ein Studium der Betriebs- oder Volkswirtschaft monatlich 800 Euro braucht, pro Semester Studiengebühren von 1000 Euro zahlen muss und zwei Jahre auf Einkommen verzichtet, hat am Ende des Studiums Schulden von 93.000 Euro, wenn das Geld nicht vorhanden ist und die Kreditaufnahme jährlich 8 Prozent kostet. Sollen die Verbindlichkeiten innerhalb von zehn Jahren amortisiert werden, müssen die monatlichen Gehälter mindestens 1115 Euro höher sein als die der Absolventen der Berufsakademie. Sind die Gehälter auf Dauer um 1000 Euro höher, würde die Rendite knapp 14 Prozent betragen.
Die Höhe der Verzinsung ist - wie bei jeder Geldanlage - ein Spiegel der Chancen und Risiken. Das höhere Gehalt ist die Chance. Längst pfeifen aber die Spatzen von den Dächern, dass ein Diplom, Magister oder Staatsexamen die Eintrittskarte in den Kreis der Erlauchten ist. Bei den Juristen schließt ein Zehntel mit Prädikatsexamen ab und wird mit Traumgehältern umworben, 40 Prozent sind Durchschnitt und fristen ihr Dasein als gehobene Sachbearbeiter in staubigen Büros, und die restlichen 50 Prozent werden Taxifahrer. Fazit: Für 10 Prozent hat sich die Investition gelohnt, und 90 Prozent haben das Geld, sofern es aus der eigenen Tasche kam, in den Sand gesetzt.
Wie der Traum vom kleinen Vermögen Realität wird
Die kaufmännische Rechnung gilt auch für die Fortbildung. Viele zerbrechen sich im Alter von 40 oder 45 Jahren den Kopf, wie sie 20.000 Euro anlegen sollen. Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah? Wenn 20.000 Euro innerhalb von zehn Jahren eine Rendite von 12 Prozent abwerfen sollen, müssen in dieser Zeit jährlich 3500 Euro zurückfließen. Sobald die Anlage nicht Aktie, sondern Bildung heißt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass in dieser Zeit das monatliche Nettoeinkommen um 300 Euro steigen muss. Das mag auf den ersten Blick verwegen klingen. Doch wenn das Geld so geschickt angelegt wird, dass der Wert der Arbeitskraft steigt, ist es denkbar, dass der Arbeitgeber die neuen Fähigkeiten durch höhere Gehälter honoriert.
Auf diesem Fundament kann auch der Traum von einem kleinen Vermögen Realität werden. Entscheidend ist aber nicht der Traum von der schnellen Mark, sondern die Einsicht, dass kleine Schritte auf lange Sicht die größten Aussichten auf Erfolg haben. Daher geht es oft weniger um heiße Börsentipps, sondern um Bildung und die Bereitschaft, von jedem Euro, der mit diesem Wissen verdient worden ist, einen kleinen Teil zur Seite zu legen. Der Aufruf zum Sparen löst allerdings bei vielen Leuten, bei Junioren wie auch bei Senioren, Kopfschütteln aus, und die Liste der Ausflüchte, warum es gerade im Augenblick unmöglich ist, mit dem Sparen anzufangen, scheint endlos zu sein.
Bildung und Sparsamkeit können Wunder bewirken
Trotzdem gab es immer Menschen, die es irgendwie doch geschafft haben, einen Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante zu legen. Bei genauer Analyse zeigt sich, dass diese Anleger ein einfaches Rezept haben. Sie zweigen 10 Prozent ihrer Einkünfte ab, wobei es keine Rolle spielt, wie hoch die Einnahmen sind. 10 Prozent sind 10 Prozent. Die Beträge werden, sobald sie auf dem Girokonto eingegangen sind, auf ein Sparkonto gebucht. Das tut am Anfang weh, doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er gewöhnt sich an Gehaltskürzungen von 10 Prozent. Genauso sind Gehaltserhöhungen nach einigen Monaten nichts Besonderes mehr. Warum sollte es also nicht möglich sein, regelmäßig 10 Prozent des Nettogehalts zu sparen?
Bildung und Sparsamkeit können Wunder bewirken. Die Rendite für Sparverträge, die zu gleichen Teilen aus Aktien und Anleihen bestehen, beträgt zurzeit etwa 6 Prozent. Wenn diese Entwicklung in Zukunft anhält, muss ein 25 Jahre alter Anleger jeden Monat rechnerisch 524 Euro sparen, um in 40 Jahren erstmals Millionär zu sein. Wem das zu langsam geht, muss entweder die Sparrate erhöhen oder an der Zinsschraube drehen.
Die alte Ökonomie: Arbeit, Bildung und Sparsamkeit
Wer zum Beispiel in der Lage ist, jeden Monat 1000 Euro zu sparen, wird das Ziel bei einem Anlagezins von 10 Prozent schon nach 23 Jahren erreicht haben. Genauso ist es denkbar, die Schallmauer bereits nach 15 Jahren mit einer monatlichen Sparrate von 1639 Euro und einer Verzinsung von 15 Prozent zu durchbrechen, so dass den Phantasien keine Grenzen gesetzt sind.
Wer aber nicht schnell genug aus den Startlöchern kommt, hat es wie beim Hundertmeterlauf äußerst schwer, den Rückstand aufzuholen. Wem der Zusammenhang von Zeit und Zins erst mit 50 Jahren klar geworden ist, hat schlechte Karten. Er muss darben und spekulieren, denn bis zum 65. Lebensjahr sind selbst bei einem Anlagezins von 20 Prozent noch 180 Raten à 1060 Euro notwendig, um die Million bis zum Torschluss zu erreichen. Im Augenblick dürfte sich die Begeisterung für Aktien und Hedge-Fonds aber in Grenzen halten, so dass die alte Ökonomie wieder zu neuen Ehren kommt: Arbeit, Bildung und Sparsamkeit.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.
Text: F.A.Z., 17.02.2007, Nr. 41 / Seite 20
Bildmaterial: ddp
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