Kampf um die Meinungshoheit

Ist Israel im Recht oder die Hamas?

Von Michael Hanfeld

Eine israelische Rundmail rief zur Teilnahme auf: Umfrage bei FAZ.NET

Eine israelische Rundmail rief zur Teilnahme auf: Umfrage bei FAZ.NET

05. Januar 2009 In Israel schlagen weiterhin die Raketen der Hamas ein, sie reichen tief in das Land hinein, der Korridor, in dem die Israelis vor den Angriffen der Hizbullah vom Libanon und der Hamas vom Gazastreifen aus verschont sind, wird schmäler. Doch was die Nachrichten bestimmt, ist nicht der Auslöser der israelischen Militäraktion in Gaza, sondern sind deren Folgen für die Palästinenser. Und da sprechen die Bilder eine scheinbar eindeutige Sprache. Der politische Hintergrund – der erklärte Wille der Hamas, Israel zu vernichten – gerät aus dem Blick, der Umstand, dass die Opfer der israelischen Angriffe zum Kalkül der Hamas zählen, und die Tatsache, dass die Berichterstattung aus Gaza für unabhängige Journalisten nach wie vor schwer möglich ist – sie wird von der israelischen Regierung ebenso erschwert oder verunmöglicht wie durch die Hamas.

Zugleich tobt an anderen Fronten der Kampf um die Köpfe, um die öffentliche Meinung, in der Presse und im Internet. Im Netz wird die Auseinandersetzung häufig ungefiltert und – in sozialen Netzwerken – zunehmend persönlich ausgefochten. Wie wichtig da eine Umfrage sein kann, auch wenn sie nicht repräsentativ ist, sondern vielmehr vor allem als Anzeiger für die Virulenz einer Frage gedeutet werden kann, hat ein für alle Nutzer offenes Voting bei FAZ.NET in der vergangenen Woche belegt.

In die Höhe geschnellt

Die Frage lautete: „Angriff auf Gaza – ist Israel im Recht?“ Vier Antwortmöglichkeiten waren gegeben: „Das Land muss sich vor Terror schützen – und Hamas hat Israel provoziert“; „Israel blockiert einen Frieden für Nahost – und darf sich jetzt nicht wundern“; „Prinzipiell ist Israel im Recht – aber der Militäreinsatz geht entschieden zu weit“ und „Die Lage ist zu unübersichtlich, um zu entscheiden, wer im Recht ist“. Eingeschaltet wurde die Umfrage zu Weihnachten, sie war programmiert bis zum Jahreswechsel und zeigte in den ersten Tagen einen eher unentschiedenen Verlauf. Vierzig Prozent der Teilnehmer sprachen sich für die Einschätzung aus, dass Israel sich verteidigen müsse, vierundvierzig Prozent für die gegenteilige Ansicht. Am 1. Januar, dem letzten Tag der Umfrage, schnellten die Stimmabgaben in die Höhe und wendete sich das Blatt, bis zu dem Punkt, da insgesamt 123.770 von 171.240 Teilnehmern pro Israel und 43.455 kontra votierten. Somit lag die Zustimmung zum Standpunkt Israels mit einem Mal bei mehr als 72 Prozent; 2,3 Prozent der Nutzer neigten in der Umfrage Antwort drei oder vier zu.

Das dürfte damit zu tun haben, dass eine Mitarbeiterin der israelischen Vertretung bei den Vereinten Nationen in Genf per Rundmail zum Jahreswechsel schnell dazu aufgefordert hatte, sich an der Umfrage zu beteiligen. „We need your votes“, hieß es, noch sei es Zeit, das Umfrageergebnis zu beeinflussen, frei nach Barack Obamas Wahlmotto „Yes, we can“. So trug der israelische Standpunkt bei FAZ.NET den Sieg davon, während die Unterstützer der Hamas auf den Straßen der europäischen Hauptstädte aufmarschierten und teils friedlich – wie in Berlin –, teils von Gewalt begleitet – wie in Paris –, demonstrierten.

Teil der Öffentlichkeitsarbeit

Der Pressesprecher der israelischen Botschaft in Berlin, Aaron Sagui, sagte dazu, das Internet habe sich seit langem als „Teil der Öffentlichkeitsarbeit“ erwiesen. Man erfahre dieser Tage einen hohen Grad des Verständnisses für Israel und erlebe die Berichterstattung in den deutschen Medien als ausgewogen und zumeist sehr fair. Er wies zugleich darauf hin, dass man es mit der Terrororganisation Hamas mit einem Gegner zu tun habe, dessen Ziel es sei, Israel zu vernichten. Es handle sich deshalb nicht um eine „typische Kriegssituation“.

Die Hamas benutze die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen als menschliche Schutzschilde, das mache es für eine den Menschenrechten verpflichtete Demokratie wie Israel schwer, militärisch vorzugehen. „Während Israel versucht, zivile Opfer zu vermeiden, versucht die Hamas die Zahl der zivilen Opfer so hoch wie möglich zu treiben. Für uns besteht die große Herausforderung darin, diese Realität den Medien für ihre Berichterstattung zu vermitteln.“ Von palästinensischer Seite hieß es, seit Beginn des Einmarsches israelischer Bodentruppen in Gaza habe es allein 64 meist zivile Todesopfer gegeben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET

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