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Netzkultur

Der digitale Maoismus ist zu Ende

In Reih' und Glied stehen sie in dem dem Film “I Robot“. Jaron Lanier hat den ersten “avatar“ erfunden. Jetzt warnt er vor der Netzkultur.In Reih' und Glied stehen sie in dem dem Film "I Robot". Jaron Lanier hat den ersten "avatar" erfunden. Jetzt warnt er vor der Netzkultur.
16. Januar 2010 

Jaron Lanier ist ein Internet-Pionier. Den Begriff „virtuelle Realität“ hat er geprägt und die Gratiskultur beschworen. Nun sieht er, wie Kreative ausgebeutet werden. Im Gespräch verwirft er die „Schwarmintelligenz“. Er spricht vom digitalen Mob.

Sie waren der Prophet einer wunderbaren Digitalwelt voller Magie. Jetzt führen Sie Klage darüber. Was ist passiert?

Daten sind passiert. Daten, die wir zuvor nicht hatten. Es ist ja absolut korrekt und ehrenwert, eine Hypothese aufzustellen, aber es ist nicht ehrenwert, eintreffende Daten zu ignorieren. Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten befinden wir uns nun schon in der Netz-Ära, es ist also genug Zeit verstrichen, um handfeste Daten unter die Lupe nehmen zu können. Das habe ich getan und bin unter anderem zu dem ziemlich verstörenden Schluss gekommen, dass das Phantasiebild von den Musikern, Journalisten, Geistesarbeitern, die zwar durch file sharing und soziale Netzwerke ökonomisch in Bedrängnis gerieten, aber so auch neue Geldquellen aufspürten, falsch ist. Viele Leute geben immer noch vor, dass dies jetzt geschieht, weil sie an die vorherrschende Ideologie glauben, aber die Daten widersprechen ihnen.

Diese neue Welt sollte allen offenstehen, kostenlos. Wieso hat das nicht geklappt?

“Der mit der optimistischen Einstellung, das bin ich“: Jaron Lanier"Der mit der optimistischen Einstellung, das bin ich": Jaron Lanier

Nehmen Sie das Beispiel der Musik. Das Dogma oder die Internetideologie lehrt uns: Ja, schon richtig, wir zwingen Musiker, ihre Musik kostenlos abzugeben, aber dafür bekommen sie ebenfalls kostenlose Publicity, mit deren Hilfe sie andere Sachen verkaufen können. Für bereits bekannte Künstler wie Radiohead mag die Rechnung aufgehen, für alle anderen, die sich nur übers Internet vermarkten, ist das nicht der Fall. Nach meiner Ansicht liegt das daran, dass ein Interaktionsmodell, in dem Künstler ihre Produkte kostenlos anbieten müssen, ihnen die Struktur vorenthält, die sie brauchen, um sich wirklich selbst zu entfalten. Ich sage das nicht gern, aber wenn Leute ständig neue Videos online stellen und der Menge gefallen müssen, gibt es für sie keine Pause, um sich weiterzuentwickeln. So kommt es unter dem Banner der Offenheit zu einem Verlust an Kreativität. Offenheit für alle ist wunderbar, aber diese Art von Offenheit ist eine Abstraktion, die am wirklichen Leben vorbeigeht.

Haben Sie denn eine Idee für ein funktionierendes System, in dem nicht nur die, wie Sie sie nennen, "Herren der Wolken" mit Namen wie Google und Youtube die dicksten Früchte ernten, sondern auch die kreative Klasse der "digitalen Bauern" ein Auskommen hat?

Ja, und interessanterweise geht die Lösung, die ich anzubieten habe, zurück auf die allererste Idee vom Netz, auf verlinkte Medien, Hypermedien. In den sechziger Jahren schon machte Ted Nelson, der als Erster sich so etwas wie Hypertext ausdachte, den Vorschlag, weltweit ein Mikrozahlungssystem einzuführen. Jeder könnte so Zugriff auf das Produkt jedes Anbieters haben, für eine verschwindend geringe Gebühr. Information wäre damit nicht absolut kostenlos zu haben, aber sie wäre sehr erschwinglich. Zudem gäbe es keine Trennung zwischen intellektueller oder künstlerischer Aktivität und der Wirtschaft, die beiden Sphären blieben verbunden. Und erhalten blieben auch Kreativität und Flexibilität, all die Vorzüge des Internets, die wir alle lieben, also dass alle möglichen Leute alle nur möglichen Dinge tun können. Die Offenheit wäre bewahrt, und doch käme die ökonomische Welt zu ihrem Recht, was für die Zivilisation von entscheidender Bedeutung ist. Die Sache muss universell gültig sein, ausgearbeitet auf Regierungsebene, nicht von einem Privatunternehmen. Ein Apple-Laden für Apps und Musik ist ja sehr nett, könnte aber für diesen Zweck niemals ausreichen.

Nehmen wir an, die kreative Klasse und die Wirtschaft einigten sich. Sie hätten dann aber die Rechnung ohne Hacker und Piraten gemacht, denen es vielleicht gelänge, wieder eine ganz andere Wirklichkeit heraufzubeschwören.

Hacker und Piraten wurden über die Jahre einigermaßen glorifiziert, und ich muss zugeben, dass auch ich da nicht ganz schuldlos bin. Ich war einer der Ersten, die an ihrer Mythologie mitarbeiteten. Das Problem besteht nun darin, dass die Sache nicht funktioniert. Der Preis der Offenheit darf nicht die Entrechtung von Menschen umfassen.

Sie führen in Ihrem Buch an, dass auch in Häuser eingebrochen, ein solches Vorgehen aber nicht gebilligt wird. Warum gilt das nicht auch im Internet?

Letzten Endes beruht jede Zivilisation auf Freiwilligkeit. Darum ist für autoritäre Regime die Propaganda so wichtig, die zu einem freiwilligen Autoritarismus führt. Eine Gesellschaft, anders gesagt, muss einen Gesellschaftsvertrag haben. Schauen wir uns einmal die Funktion des Geldes in der Gesellschaft an. Gäbe es einen unbegrenzten Vorrat an Geld, wäre Geld absurd, andererseits aber darf der Geldvorrat auch nicht zu knapp sein. Eine künstliche Knappheit, die von der Zentralbank reguliert wird, ist gleichsam in einer homöopathischen Dosis nötig, um die Wirtschaft florieren zu lassen. Etwas Ähnliches sollte auch mit der menschlichen Kreativität geschehen. Die Wahl darf nicht zwischen absolut kostenfreiem Zugang und unerschwinglich teurem bestehen. Der Zugang zu kreativen Erzeugnissen muss billig sein, zugleich aber ein Einkommen für kreative Arbeiter garantieren. Das muss sich in einem Gesellschaftsvertrag spiegeln, den die meisten Leute als einen guten Deal anerkennen. Denn eine Technologie, die Piraten und Hacker entmachtet, wird es nicht geben.

War es nicht abzusehen, dass in einer kommerziell geprägten Welt das Internet als losgelöste Utopie keine Chance hat?

ANTWORT: Nein, die erfolgreichsten Aspekte des Internets sind mit meinen Vorstellungen vereinbar. Amazon zum Beispiel nimmt Geld ein, indem es Autoren hilft, Geld einzunehmen. Es gibt keinen Grund, warum es im Internet keine erfolgreiche Firma geben sollte. Websites, die ich am meisten kritisiere, sind zufällig auch jene, die nicht profitabel sind. Sie bieten Mash-ups an, bei denen die individuelle Stimme nicht mehr zu hören ist: Facebook, Twitter, Wikipedia. Gut, sie sind nicht alle gleich schlimm, Wikipedia ist schlimmer als Facebook, aber keine von ihnen hat einen Profit vorzuweisen. Wikipedia ist gemeinnützig, Twitter und Facebook versuchen profitabel zu sein, können es aber nicht über triviale Summen hinaus. Ihre Existenz verdanken sie ideologischen Gründen, aber als Firmen sind sie gescheitert.

Sind Sie von den Geeks tiefer enttäuscht als vom Markt?

Die neue Geek-Religion, in der das Internet ein lebender Organismus ist und als vermeintliches Wesen angebetet wird, kann einen schon sehr enttäuschen. Der Markt hingegen funktioniert ja in gewisser Weise. Wenn es nach ihm ginge, wäre Twitter, wäre Facebook, wäre all das Zeug, das ich nicht mag, Vergangenheit. Die Ideologie überstimmt da den Markt.

Sie meinen eine Ideologie wie die hive mind, die Schwarmintelligenz? Was haben Sie dagegen? Und warum reden Sie von digitalem Maoismus, wenn andere sich über Wikipedia begeistern?

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, davor Angst zu haben. Der menschliche Charakter scheint unglücklicherweise einen verborgenen Schalter zu haben, mit dem im Menschen das Herdentier anzuknipsen ist. Uns ist die Fähigkeit gegeben, als Individuum zu handeln, aber wir können uns auch zum Mob zusammenschließen. Dafür gibt es in der Geschichte unzählige Beispiele. Die Weisheit, die aus der Menge heraus entsteht, taugt eigentlich nur dazu, Kalkulationen schneller durchzuführen oder den Marktpreis festzulegen. Und was die Menge beschließt, ist immer noch besser als der Beschluss von Bürokraten. Wenn eine Menge aber nicht nur den Preis eines Produktes festlegt, sondern etwas produzieren will, endet sie leicht als Mob. Es gibt nach meiner Meinung deutliche Parallelen zwischen den frühen Kommunisten und den heutigen Internetpiraten. Als Ideologie klang das damals doch gut, bis es empirisch in den Abgrund ging. Es hängt wohl mit der menschlichen Biologie zusammen, dass im Kollektiv die Strategie, etwas zu verbessern, zum Scheitern verurteilt ist. Menschen verwandeln sich da in Drecksäcke. Davor habe ich am meisten Angst.

Vorm information overload, der Informationsüberflutung, die uns bloß schlechter informiert zurücklässt, schaudert Ihnen nicht?

Eine interessante Frage, aber ich will einen anderen Startpunkt wählen. Wir müssen uns fragen, wie viel Information uns überhaupt zur Verfügung steht. Ich meine im Internet viel weniger Information zu erkennen, als viele Leute es sich einbilden. Das meiste ist Müll. Aber deswegen sollten wir nicht nach automatisierten Filtern rufen, um den Informationsfluss einzudämmen. Sie haben den Nachteil, dass Computer nichts begreifen. Wir sind noch nicht in der Lage, die technische Grundlage der Entwicklung von Vernunft oder Bedeutung ausfindig zu machen. Somit können derartige Filter nur dumm sein und die Leute, die sich auf sie verlassen, nur dümmer machen. Ich würde eher jeden ermutigen, sich im Internet so auszudrücken, dass die Information klar und verständlich und vor allem kein Mash-up ist ...

... also irgendwie zusammengestückelt wurde.

Ja, und es gibt so viel unverdaubare Information nur, weil wir es mit Scheininformation zu tun haben. Google Wave, das System, das Google Mail ersetzen soll, ist das perfekte Beispiel einer geradezu angebeteten Unternehmung, das Individuum abzuschaffen. Man kann wieder eintippen, was ein anderer gesagt hat, man hat keine Kontrolle über die eigenen Wörter mehr, man kann sogar jemandem zusehen, wie er etwas tippt, so dass es zum Nachdenken überhaupt keine Zeit mehr gibt. Ohne nachzudenken aber ist es schwer, ein Individuum zu sein. In diesem Kontext ergießt sich über einen in der Tat ein überwältigender Informationsstrom, und Leute, die dazu neigen, können leicht glauben, in Gegenwart eines lebendigen, pulsierenden Wesens zu sein. Aber es ist bloß eine Illusion, ein kleines Ritual. Was Menschen von Fleisch und Blut getan haben, wird fragmentiert, und so verlieren die ursprünglichen Autoren ihre Stimme, während eine Art fremdes, schwer zu verstehendes Biest zu sprechen anfängt. Das wird dann als Informationsüberflutung empfunden.

"You Are Not A Gadget" ist Ihr neues Manifest überschrieben. Sitzen wir nun im Schlamassel, weil wir unsere analoge Natur nicht mit dem digitalen Code der alles beherrschenden Gadgets in Einklang zu bringen wissen?

Ich sehe unter den ökonomischen und sozialen Fragen eine philosophische, die da lautet: Gibt es einen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen? Wer glaubt, dass es keinen großen Unterschied gibt, glaubt auch an die Illusion des Internets als Superlebensform. Ich glaube, das Gegenteil ist wahr, weil Information kein eigenständiges Phänomen ist. Information ist entfremdete Erfahrung, sozusagen auch eine potentielle Erfahrung. Die Erfahrung ist wirklich, die Information selbst nicht. Anders gesagt: Computer sind im Grunde nur Raumheizer, es sei denn, jemand ist kulturell fähig, sie zu interpretieren.

Interpretieren Sie das Internet nun mehr als Segen für die menschliche Kreativität oder mehr als Hindernis?

Das hängt von der Mentalität des jeweiligen Menschen ab. Es gibt viele, viele Vorzüge des Internets, und gelobt wurden sie schon häufig. Das ist auch gut so. Schlecht daran ist, dass die besondere Art, wie das Internet entworfen wurde, den kreativen Menschen aus dem Bild entfernt. So hat die Kreativität keinen Autor, und das ist gefährlich, weil der Autor, der Schöpfer, vom Kontext getrennt wird, in dem seine Schöpfung erst verständlich wird. Wo jemand sich nur auf Fragmente verlässt, stammen sie nun von Programmierern oder Musikern oder Tänzern, und diese in einen völlig anderen Kontext stellt, geht Bedeutung verloren. Diese Mash-ups erschienen in den neunziger Jahren noch frisch und markant. Heute drängen sich eher deren Probleme in den Vordergrund. Die Sprache des Mash-up teilt nichts mit, es sind lediglich ungeordnete Wörter, die in der Regel keinen Sinn ergeben, auch wenn es hier und da gute Collagen gibt. Eine solche Aneignung ist fast eine Art von kulturellem Imperialismus. Das Gespräch, das wir gerade führen, könnte als Reparaturhandbuch eines Taxis wiederauftauchen, ein Musikstück von Beethoven als Autoalarm.

Sind Sie in Facebook zu finden?

Nein. Um mir darüber ein Urteil zu verschaffen, ist jedoch meine Katze dabei. Ich werde nicht ihre Identität preisgeben, aber sie hat schon ein ausgeprägtes Facebook-Leben hinter sich gebracht. Manche Leute werden mir nun vorwerfen, ein Heuchler zu sein, weil ich mich sonst gegen Anonymität im Internet ausspreche und all das schlechte Betragen, das dadurch gefördert wird. Als einer, der in seiner Community oft mit nichtkonformen Meinungen auffällt, war das aber für mich der einzig gangbare Weg, Erfahrung zu sammeln.

Wie sehen diese Erfahrungen aus?

Facebook ist nicht durchweg schlecht. Junge Nutzer, heißt es gewöhnlich, seien die echten Facebook-Leute, und die alten Nutzer verstünden es eigentlich nicht. Ich halte das Gegenteil für wahr. Alte Nutzer haben bereits ihren Freundeskreis und bekommen die Gelegenheit, Freunde zu finden, die sie seit langem nicht mehr gesehen haben. Nutzer, die sich erst erfinden müssen, Teenager vor allem, gehen in die Falle einer fixierten abstrakten Darstellung von sich selbst. Das ist ein riesiges Problem, weil Heranwachsende die Möglichkeit haben sollten, unterschiedliche Rollen auszuprobieren.

Nicht nur Google will uns die Suche im Internet erleichtern, wenn nach ein paar Buchstaben schon Vorschläge für womöglich passende Websites gemacht werden. Wie dankbar sind Sie dafür?

Eine Maschine wird gern für intelligenter gehalten, als sie ist. Die Leute, die für Suchmaschinen verantwortlich sind, geben vor, dass ihre Apparate verstehen, wonach gesucht wird. Das stimmt natürlich nicht. Aus neurowissenschaftlicher Sicht sind Suchmaschinen nichts als Schund. Es gibt noch keine technologischen Mittel, Semantik oder Logik darzustellen.

Warum Sind Ihre Perspektiven so viel düsterer als die Ihrer Kollegen?

Wissen Sie, in vielen Punkten sind meine Ansichten sogar optimistischer. Meine Kollegen meinen, menschliche Ausdrucksformen seien nicht kostbar genug, um sie zu schützen, und halten Schwarmintelligenz für wichtiger. Meine Kollegen meinen, Menschen änderten ihr Verhalten nur durch Zwang. Meine Kollegen meinen, freiwillige Änderungen des Gesellschaftsvertrags seien unmöglich herbeizuführen. Der mit der optimistischen Einstellung, das bin ich.

Jaron Lanier, geboren 1960 in New York, ist Informatiker, Erfinder, Komponist, bildender Künstler und Autor. Er gilt als Vater des Begriffs „virtuelle Realität“. Als „Lead Scientist“ betreut er die „National Tele-immersion Initiative“, ein Projekt verschiedener Universitäten zur Erforschung des „Internet 2“. Er lehrt an der School of The Arts der Universität von New York sowie an der Columbia University und hat das International Institute for Evolution and Brain mitgegründet, das an der Harvard- und der Universität von Paris angesiedelt ist. Lanier hat als Erster internetbasierte Computer-Netzwerke vorgeschlagen, den ersten „Avatar“ entwickelt, die virtuelle Kamera fürs Fernsehen und 3-D-Grafiken fürs Kino. Als Pianist schreibt er Kammermusik und Orchesterwerke. 1983 hat er mit „Moondust“ das erste Videospiel vorgestellt. Sein neues Buch „You Are Not a Gadget: A Manifesto“ ist gerade erschienen (Alfred A. Knopf Verlag, Random House, 240 Seiten, 24,95 $).

Das Gespräch führte Jordan Mejias.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: 20th Century Fox/Cinetext, vanz

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