Sprachkritik

Solidarität mit dem Genitiv

Von Hubert Spiegel

Nachhilfe für die Nation: Bastian Sick

Nachhilfe für die Nation: Bastian Sick

15. März 2006 Wer kurz nach 18 Uhr den Deutzer S-Bahnhof verläßt, muß nicht wissen, wo die Kölnarena liegt. Er kann einfach im Strom der Masse schwimmen und sich treiben lassen, denn alle gehen in dieselbe Richtung. Sie steigen aus Zügen, Straßenbahnen, Taxis, sie kommen scharenweise aus den gigantischen Parkhäusern, die auf dem Gelände verteilt sind, und vereinigen sich zu einem Zug der zehntausend Wißbegierigen, der allerdings zunächst einmal aussieht, als handle es sich um die Besucher eines ganz gewöhnlichen Popkonzerts.

Bevor es losgeht, kann man noch in Ruhe eine Currywurst essen und ein Bier trinken, die Stehtischchen mit den wenigen Aschenbechern sind von den Rauchern umlagert, vierzehnjährige Mädchen haken sich in Fünfergruppen unter und rauschen in fester Schlachtordnung mit einem Affenzahn an den Jungs vorbei, die ihnen johlend, pfeifend oder einfach nur schicksalsergeben hinterhersehen. Kaum einer nimmt die Verfolgung auf. Das ist verständlich, denn mit den überwiegend offenen Schnürsenkeln ihrer etwa schlauchbootgroßen Turnschuhe hätten sie keine Chance gegen die gleichaltrigen Hochgeschwindigkeitshühnchen. Da ist es klüger, einfach stehenzubleiben, denn die Gänge der Kölnarena bilden einen Rundkurs um den gigantischen Zuschauerraum, und die Formationsläuferinnen kommen ohnehin im Nu wieder vorbei. Ältere Herrschaften blinzeln versonnen in das bunte Treiben, junge Damen, offensichtlich angehende Lehrerinnen im Referendariat, schimpfen energisch über Supervision und Unterrichtsbesuche: „Na ja, sag' ich da zu der dummen Kuh, studiert haben wir ja schließlich alle.“

Glühwürmchen im Kommunikationsrausch

Der Genitiv lebt

Der Genitiv lebt

Wer hier männlich, über Vierzig und ohne Oberstudienratskinnbart ist, läßt sich schnell noch einen wachsen. Der Fan-Shop der Kölnarena offeriert Ferngläser für fünf Euro und blinkende Herzen mit Griff, die man schwenken kann, wenn einem gerade romantisch zumute ist. Zum ersten sanften Song der Kölner A-cappella-Truppe „Basta“ schwenken die Mädchen später allerdings lieber ihre Handys, deren Displays leuchten: Glühwürmchen im Kommunikationsrausch.

Das war der Pausenhof. Jetzt geht's ins Klassenzimmer. Es hat fünfzehntausend Stühle, aber nur eine Handvoll Pulte. Die stehen auf der Bühne. An der Decke hängt eine große Anzeigentafel: Heim-Gäste, Fouls. Die beim Eishockey üblichen Strafzeiten werden an diesem Abend nicht verhängt, obwohl der Moderator das schlimmste Foul begeht, das ein Moderator begehen kann: Er benimmt sich, als wäre er der Star des Abends. Der Star soll aber Bastian Sick sein, der Sprachkolumnist von „Spiegel Online“, dessen gesammelte Glossen zu Fragen der Rechtschreibung und Grammatik sich bislang mehr als zwei Millionen Male verkauft haben. Sick liest im Laufe des Abends mehrere dieser Kolumnen, und so lässig, wie er die eigenen Texte einleitet und plaudert, hätte er den Abend vielleicht besser selbst moderiert. Sicks wichtigstes Verdienst aber ist etwas ganz anderes. Sein Erfolg beweist, was kein Verlag und kein Rundfunk- oder Fernsehsender für möglich gehalten hätte: daß man mit dem vermeintlich spröden Thema der Sprachkritik ein großes Publikum erreichen kann, ohne sich dabei anzubiedern.

Deutsch ist geil

Der Star des Abends, das soll aber vor allem die deutsche Sprache sein. Schon am Deutzer S-Bahnhof hatte die „Bürgerbewegung Pro Köln“ verkündet, Deutsch sei „geil“, und neben dem Verbot von Tierferntransporten und Koranschulen auf Kölner Boden getrennte Schulklassen für „deutsche Muttersprachler“ und „Zuwandererkinder“ gefordert. Die Schulklassen, die aus Köln, Remscheid, Mönchengladbach und dem halben Rheinland herbeigekarrt wurden, schenken dem keinerlei Beachtung. Sie lauschen Sicks Lesung und lachen über seine Nachbarin, die nicht zu Aldi geht, sondern nach Aldi. Sie langweilen sich bei der nahezu pointenfreien Rede, mit der der Schauspieler Joachim Hermann Luger das Gewäsch von Politikern karikieren möchte, aber nur schlechtes Kabarett produziert. Sie begrüßen Jürgen Rüttgers, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, mit Pfiffen und wundern sich dann über die Schlagfertigkeit, die der Politiker im Interview mit Frank Plasberg an den Tag legt. Sie johlen und stampfen, als die Komikerinnen Cordula Stratmann und Annette Frier aus der „Schillerstraße“ auf die Bühne treten und eine Kolumne Sicks über „Italienisch für Anfänger“ zu einem absurden Mini-Drama ausbauen, in dessen Verlauf die Tücken der italienischen Mehrzahlbildung im Restaurant geradezu lebensbedrohliche Folgen annehmen: vom wilden Scamp gebissen.

Zwischendurch erzählt Wladimir Kaminer vom Spracherwerb eines Russen in Deutschland, und „Basta“ singt über den dreifachen Wortsinn von Alleinunterhaltern, die Auftritte haben, Unterhalt zahlen und Selbstgespräche führen. All das ist witzig, unterhaltsam, hat gelegentlich deutliche Längen und läßt keinerlei Aufschluß darüber zu, wie es eigentlich kommt, daß sich an diesem Abend dreizehn- bis vierzehntausend Menschen in der Kölnarena versammelt haben, um mit Bastian Sick an der „größten Deutschstunde der Welt“ teilzunehmen. Das bleibt ein Rätsel.

Tendenz zur Zweifarbigkeit

Gewiß, der Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde lockt, und die Schüler wurden zur Teilnahme angehalten. Nur einige Besucherblöcke bleiben leer, die emsigsten sind brav zum Abendunterricht erschienen. Aber selbst wenn man alle Schüler abrechnet, sind immer noch mehrere tausend erwachsene Menschen im Saal, die einige Euro Eintritt gezahlt haben, um an einer Veranstaltung teilzunehmen, die sich „Deutschstunde“ nennt. Die Sehnsucht nach Nachhilfeunterricht scheint groß zu sein. Mit Blick auf den Wahnwitz der Rechtschreibregeln kann man da nur sagen: Interessiert euch für Regeln, solang' es sie noch gibt.

Aber am Ende wird auf die Regeln auch schon wieder gepfiffen. Drei Fragen soll das Publikum im Saal beantworten und die richtige Antwort jeweils mit einer farbigen Stimmkarte signalisieren, rot, gelb oder grün. Die erste Frage haben alle richtig, die Halle wedelt ganz in Rot. Bei der zweiten Frage zeigt sich eine leichte Tendenz zur Zweifarbigkeit. Bei der dritten, der leichtesten Prüfung, passiert die Überaschung. Auf die Frage, ob man nach, zu oder bei Aldi gehe, halten viele Schüler entschlossen alle drei Stimmzettel in die Höhe.

Es ist, wie es immer war, kurz bevor der Gong das Ende des Unterrichts verkündet: Anarchie bricht sich Bahn. Auf den Fluren wird jetzt geschubst und gedrängelt, und die Hochgeschwindigkeitshühnchen sind schon fast wieder in der S-Bahn, als die Klassenstreber noch immer unter der leeren Anzeigetafel in der Halle grübeln, ob es nicht statt „größter Deutschstunde“ doch besser „größte Deutschklasse“ hätte heißen sollen. Egal, der Lehrer wird's schon wissen.

Text: F.A.Z., 15.03.2006, Nr. 63 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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