Klimawandel

Heißer Herbst

Von Joachim Müller-Jung

Braune Blätter, warme Sonne: Dieser Herbst ist heiß

Braune Blätter, warme Sonne: Dieser Herbst ist heiß

25. Oktober 2006 Sonne, Sonne, Sonne und ein paar herbstliche Einsprengsel. Frühnebel und Stürme soll vielleicht die Südweströmung bringen, doch das stört uns nicht. Wir lassen unsere energiehungrige Seele heute lieber von nackten Zahlen streicheln: Berlin 21 Grad, Stuttgart 25, München 23. Ein unvergeßlicher Oktoberdonnerstag lockt - meteorologisches Pingpong hin, ätzende Klimastatistiken her. Fort auch mit der ewigen Bauernschläue, die Hitzerekorde purzeln und wir sind mittendrin. Glück gehabt also? Oder werden wir doch wieder bloß Zeuge eines dieser sich auftürmenden Menetekel der Klimakatastrophe?

In der Tat: Wenn schon Leute wie Tagesthemen-Sprecherin Anne Will auf die ungewohnte Sonnenflut im Oktober mit der Sehnsucht nach einem klischeehaften Herbst einstimmen, indem sie dem Wetter in der Abmoderation sinngemäß zurief, es möge doch bitteschön einen Blick auf den meteorologischen Termindienst werfen und endlich seinen ihm zugewiesenen Platz im Jahreszeitenkalender einnehmen, dann ahnt man, daß es um den Goldenen Herbst nicht zum Besten bestellt ist.

Sonne unschuldig am ökologischen Amoklauf

Dabei verhält es sich mit der Sonne eigentlich andersherum. Die Sonne ist ja eigentlich unschuldig am ökologischen Amoklauf vor der Haustür, der der seit ein paar Dekaden verstärkt zu beklagen ist. Jeder weiß: Die Treibhausgase aus Kraftwerken und Fahrzeugen treiben die Quecksilbersäule maßgeblich in die Höhe. Bis vor kurzem aber waren diese Überzeugungen politisch zwar opportun, fachlich aber keineswegs so wasserdicht, wie das den Anschein hat. Für die klimapolitischen Bremser jedenfalls, deren Einfluß im übrigen bis heute auf die amerikanische und australische Regierungspolitik keineswegs gering ist, ist die Sonne sogar der Keim aller Klimadebatten. Die Sonneneinstrahlung, sagen sie, hat in den vergangenen drei- bis vierhundert Jahren auf der Erde kontinuierlich zugenommen. Und deshalb müsse man sich über die Erderwärmung (Bildzeitung: „Klimaschock“), die Verschiebung der Klimazonen („Die Erd-Achse kippt“) und über den Meerespiegelanstieg („Unsere Erde ertrinkt“) auch gar nicht wundern.

Durch kiloschwere und brandaktuelle Fachliteratur konnte man sich da durcharbeiten und doch wenig Falsches an der Prämisse finden. Tatsächlich zeigen von den alten Schriften und Chroniken über die indirekten Meßdaten aus Sediment- und Eisbohrungen bis hin zu den Satellitenaufzeichnungen der letzten drei Jahrzehnte, daß die Sonne an Strahlungskraft sukzessive, wenn auch in regelmäßigen Abständen schwankend, deutlich zugelegt hat. In Zahlen ausgedrückt klingt das nach wenig: Zuletzt waren es 0,005 Prozent im Schnitt an zusätzlicher Strahlungsenergie pro Jahr. Zum Vergessen meint man. Ist es aber nicht angesichts der ungeheuren Energiemengen, die von der fast sechstausend Grad heißen Oberfläche ausgehen.

Was spielt sich in der Sonne ab

Was sich da verändert auf unserem brodelnden Zentralgestirn läßt sich erahnen, wenn man die Skizzen, die Galileo Galilei 1611 beim Blick auf die Sonne festgehalten hat, neben die hiesigen Sonneneindrücken legt. Damals nämlich, im klimatologischen Maunder-Minimum der Kleinen Eiszeit, zählten die Astronomen im Schnitt gerade einmal fünfzig auffällige Kreise auf der Sonnenoberfläche - Kleckse, die später als Sonnenflecken beschrieben und als Gebiete mit besonders starker Sonnenaktivität entdeckt wurden. Heute ist man da schnell bei 40 oder 50.000 Sonnenflecken, und seit Beginn der satellitengestützten Sonnenforschung Anfang der achtziger Jahre darf man sicher sein, daß jeder Flecken so sorgfältig registriert wird wie die Fluchtbewegungen der hiesigen Gletscher. Was dann schließlich zu wissenschaftlichen Ergebnissen führte, die nicht nur unsere Bild von der Sonne tiefgreifend verändert haben, sondern nun endlich auch die Schuldfrage in der Klimadebatte Stück für Stück zu klären verspricht.

Vor exakt zwei Jahren sah die Zwischenbilanz für die Sonne allerdings noch recht düster aus: Da heizte ein international vielbeachteter Fachaufsatz ein, der von Sonnenforschern des Max-Planck-Instituts in Katlenburg-Lindau publiziert wurde. Sie zeigten, daß die „Sonne seit über 8000 Jahren nicht mehr so aktiv war wie heute“. Es ging hin und her, Klimatologen und Physiker warfen wechselseitig Prozentzahlen in den Ring, welcher Anteil wohl der Sonne am aktuellen Klimawandel zuzuordnen sei - von zwanzig, dreißig bis sechzig Prozent ging da die Spanne. Bis dann kürzlich zum Beginn des heißen Herbstes ein Wissenschaftlerquintett aus Amerika seine Generalauswertung der Gesamtkenntnisse zusammentrug und zu dem Schluß kam: Die extreme Beschleunigung der Erderwärmung seit den siebziger Jahren gehe mitnichten auf das Konto der Sonne. „Die Änderungen der solaren Helligkeit sind viel zu schwach, um den Klimawandel zu erklären“, und das ließe sich mit den rekonstruierten Klima- und Sonnendaten aus der gegenwärtigen Zwischeneiszeit verläßlich auch für die die zurückliegenden tausend Jahre behaupten.

Ökologisch ist damit noch lange nichts im Reinen. Aber wenigstens gibt uns dieser Anflug von erdgeschichtlicher Stabilität das Gefühl zurück, das uns auf der Jagd nach Temperaturrekorden zusehends abhanden kommt: Das Gefühl, Teilnehmer eines Eiszeitalters zu sein.

Text: F.A.Z., 26.10.2006
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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