Von Sandra Kegel
08. April 2008 Das Haus von Remo Largo liegt auf einem Berg. Der Blick reicht weit über den Zürichsee, im Hintergrund ragen die schneebedeckten Alpen auf. Zum Gespräch setzt sich der Mediziner an den Küchentisch. Auch die zwei Kinder, die im Hintergrund toben und sein Wohnzimmer verwüsten, bringen ihn nicht um seine helvetische Gelassenheit.
Herr Largo, sind Kinder heute schwieriger als früher?
Ich glaube schon, aber nicht etwa, weil die Kinder heute anders wären, sondern weil sich die soziale Struktur verändert hat: Der gravierendste Unterschied erscheint mir, dass Eltern meist nur noch ein oder zwei Kinder haben. Der Wert des einzelnen Kindes ist enorm gestiegen, seit Eltern entscheiden können, ob sie Kinder wollen. Und wenn sie sich dafür entscheiden, muss es auch ein Erfolg werden. Heute sind Kinder ein Juwel - und müssen funkeln, sonst hat es sich nicht gelohnt. Die Erwartungen, Ansprüche und Ängste von Eltern haben beängstigend zugenommen.
Inwiefern?
Zum Beispiel durch das neue Rollenbild der Frau, die heute immer vor der Frage steht: Verfolge ich meine Karriere, gründe ich eine Familie, oder versuche ich, beides unter einen Hut zu bekommen? Auch dadurch bekommt das Kind einen enormen Stellenwert: Bleibt die Mutter zu Hause, ist der Selbstwert der Mutter ans Kind gekoppelt. Geht sie arbeiten, müht sie sich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ab, und das Kind ist wieder keine Selbstverständlichkeit.
Geht das überhaupt? Einen anspruchsvollen Beruf zu haben und verantwortungsvolle Mutter zu sein?
Als Eltern darf man sich keine Illusionen machen: Wenn sich eine Mutter oder ein Vater beruflich stark engagiert, müssen sie Abstriche machen, entweder bei der Karriere oder bei den Kindern. Und das bedeutet für eine berufstätige Mutter, dass sie für ihre Kinder nicht eine so große Rolle spielen kann, wie wenn sie zu Hause geblieben wäre. Vielen Frauen fällt es schwer, dass sie als Mutter relativiert werden. Vom Kind gedacht, ist es weniger wichtig, wer nach ihm schaut, sondern vor allem, wie gut die Betreuung ist und ob es zuverlässige Bezugspersonen hat. Wenn diese Aufgabe nicht allein die Mutter übernimmt, kann es schwer werden: weil in der Fremdbetreuung oft die Kontinuität nicht gewährleistet ist. Ständige Wechsel in der Betreuung sind schlecht für die Entwicklung des Kindes. Aber: In der Menschheitsgeschichte wurden Kinder nie nur von der Mutter, sondern stets von mehreren Bezugspersonen betreut, ob in der Verwandtschaft, in der Bekanntschaft, in der Sippschaft. Heute reduziert sich das auf die Eltern, so kommt auf sie ein Anspruch zu, der kaum zu erfüllen ist.
In Deutschland wird viel über die Zahl neuer Krippenplätze diskutiert, die Qualität spielt dabei keine Rolle.
Dabei ist das der wesentliche Aspekt! Die Kinder müssen mit den Bezugspersonen vertraut sein, was Zeit und Kontinuität erfordert. Das wiederum bedeutet, dass die Gruppen nicht zu groß sein dürfen. Aber kleine Gruppen sind teuer. Diesen Preis aber sollte eine Gesellschaft bereit sein zu zahlen.
Es gibt das Sprichwort, wonach es eines Dorfs zur Erziehung eines Kindes bedarf. Wenn heute viele Kinder ohne Geschwister aufwachsen und oft nur mit einem Elternteil - kann die Krippe oder der Kindergarten ein adäquates Ersatzdorf sein?
Erst einmal muss das Kind sich dort angenommen und geborgen fühlen. Trifft dies zu, kann es in der Gruppe durchaus wichtige Erfahrungen sammeln, die ihm in der Kleinfamilie vorenthalten bleiben: Zum einen fehlt zu Hause oft die Gesellschaft von anderen Bezugspersonen. Kinder aber suchen Vorbilder nicht nur in den Eltern, sondern auch in anderen Erwachsenen. Zweitens fehlen dem Kind in der Einkindfamilie andere Kinder. Natürlich kann sich die Familie mit anderen Familien zusammentun, aber in der Regel schaffen sie es nicht, und das Kind bleibt meist allein. Ein Kind im Vorschulalter braucht jeden Tag mehrere Stunden mit anderen Kindern. Das überfordert die Mütter, weil sie abdecken sollen, was verhaltensbiologisch unmöglich ist: Sie sollen andere Kinder ersetzen, eine Anforderung, die sie gar nicht erfüllen können. Es macht mich traurig zu sehen, wie sich Erwachsene vergeblich abmühen mit ihren Kindern, weil das optimale Biotop für Kinder eben andere Kinder sind. Weil die Mütter kleiner Kinder dadurch überfordert werden, neigen sie dazu, depressiv zu werden, was sich wiederum nachteilig auf das Kind auswirken kann.
Gleichen die Terminkalender von Vierjährigen, die zum Babyschwimmen, ins Frühenglisch oder zur Selbstverteidigung geschickt werden, deshalb so oft denen von Managern, weil Mütter um diese Defizite wissen?
Ich glaube schon, wobei das eine falsche Vorstellung davon ist, was Kinder im Vorschulalter an Erfahrungen machen sollten. Wesentlich sind für Kinder in den ersten vier, fünf Lebensjahren ganz andere Fähigkeiten: Sie müssen nicht schwimmen lernen und Englisch sprechen können, sondern vor allem ganzheitliche Erfahrungen sammeln, und da ist der Klassiker der Wald: Dort bewegt sich das Kind, es sieht und hört die unterschiedlichsten Dinge, es beschäftigt sich mit räumlichen Bedingungen und kausalen Zusammenhängen. Ich habe noch nie ein Kind erlebt, das sich im Wald langweilt. Vergessen wir nicht: Kinder sind in der ganzen Menschheitsgeschichte fast ausschließlich in der Natur aufgewachsen. Das sind die Erfahrungen, die Kinder in den ersten Jahren machen sollen.
Mütter werden immer älter. Stellen sich damit auch neue Fragen, weil sie vielleicht ängstlicher sind?
Es kann schon sein, dass eine Frau, die erst mit vierzig Kinder bekommt, vorsichtiger ist. Umgekehrt kann es aber genauso gut sein, dass sich für eine Frau in diesem Alter die eigene Karriere etwas relativiert hat und sie deshalb entspannter mit den Kindern umgeht.
Würden Sie sagen, dass wir in einer kinderentwöhnten Welt leben?
Das ist ein großes Problem, dem wir uns auch politisch stellen müssen. Verhaltensbiologisch war die Pille ja eine Revolution: Nach hunderttausend Jahren können wir plötzlich entscheiden, ob wir ein Kind wollen oder nicht. Meist liegt die Entscheidung bei der Frau. Das hat enorme gesellschaftliche und demographische Folgen, weil alles davon abhängt, wie Frauen ihre Prioritäten setzen. Und dem Kinderkriegen steht ja nicht nur der Beruf entgegen, man könnte auch auf Weltreise gehen oder sich selbst verwirklichen. Die Gesellschaft muss deshalb die Rahmenbedingungen für die Familien so attraktiv gestalten, dass Frauen sich sagen: Es lohnt sich, Kinder zu haben, es macht Freude, es überfordert mich nicht. Man muss Familie heute im Wettbewerb mit anderen Lebensformen sehen.
Sie haben den Ausdruck geprägt: Beziehung kommt vor Erziehung. Trifft das auch für unser Schulsystem zu?
Im Vorschulalter, daran zweifelt wohl niemand, brauchen Kinder Bezugspersonen. Das gilt aber ebenso für Schulkinder. Auch sie haben das Bedürfnis, sich zu binden, und zwar an die Lehrperson. Unser Problem ist, dass die Lehrer immer weniger als Bezugspersonen zur Verfügung stehen. Ein guter Lehrer muss auch eine Bezugsperson sein. Aber wenn man das so formuliert, ist das heute ein Grundkonflikt.
Warum?
Weil die Kinder es schon in der Grundschule mit bis zu sechs verschiedenen Lehrern zu tun haben. Wir müssen deshalb darüber diskutieren, wie viel Zeit Lehrer brauchen und welche Bedingungen, um eine verlässliche Beziehung zu den Kindern eingehen zu können.
Sollte man den Frontalunterricht auflösen, um bessere Bedingungen zu schaffen?
Nicht unbedingt, auch im Frontalunterricht lassen sich Beziehungen aufbauen. Wichtig ist, dass es überhaupt zu einer persönlichen Begegnung zwischen Lehrer und Kindern kommt: dass sie eine Beziehung aufbauen, die über den Schulstoff hinausgeht. Weil das Schulkind nur so erfahren kann, dass es von den Lehrern gemocht und akzeptiert wird, selbst wenn es die Leistungen nicht erbringt.
Es ist also wichtig, Leistung und Persönlichkeit zu trennen?
Genau, denn wenn dieses Vertrauen, auch als Mensch ernst genommen zu werden, nicht gegeben ist, wird sich das Kind schnell abgelehnt fühlen. Das führt bisweilen dazu, dass Kinder nicht mehr in die Schule gehen wollen. Stellen Sie sich nur vor, wie schwer es für ein Kind sein muss, Tag für Tag in die Schule zu gehen und das Gefühl zu haben, von der Lehrerin nicht wahrgenommen zu werden.
Ist das bei Klassen mit bis zu dreißig Kindern überhaupt möglich? Zumal der Druck in den Grundschulen durch die verkürzte Gymnasialzeit enorm zugenommen hat.
Die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist das Fundament für die Lernbereitschaft der Kinder. Ist sie nicht gewährleistet, wird es schwierig. Kinder sind überdies sehr verschieden, beim Lesen etwa oder beim Rechnen. Wenn man den Unterricht nicht individualisiert, werden zwangsläufig einige Kinder überfordert, andere unterfordert. Deshalb muss man auf das einzelne Kind eingehen. Das aber erfordert Zeit - was wiederum die Klassengröße automatisch einschränkt.
Was halten Sie von den Schulempfehlungen in der vierten Klasse? Kommt die Entscheidung für die Kinder womöglich zu früh?
Sie ist zumindest problematisch. Die Pisa-Ergebnisse zeigen ja, dass es zwischen den drei Schultypen Überschneidungen gibt: Das Spektrum der Viertklässler bei der Schrift etwa reicht von solchen, die fehlerfrei schreiben, bis zu solchen, die kaum einen Satz bilden können. Bei den Zahlen sieht es genauso aus. Kompliziert wird es, weil es bei manchen Kindern, die gut sind in Mathe, an der sprachlichen Kompetenz hapert und umgekehrt. Das setzt sich an den weiterführenden Schulen fort: An Gymnasien gibt es Schüler, die so schwach sind wie Realschüler. Und es gibt Hauptschüler, die so gut sind wie Gymnasiasten: weil auch diese Gruppen nicht homogen sind. Um Kinder optimal zu fördern, müssten deshalb manche Hauptschüler die Möglichkeit haben, ihre sprachlichen Fähigkeiten auf demselben Niveau zu verfolgen wie Gymnasiasten. Es ist unmöglich, homogene Gruppen zu erhalten, wenn man die Schüler aufteilt.
Viele Eltern erleben die Schulempfehlung ihrer Kinder als traumatische Erfahrung. Auch die Kinder leiden oft unter dem Druck.
Die Erwartungen an das Kind sind extrem hoch, ebenso aber die existentielle Verunsicherung der Eltern. Erschwerte Arbeitsbedingungen und Globalisierungsängste sind Gründe dafür. Speziell in Deutschland spielt jedoch mehr noch eine Rolle, dass sich das Land in den vergangenen zwanzig Jahren von einer produktiven Industriewirtschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft gewandelt hat. Die Anforderungen liegen heute mehr im Sozialen und Kommunikativen, weshalb Frauen mit ihrem Begabungsprofil besser dran sind als Männer. Auch die Schulen haben sich, zum Beispiel mit Fremdsprachenunterricht bereits in der Grundschule, schon auf die neuen Anforderungen eingestellt. Man sollte aber die Schulen auch nach den Bedürfnissen der Kinder ausrichten und nicht nur nach den Anforderungen der Wirtschaft.
Angeblich wird das ADHS-Syndrom heute in Deutschland viel zu häufig diagnostiziert. Ist die Hyperaktivität eine Modekrankheit, oder geht es unseren Kindern wirklich so schlecht?
Ich befürchte, Kinder werden hier zunehmend verpathologisiert. Insbesondere betrifft das die Jungen, die anstrengend sein können, unruhig und motorisch zu aktiv. Sie werden jetzt mit einem Medikament behandelt, das zur Gattung Droge gehört. Dabei geht es nicht um die Gesundheit der Kinder, sondern um die Interessen und Ängste von Eltern und Lehrern.
In Ihren Büchern betonen Sie, dass es keine goldenen Regeln gibt für die kindliche Entwicklung. Haben Sie überhaupt einen verbindlichen Rat, den Eltern beherzigen können?
Das kostbarste Gut, das Eltern ihren Kindern schenken können, ist Zeit.
Zur Person
Remo H. Largo, geboren 1943 in Winterthur, studiert Medizin an der Universität Zürich und Entwicklungspädiatrie an der University of California in Los Angeles. Er habilitiert sich in Kinderheilkunde.
Fast dreißig Jahre lang leitet er die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital Zürich. Seine Forschung, unter anderem seine Langzeitstudie über kindliche Entwicklung, findet international große Beachtung.
1993 veröffentlicht Largo das Buch Babyjahre, das sich, wie später der Folgeband Kinderjahre, zum Longseller entwickelt und in viele Sprachen übersetzt wird. Largo warnt vor allem vor dem Förderwahn in Familie und Schule: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, lautet sein Credo.
Largo lebt heute in dem Dorf Uetliburg unweit von Zürich und ist Vater dreier Töchter und Großvater von vier Enkeln. Derzeit arbeitet er an einem Buch zum Thema Was für eine Schule brauchen unsere Kinder?.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Illustration Burkhard Neie