„Fremdenfeindlichkeit“

Zaimoglus Kriegsberichterstattung

Von Jürgen Kaube

Worte als Wirklichkeitsmacht: Feridun Zaimoglu

Worte als Wirklichkeitsmacht: Feridun Zaimoglu

07. Juli 2007 Vor gut einer Woche hatte der Schriftsteller Feridun Zaimoglu einen Auftritt vor der Bundestagsfraktion der Grünen. Er kündigte an, die „lieben Freunde“ auf einen Kampf einstimmen zu wollen, „den wir aus guten Gründen Kulturkampf zu nennen vermeiden“. Es ist ein Kampf zwischen Fremdenfeinden und denen, die, wie er „auf der Seite der Schwachen“ stehen.

Einen Kulturkampf will Zaimoglu diesen, von ihm auch als „Krieg“ bezeichneten Konflikt nicht nennen. Denn für ihn ist Kultur ein Kampfbegriff der anderen Seite. Nur die Konservativen nämlich, für Zaimoglu ein Synonym für Fremdenfeinde, ordneten die Menschen ihrer jeweiligen Kultur zu. In diesem Sinne findet Zaimoglu, dass in Deutschland solch ein Kulturkampf „tobt“ und zwar als „Krieg der Provokateure, die Metzgern mit stumpfen Ausbeinmessern gleichen, sie schneiden und stechen, sie reißen und zerren“.

Das verdeckte Haar einer Muslimin

Noch bluten nur die Metaphern. Aber wer so auf einen Krieg einstimmen will, verdient Gehör, auch wenn bislang keine ganzen Bataillone mit eingebetteten Schriftstellern zu sehen sind und der Erklärung, wie üblich, hinzugefügt wird, die andere Seite habe begonnen. Nachlesen kann, ja sollte jedermann Zaimoglus Kriegsberichterstattung im Internet unter www.islamische-zeitung.de.

Wen also provozieren die Provokateure, wen beinen sie schlecht, weil mit stumpfem Gerät, aus, wer sind sie? Zaimoglu nennt, als seien die Adressaten offensichtlich, keine Namen, meint aber Leute, die gegen den Bau einer Moschee oder „gegen das verdeckte Haar einer Muslimin“ wetterten. Sie „schreiben Hasspamphlete, sie stilisieren sich zu Lichtbringern der Aufklärung, zu Fußsoldaten der Demokratie“ und als „rechte Feministinnen, gewendete Altlinke, orthodoxe Klasssenkämpfer, Kulturpapisten und Rechtskonservative“ phantasierten sie von der Abwehrschlacht der Inländer gegen die Zugezogenen.

Nun heißt es rhetorische Lizenzen weit ausreizen, wenn man behauptet, in Deutschland werde ständig gegen das verdeckte Haar einer Muslimin gewettert. Was es seit längerem gibt, ist eine Diskussion darüber, ob Beamte sich religiös neutral zu kleiden haben. Und es gibt die soziologische wie bildungspolitische Frage, wie es kommt, dass das Kopftuchtragen nicht bei „einer“ Muslimin, sondern bei immer mehr und immer jüngeren Mädchen aus muslimischen Familien zur Gewohnheit geworden ist, und ob das als Mode, als Zeichen religiöser Devotion auch von Zwölfjährigen, als individuelle oder als elterlich verordnete Distanz zu den Gewohnheiten der anderen Familien zu deuten ist.

Zaimoglus Sonderwelt

Heißt Kulturkampf, sich mit solchen Fragen sofort an eine Front gestellt sehen zu müssen? Wenn die Webseite „muslimmarkt.de“ Formularvordrucke für die Abmeldung aus dem Sportunterricht bereithält, wenn in der für die Verbreitung rechtskonservativer Stimmung nicht einschlägigen Zeitung „taz“ Großstadtlehrer berichten, keine Klassenfahrten mehr durchführen zu können, weil Muslime ihre Kinder abmelden, wenn in manchen Bezirken zwei Drittel der eingeschulten Kinder aus Migrantenfamilien mangels Deutschkenntnissen dem Unterricht nicht folgen können - dann ist, wie Zaimoglu behauptet, die Besorgnis, hier seien Zonen der Selbstexklusion entstanden, nichts als Stimmungsmache gegen „Parallelwelten, die es in Deutschland gar nicht gibt“?

Türkische Jungs, die alle Mädchen ohne Kopftuch für Schlampen halten und die Lehrerinnen auch - eine kriegstaktische Erfindung von gewendeten Altlinken? Würde sich der Schriftsteller selber einmal von den vielen Podien wegbewegen, auf denen sitzen zu dürfen er seinen Kriegsgegnern vorhält, dann fände er Zeit zur Weiterbildung. Etwa über die auch im Vergleich auffällig hohe Betroffenheit türkischer Frauen durch Gewalt in ihrer Paarbeziehung. Oder darüber, dass acht von hundert Ehen im türkischstämmigen Milieu von den betroffenen Frauen selbst als unter Zwang geschlossen bezeichnet werden. Keine Sonderwelt? Die entsprechende Studie des Familienministeriums wurde übrigens im Auftrag der rot-grünen Regierung durchgeführt, also nicht von „den Rechten“, die Zaimoglu für die Herren des herrschenden Diskurses hält.

Überhaupt zeichnet sich die Rede des Schriftstellers wie viele seiner Einlassungen dadurch aus, dass sie Probleme nur auf der Ebene von Meinungen, Einstellungen, Redensarten kennt. Man könnte diese Obsession durch Worte unter Absehung von Sachen für eine literarische Berufskrankheit halten. Aber beweist man sich wirklich als wortmächtig, indem man Worte als einzige Wirklichkeitsmacht anerkennt?

Parallelwelt des Geschwätzes

Vom überdurchschnittlichen Bildungsnotstand bei den Migranten muslimischer Herkunft, von den Kriminalstatistiken und der überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit ist bei Zaimoglu keine Rede. Warum aber sind „die Schwachen“, gegen die er ein rechtskonservatives Komplott laufen sieht, denn schwach? Weil sie zwar zuhause fleißig deutsch lernen und ihre Kinder, Jungs wie Mädchen gleichermaßen, zu Engagement in der Schule anhalten, weil ihnen das auch von ihren religiösen Autoritäten empfohlen wird, weil sie wie einstmals die Arbeiterschaft auf Aufstieg durch Bildung hin orientiert sind, weil sie die Sozialhilfe als beschämend empfinden und nur von rechtskonservativen Lehrern unfair benotet, daraufhin von den rechten Feministinnen unter den Handwerkern und Mittelständlern nicht eingestellt werden, um schließlich von den orthodoxen Klassenkämpfern unter den Polizisten und Richtern überdurchschnittlich oft, aber ungerechterweise als Fälle abweichenden Verhaltens behandelt zu werden?

„Wer ,Integration' sagt“, hat Zaimoglu einmal mitgeteilt, „trennt Deutsche von Ausländern.“ In seiner Ansprache vor den Grünen hingegen heißt es, die Integration sei nicht gescheitert, sondern „auf dem besten Wege, eine Erfolgsgeschichte zu werden“. Auf diese Weise tut Zaimoglu den Migrantenkindern, die bildungswidrig sozialisiert werden, das darin liegende Unrecht noch einmal an, indem er von den spezifischen Gründen dafür schweigt. Es soll ihre Lage nichts mit „Parallelwelten“ zu tun haben, in denen vom türkischen oder arabischen Fernsehen über die indifferent besuchten Schulen bis zur Onkelökonomie die Anreize zur Normalkarriere zu schwach sind?

Gewiss, für Zaimoglu dürfte schon das Wort „normal“ eine Art faschistische Abwehr des Abweichenden enthalten, auch wenn es nur um gleiche Rechte für Frauen geht. Im Krieg, heißt es bei Thukydides, sind die Worte nur noch Worte, weil sie jeder verwendet, wie er gerade will. Es ist eine solche Parallelwelt des Geschwätzes, die Zaimoglu bewohnt. Unter Schwätzern, die von Volk und Identität und Abendland und von Ausländern reden, die niemals Inländer werden können, fühlt er sich darum in Wahrheit wohl. Denn sie erlauben es ihm, die Welt der Phrasen und Stimmungen zu bewirtschaften, die von keiner Empirie erreichbar ist.

Text: F.A.Z., 07.07.2007, Nr. 155 / Seite 39
Bildmaterial: ddp

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