Von Karen Krüger
21. Februar 2007 Es ist ein exemplarischer Fall. Eine Erinnerung an die eigene Kindheit, die für das Schicksal eines ganzen Volkes steht. Stehen könnte. Oder nicht stehen soll. Je nach dem, woran man sich erinnert und woran man nicht erinnert werden will. Als die aus Eritrea stammende Popsängerin Senait Mehari vor drei Jahren ihr Buch Feuerherz herausbrachte, deutete sich der Konflikt noch nicht an. Jetzt, da aus dem Buch ein Film werden soll, ist das anders (siehe auch: Für das Medienmagazin Zapp ist Senait Mehari eine Lügnerin). Ihre Glaubwürdigkeit wird in Zweifel gezogen und damit Geschichtspolitik gemacht. Wem sollen wir glauben? War Senait Mehari eine Kindersoldatin, oder war sie es nicht? Diese Frage steht am Anfang, am Ende geht es darum, ob es im Unabhängigkeitskrieg zwischen Eritrea und Äthiopien Kindersoldaten überhaupt gegeben hat. Eine seltsame Kontroverse, scheinbar fernliegend, ausgelöst durch einen Beitrag des NDR-Magazins Zapp, gegen dessen Vorwürfe Mehari jetzt klagen will, wie sie der Berliner Zeitung sagte. Und ein Paradebeispiel für die Wirkungsmechanismen der Medien. Denn die Geschichte ist zu kompliziert, um sie in ein Schwarz-Weiss-Schema zu pressen, auf das Kontroversen in der Mediengesellschaft so gerne gebracht werden.
Hallo Senait, ich kann Dir ein Foto geben, auf dem ich und andere eine Waffe tragen. Wir waren Kinder, und keine Erwachsenen. Den Begriff ,Manju' kennst Du mit Sicherheit. Der Verfasser möchte anonym bleiben, statt seines Namens stehen die Worte Gib nicht auf! am Schluss der E-Mail, die Senait Mehari vorgestern Abend bekommen hat. Manju, erklärt sie, habe man die jungen Kämpfer bei der ELF, der Eritrean Liberation Front, genannt. Das sei arabisch und bedeute so viel wie Kleiner. Ob der Anonymus ihr helfen kann, weiß die Eritreerin nicht. Die meisten ihrer Landsleute, die für sie sprechen könnten, hätten Angst. Es wird massiv Druck ausgeübt. Die Regierung zu kritisieren bedeutet Gefahr für die Familien in Eritrea. Für sie, die sich mit ihrem Engagements für Kindersoldaten einen Namen gemacht hat, steht viel auf dem Spiel.
Es gibt dort keine Löwen - aber darum geht es nicht
Als sechsjähriges Mädchen wurde sie vom eigenen Vater in ein Militärlager verschleppt und dort zum Dienst an der Waffe gezwungen. Davon handelt ihr Buch Feuerherz. Andreas Bareis, der als Produzent von Nirgendwo in Afrika einen Oscar erhielt, will es verfilmen. Eine Woche ist es her, dass Zapp die Glaubwürdigkeit der Zweiunddreißigjährigen in Zweifel zog. Seither rollt die Medienlawine. Ihr Buch sei fehlerhaft und gebe die Wirklichkeit nicht wieder. Sie profitiere nur von der westlichen Betroffenheitsindustrie. Der Droemer-Knaur Verlag stellte sich hinter die Autorin, ebenso wie die Menschenrechtsorganisationen, für die Mehari sich engagiert.
Tatsächlich deutet eine Mängelliste, die inzwischen dieser Zeitung und anderen vorliegt, darauf hin, dass Senait Meharis Kindheitserinnerungen nicht jedes Detail treffen: Als Kind habe sie Löwen gesehen, schreibt sie, doch die gibt es in Eritrea nicht. Ebenso sind Ortsangaben und zeitliche Zusammenhänge bisweilen ungenau. So soll die Auseinandersetzung zwischen den beiden rivalisierenden Rebellenarmeen ELF und EPLF anders verlaufen sein, als Mehari es beschreibt. Doch nicht auf dieser Ebene bewegt sich die Kritik. Sie setzt an, wo es für den meisten Aufruhr sorgt: Senait Mehari sei nie Kindersoldatin gewesen. Im Camp der Morgensterne, wie die Jugendorganisation der ELF heißt, habe es kein Militärtraining gegeben. Mehari habe nie eine Waffe besessen und nicht gekämpft. Dass laut Definition der Vereinten Nationen und der Cape-Town Principles von 1997 nicht nur Minderjährige, die mit der Waffe kämpfen, als Kindersoldaten gelten, wird ignoriert. Erst vor zwei Wochen hat die Unicef-Konferenz gegen den Einsatz von Kindersoldaten bestätigt, dass auch Kinder, die während des Krieges als Boten und Späher eingesetzt werden, als Kindersoldaten gelten. Glaubt man Senait Mehari, dann war das im Lager der Morgensterne der Fall. Zeitzeugen, die in der NDR-Sendung auftraten, verneinten dies.
Die Militarisierung machte nicht vor der Jugend halt
Das Feld, in dem Senait Mehari, aber auch die Zweifler auftreten, ist politisch vermint. In Deutschland sind sowohl die ELF als auch die EPLF aktiv. Beide Seiten gehen massiv gegen das Buch vor. Das Bild, das Senait Mehari vom Befreiungskampf gegen das äthiopische Regime zeichne, beschmutze die eritreische Geschichte, heißt es in der Exilgemeinde. Manche fühlen sich persönlich verletzt. In Schweden soll es regelmäßige Treffen von Eritreern geben, die als Kinder in dem Camp der ,Morgensterne' gewesen sind. Man sagte mir, dass das Camp während des Krieges für sie wie eine Ersatzfamilie war, sagt Peter Disch, der Koautor des NDR-Beitrags.
Schon vor der Sendung zeichnete sich die Emotionalität des Streits ab. Wir hoffen auf Eure Unterstützung. Senaits Autobiographie ist frei erfunden. Das ist der Beweis für die Propaganda gegen Afrika, hieß es auf der Seite Afrolink. Nachdem Mehari im Dezember 2005 angekündigt hatte, dass ihr Buch verfilmt werde, habe sie anonyme Schreiben erhalten, in denen man sie als Verräterin beschimpfte, sagt sie. Die ELF ist weltweit vernetzt. Überall gibt es Geldgeber und Gläubiger, die an ihre Werte glauben und daran, dass die ELF eines Tages das Regime in Asmara stürzen wird. Natürlich hören die Geldgeber es nicht gerne, dass die Partei früher Kinder als Soldaten ausgebildet hat. Auch der Arm des eritreischen Staatspräsident Isaias Afeweki, unter dem sich Eritrea zu einer Diktatur entwickelt hat, reiche weit: Ein Casting, zu dem sich hundert Menschen, darunter viele Exil-Eritreer, im vergangenen Jahr in Nairobi einfanden, wurde von Unbekannten gesprengt - Mehari vermutet, dass die eritreische Regierung dahintersteckt.
Das mag Spekulation sein, fest steht, dass die Militarisierung der eritreischen Gesellschaft nicht vor der Jugend haltmachte. Samuel Gebregheorgis meldete sich im Alter von sechzehn Jahren freiwillig zur ELF: Er bewachte mit einer Kalaschnikow ein Lager und wurde für Späherdienste eingesetzt. Abraham G. Mehreteab war elf Jahre alt, als er einen Gegenstand aufhob, den er für ein Spielzeug hielt. Die Mine zerfetzte sein Gesicht und riss ihm einen Arm ab. Die Kinder waren Teil des Kampfes, auch wenn sie nicht an der Front mussten. Sie marschierten, sangen Propagandalieder und wurden von den Jugendorganisationen der EPLF und ELF in ihren Ideologien unterrichtet, um die nächste Generation des Krieges zu sein, sagt er. Für einen Medienskandal in Deutschland eignen sich solche Geschichten eigentlich nicht. Der Aufruhr wird weder der Geschichte Senait Meharis noch der ihres Landes gerecht.
Text: F.A.Z., 21.02.2007, Nr. 44 / Seite 33
Bildmaterial: ddp