Von Tilmann Lahme
01. März 2007 Elf Begabtenförderwerke unterstützen in Deutschland mit öffentlichen Mitteln den akademischen Nachwuchs. Studenten erhalten ein Büchergeld von achtzig Euro (oder, bei Bedarf, BAFöG-Sätze), Doktoranden bekommen 920 Euro im Monat, längstens für drei Jahre. Die Promotion wäre nun die ideale Zeit, um Arbeit und Familie zu verbinden: Es gibt keine Bürozeiten, und die Doktorarbeit wartet geduldig und eifersuchtsfrei, bis das Kind schläft oder der Partner sich kümmert, so dass man sich ihr zuwenden kann. Seit drei Jahren besteht zudem die Fördermöglichkeit eines Elternjahres. Das heißt, man kann, wegen des Zeitaufwandes der Kinderbetreuung, ein zusätzliches, maximal also viertes Förderjahr erhalten. Kann - denn es ist eine fakultative Bestimmung: Das Forschungsministerium, das die Gelder an die Förderwerke vergibt, stellt frei, ob diese von der Möglichkeit, Elternjahre zu vergeben, Gebrauch machen.
Sie tun dies in unterschiedlichem Ausmaß. Die Studienstiftung und jene Stiftungen, die den Gewerkschaften, den Kirchen und den linken politischen Parteien nahestehen, gewähren ausnahmslos dieses Elternjahr für jene Stipendiaten, die in der Förderzeit ein Kind bekommen. Hier besteht ein hohes Interesse an Kindern, die von Menschen in die Welt gesetzt werden, auf die man nicht nur beruflich einige Hoffnungen setzt, sondern die der entsprechenden Stiftung auch ideell nahestehen. Dieses Interesse versickert in der Mitte des politischen Spektrums: Die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung vergibt kein Elternjahr, bislang zumindest nicht. Was nicht heißt, dass sie ihre Stipendiaten in den Windeln stehen lässt, wenn Nachwuchs kommt: Im eigenen Fall gab es nach Geburt der Tochter sieben zusätzliche Fördermonate. Aber man will sich nicht festlegen, nach Haushaltslage entscheiden. Auf Nachfrage heißt es nun, man werde künftig das Elternjahr vergeben, behalte sich aber die Prüfung des Einzefalles vor. Ob diese Prüfung dann auch positive Ergebnisse erzielt, bleibt abzuwarten.
Weil keiner danach fragt
Und weiter rechts, im politischen Umfeld Ursula von der Leyens? Bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung hieß es vor zwei Jahren noch, man vergebe grundsätzlich kein Elternjahr. Begründungslos. Nun hat sich etwas geändert: Man sagt es nicht mehr so. Vergeben wird diese Förderung für junge Eltern immer noch nicht, aber nicht mehr aus Grundsatz, sondern, wie es dieser Zeitung gegenüber heißt, weil es diese Fälle nicht gebe, weil eben keiner danach frage. Die Mütter (von Vätern keine Rede) nähmen, wenn ein Kind kommt, eine unbezahlte Auszeit und promovierten später weiter.
Der Schlingerkurs zum Thema Elternjahr wird vor allem mit finanziellen Schwierigkeiten begründet. Dabei ist ein Kinderansturm kaum zu befürchten. In keiner der anderen politischen Stiftungen gibt es mehr als ein halbes Dutzend Promovenden, die ein Elternjahr antreten. Das würde wohl auch die Adenauer-Stiftung als größte politische Begabtenstiftung Deutschlands mit einem Fördervolumen von 9,8 Millionen Euro im Jahr nicht überfordern. Wenn zudem die Stipendiaten ihren Kinderwunsch verschieben, ihn später, aus dem Beruf heraus, umsetzen, wird es dank Elterngeld für den Staat weit kostspieliger. Elterngeld für Stipendiaten gibt es übrigens nur in Höhe des 300-Euro-Sockelbetrags: Das Stipendium gilt nicht als Arbeitseinkommen.
Eine Minderheit als Symbol
Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung schließlich hält es, wenig überraschend, wie die Adenauer-Stiftung. Bislang zumindest: Bis heute hat man kein einziges Elternjahr vergeben. Man werde aber in der Zukunft, heißt es nun auf Nachfrage, das Elternjahr gewähren. Es ist nur eine kleine Minderheit, die all dies betrifft - aber die darf als Symbol gelten. Zumal es ja, weltanschaulich gesehen, um den eigenen Nachwuchs geht, den man hier fördert - oder eben nicht. Noch dazu in geradezu klassischer Weise: als Alimentierung einer Kindesbetreuung durch die eigenen Eltern.
Weit mehr junge Eltern sind mit Schwierigkeiten bei der Suche nach Kinderbetreuung konfrontiert. Die vieldiskutierte Frage der Betreuungsqualität von Krippen stellt sich meist gar nicht, weil man eben keinen Krippenplatz für sein Kind erhält (im Übrigen würde Konkurrenz unter den Krippen der Qualität nicht gerade schaden). So ringen zahlreiche Eltern, alle mit guten Gründen, um die wenigen Plätze, die es für kleine Kinder, meist von einem Jahr an - also keineswegs im Alter von wenigen Wochen, wie es in der jetzigen Debatte oft heißt -, zu vergeben gilt.
Das falsch geplante Kind
Dabei ist von einem Jahr an auch ungenau. Bei der eigenen Suche nach einem Krippenplatz in Göttingen fiel auf, dass bereits aufgenommene Kinder überwiegend ein gemeinsames Merkmal aufwiesen: Geburtsmonate November bis März; in einer kommunalen Einrichtung mit mehreren Krippen sogar ausschließlich. Ganz im Vertrauen erklärt eine Erzieherin: Wir hätten es falsch angefangen, unser Kind falsch geplant. Offiziell nähme man Kinder von einem Jahr an auf, doch die kindliche Entwicklung sei eben so, dass Kinder mit genau einem Jahr noch recht betreuungsintensiv seien, wohingegen drei oder vier Monate ältere Kinder weniger Arbeit machten, da sie meist allein laufen und essen könnten. Da das Krippenjahr, wie Kindergarten und Schule, am 1. August beginnt, sollte das gut geplante Kind also zu diesem Zeitpunkt mindestens ein Jahr und vier Monate alt sein. Bedenkenswerte Zuchtinformationen, die man nur vorher hätte haben müssen.
Immerhin aber offenbart sich hier, wenn auch nachträglich, Transparenz, die es sonst kaum gibt bei der Vergabe der raren Krippenplätze (in Niedersachsen für jedes elfte Kind, in Bayern und Hessen für jedes sechzehnte, in Nordrhein-Westfalen für jedes fünfunddreißigste). Man bewirbt sich, schreibt alles hinein, was man für hilfreich erachtet - und erhält schließlich den Bescheid, also fast immer die Absage, begründungslos. Jedenfalls sind Gutverdienende schlecht dran: Sie können sich ja eine Tagesmutter leisten. Alleinerziehende werden, zu Recht, bevorzugt. Folge: Verzweifelte Eltern werden rasch für ein paar Monate alleinerziehend, um einen Krippenplatz zu gewinnen, und versöhnen sich anschließend - nachträglich wird wohl kein Kind wegen intakter Familienverhältnisse vor die Tür gesetzt. Aber ob es hilft, sich bei der Krippe der Arbeiterwohlfahrt zu bewerben und den Großvater anzugeben, der als sozialdemokratischer Arbeiter gegen die Nationalsozialisten kämpfte? Wer einen solchen Opa hat, schreibt ihn jedenfalls in die Anmeldung, unter Verschiedenes.
Kinderland ohne Krippen
Mit Verzweiflung aber kommt man nicht voran, mit Illusionen und guten Worten auch nicht. Baden-Württemberg etwa hat sich vor kurzem zum Kinderland erklärt. Ministerpräsident Günther Oettinger kündigte an, man werde die Kinderbetreuung massiv ausbauen. Bislang erhält hier jedes einundzwanzigste Kind unter drei Jahren einen Krippenplatz: vorletzter Rang in ganz Deutschland. Nun prangt auf jedem Schreiben der Landesregierung der Stempel Kinderland Baden-Württemberg - die Betreuungslage verbessert das aber ebenso wenig wie die mit fünfzig Millionen Euro gegründete Kinderland-Stiftung, die nun so wichtige Programme finanziert wie Zeit nutzen - innovative pädagogische Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche während der Ferienzeit.
Man sollte die Zeit wirklich nutzen, nicht nur rhetorisch: Junge Frauen wollen arbeiten. Sie werden es, siehe Demographie, auch müssen. Die Frage ist nicht, bleiben sie zu Hause, um ihre Kinder zu erziehen, oder nicht, sondern: Bekommen sie Kinder oder nicht? Dafür, dass wieder mehr junge Menschen sich für Kinder entscheiden, dass Deutschland wirklich ein Kinderland wird, muss einiges passieren. Mehr Krippenplätze sind nur ein Aspekt. Flexible Arbeitgeber, moderne, erziehende Väter gehören ebenso dazu wie die Antwort auf die Frage, wie Väter und Mütter Erziehungspausen einlegen können, ohne befürchten zu müssen, nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurückzufinden. Einfach ist das nicht. Mit ideologischen Debatten, die oft nach Verteidigung der eigenen Biographie klingen, kommen wir nicht weiter. Es geht nicht um gelebtes Leben, sondern um zu lebendes. Um die Zukunft. Mit oder ohne Kinder.
Text: F.A.Z., 01.03.2007, Nr. 51 / Seite 35
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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