Von Volker Looman
18. August 2007 Die erste Aufregung über die künftige Abgeltungssteuer scheint vorbei zu sein. Das Gesetz ist zwar beschlossen, doch der 1. Januar 2009 liegt für viele Anleger in weiter Ferne. Viele Privatanleger hoffen, dass die Bundesregierung die Ecken und Kanten noch abschleifen wird. Doch vor allem junge Menschen werden sich wärmer als in der Vergangenheit anziehen müssen: Die Abgeltungssteuer, die Gebühren und die Inflation zerstören rentable Aktiensparpläne und drücken die Renditen auf ein Niveau, das kaum über die Nominalverzinsung klassischer Sparbücher hinausgeht. Die Perspektiven werden in folgenden Beispielen deutlich.
Ein Anleger ist 25 Jahre alt und will monatlich 200 Euro sparen. Er will sich in Zukunft weder selbständig machen, noch will er ein Eigenheim kaufen, so dass er wirklich langfristig sparen kann. Er muss nicht in zehn oder 15 Jahren an den Spartopf, um Kredite zu minimieren, sondern er kann locker 35 oder 40 Jahre lang sparen. Bei diesen Rahmenbedingungen sind solide Aktiensparpläne ideal. Das Kapital steckt über Jahrzehnte hinweg in Beteiligungen, so dass der Anleger auch Dellen und Einbrüche, die Bestandteile dieser Anlagen sind, aussitzen kann. In den vergangenen 50 Jahren sind Sparer auf diese Weise auf Renditen von 7 bis 8 Prozent pro Jahr gekommen, und es besteht kein Anlass zu Zweifeln, dass solche Ergebnisse nicht auch in Zukunft erreichbar sind.
Vertrieben von der Steuer aus dem Sparerparadies
Die monatlichen Sparraten von jeweils 200 Euro sollen jedes Jahr um 2 Prozent steigen. Erstens rechnet der Anleger mit steigenden Einkommen, und zweitens sollen die regelmäßigen Erhöhungen die Inflation ausgleichen. Damit steht der Zahlungsstrom, so dass die Rechnung beginnen kann, was unter dem Strich herauskommen wird: Die 480 Sparraten von jeweils 200 Euro führen bei einer jährlichen Steigerung von 2 Prozent und einer Rendite von 8 Prozent zu einem Endwert von 809.000 Euro. Die effektive Verzinsung der Zahlungsreihe beträgt 8 Prozent; die tatsächliche Verzinsung sinkt bei einer jährlichen Geldentwertung von 2 Prozent auf 5,84 Prozent, weil die 809.000 Euro in 40 Jahren aus heutiger Sicht lediglich 366.000 Euro wert sein werden.
Die Verzinsung von 8 Prozent war und ist jedoch ein Wunsch, der selten in Erfüllung gegangen ist, weil irgendwann der Fiskus die Hand aufgehalten hat. In den vergangenen Jahren herrschten mit dem Halbeinkünfteverfahren in Deutschland paradiesische Zustände. Die Dividenden der Aktien wurden zur Hälfte dem persönlichen Steuersatz unterworfen, und die Kursgewinne blieben steuerfrei. Dadurch kamen Aktiensparpläne, die zu 40 Prozent aus Erträgen und zu 60 Prozent aus Kursgewinnen bestanden, trotz einer Besteuerung von beispielsweise 35 Prozent auf Renditen von 7,5 Prozent pro Jahr.
Das wird in Zukunft, so viel steht im Moment fest, nicht mehr möglich sein, weil durch die Abgeltungssteuer sowohl die Dividenden als auch die Kursgewinne besteuert werden. Die Abgeltungssteuer von 25 Prozent drückt die Aktienrendite von 8 auf 6 Prozent. Bei diesem Wert wird das Endvermögen auf 498.000 Euro sinken. Die Inflation wird den Wert des Vermögens auf 226.000 Euro drücken, so dass unter dem Strich jährliche Verzinsungen von 6 Prozent nach Steuern und 3,89 Prozent übrig bleiben. Die Abgeltungssteuer wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens 200.000 Euro des Vermögens auffressen. Das ist ein Betrag, der viele Anleger auf die Barrikaden treibt, doch Jammern und Klagen werden nicht viel bringen. Wenn die Abgeltungssteuer in der vorliegenden Form angewendet werden wird, werden für die Anleger bei einer Erwartung von 8 Prozent nicht mehr als 6 Prozent herauskommen.
Geringste Kosten fallen bei börsengehandelten Indexfonds an
Selbst dieser Wert ist mit hoher Wahrscheinlichkeit unrealistisch, weil noch keine Bankgebühren berücksichtigt worden sind. Die geringsten Kosten fallen bei börsengehandelten Indexfonds an. Hier wird gar nicht versucht, besser als ein großer Index wie Dax, Euro-Stoxx oder Standard & Poor's 500 abzuschneiden. Vielmehr schwimmen die Anleger einfach mit dem Markt mit und geben sich mit dem Index zufrieden. Wegen der Passivität sind die Kosten sehr niedrig. Beim Kauf über Direktanlagebanken fallen Kosten von 0,25 Prozent pro Order und laufende Kosten von 0,15 Prozent pro Jahr an. Die beiden Positionen senken das Endvermögen im vorliegenden Fall auf 480.000 Euro und die jährliche Rendite auf 5,84 Prozent nach Steuern. Wird die Inflation in die Rechnung einbezogen, bleiben 3,72 Prozent übrig, und das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit das Maximum sein, was die Anleger in Zukunft aus Aktiensparplänen, die vor Kosten und Steuern noch 8 Prozent bringen, herausholen können.
Der normale Anleger, der von Indexfonds nichts weiß beziehungsweise nichts wissen möchte, muss sich auf noch geringere Erträge einstellen. Wenn der Ausgabeaufschlag pro Sparrate beispielsweise 3Prozent beträgt und jährliche Verwaltungskosten von 1,5 Prozent anfallen, kommen unter dem Strich noch 4,36 Prozent heraus. Das ist im Vergleich zu klassischen Investmentfonds ein Minus von 148 Basispunkten oder 14.000 Euro. Das mag auf den ersten Blick harmlos aussehen, doch bei nüchterner Betrachtung führt die Differenz zu der Aussage, dass der aktive Vermögensverwalter über 40 Jahre hinweg nicht 8 Prozent, sondern 9,5 Prozent aus den Aktien herausholen muss.
Es mag Experten geben, die dieses Kunststück schaffen, doch die Statistik der vergangenen Jahrzehnte zeigt deutlich, dass nur 10 bis 20 Prozent aller Vermögensverwalter den Aktienindex schlagen. Das heißt im Klartext, dass die meisten Anleger einen Teil ihres Geld verpulvern, weil sie für die Gebühren keinen Gegenwert erhalten. Es ist verständlich, dass sowohl Makler als auch Manager, die vom Verkauf beziehungsweise der Verwaltung leben, diese Ergebnisse nicht gern hören und sich nach Kräften bemühen, die Dinge schönzureden.
Es ist erstaunlich, wie gut dieses Vorgehen in der Praxis klappt. Erstens sind vielen Privatleuten passive Aktienfonds zu langweilig. Sie lieben es, wenn gehandelt wird, weil sie die Hoffnung haben, dass dadurch unter dem Strich mehr herauskommt. Der größte Trumpf der Vermögensverwalter ist aber die Vergesslichkeit der Anleger. Die meisten Privatleute schauen, wenn sie aufmerksam sind, einmal im Jahr auf die Abrechnung, doch wer kann schon den Vergleich ziehen, welche Ergebnisse der Markt und der Vermögensverwalter in den vergangenen 10 oder 20 Jahren abgeliefert haben?
Die privaten Anleger, vor allem die Sparer, können die Sache drehen und wenden, wie sie wollen. Sie haben keine Möglichkeit, die Abgeltungssteuer abzuschaffen, und sie haben kaum Chancen, die Börse zu schlagen. Daher können sie nur an der Gebührenschraube drehen und die Kosten minimieren. Sonst bleibt ihnen die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wer nicht spart, braucht sich nicht über Steuern, Inflation und Gebühren zu ärgern, muss jedoch mit Einschränkungen im Alter rechnen, und wer spart und doch nicht auf die Kosten sieht, muss sich damit abfinden, dass 8 Prozent vor Steuern unter Berücksichtigung der Abgaben und Geldentwertung nur 2,25 Prozent bedeuten!
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen
Text: F.A.Z., 18.08.2007, Nr. 191 / Seite 18
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai
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