Deutschlands Imagepflege in China

Nicht so aufgeklärt und sympathisch wie gewollt

Von Mark Siemons, Peking

Dekokunst: Merkel und Wen vor einem Bild namens “Frieden und Wohlfahrt“

Dekokunst: Merkel und Wen vor einem Bild namens "Frieden und Wohlfahrt"

27. August 2007 Die Kanzlerin wird in China diese Woche nicht bloß Gespräche über Computerspionage führen, sie wird auch zwei musikalischen Darbietungen lauschen, mit denen ein Gebilde namens „Dezhong Tongxing“ (Deutschland und China - Gemeinsam in Bewegung) eröffnet wird. Es handelt sich um die bisher bei weitem größte Veranstaltung, mit der sich Deutschland in China präsentiert, und tatsächlich vermittelt sie - wenn auch nicht durchweg mit Absicht - ein getreues Bild davon, wie sich die Bundesrepublik heute versteht.

Am Anfang stand „Kultur“, in Großbuchstaben. Seit Jahren verfolgt China eine „Soft-Power-Strategie“, mittels deren es sich selbst als Kulturmacht im Konzert etwas weniger alter, aber gleichfalls würdiger Kulturmächte inszeniert. Das ist auch ein Signal der Wiederkehr einer Kraft, mit der man rechnen muss, und zugleich das Plädoyer für eine multipolare Welt, in der sich die Kulturen ebenso wenig wie die Staaten in ihre „inneren Angelegenheiten“ einmischen sollen. Zu diesem Zweck eröffnet die Volksrepublik nicht bloß Kulturzentren in aller Welt, sie veranstaltet auch ein „Kulturjahr“ nach dem anderen, zusammen vor allem mit europäischen Nationen. Frankreich, Italien, Russland und Spanien haben sich schon darauf eingelassen. Und in diesem Sinne schlossen Kanzler Schröder und Ministerpräsident Wen Jiabao 2004 auch ihre gemeinsame Erklärung „Partnerschaft in globaler Verantwortung“, in der ein deutsch-chinesisches Kulturjahr für 2009 in Aussicht genommen wurde.

Ärmlich: 300.000 Euro für ein Kulturjahr

Doch auf die spontane, aus den bilateralen Beziehungen wie selbstverständlich erwachsene Zusage folgte das Rechnen. Es zeigte sich, dass die Bundesregierung keineswegs bereit war, in Konkurrenz mit einem Land wie Frankreich zu treten, das sich den Kulturdialog mit China nicht weniger als vierzig Millionen Euro kosten ließ. In den ersten Kalkulationen fand sie sich vielmehr zu gerade mal 300.000 Euro bereit. So machte man aus der finanziellen Not kurzerhand eine kulturpolitische Tugend und erklärte, statt eines repräsentativen zentralen Strohfeuers, wie es die anderen Länder veranstalten, viele kleine Flammen an unterschiedlichen Orten entzünden zu wollen. An die Stelle des großen Kulturjahrs sollten über drei Jahre hinweg Kulturwochen in Städten wie Nanking, Kanton und Chengdu treten, wodurch im Übrigen das nichtzentralistische wie auf Nachhaltigkeit bedachte Ethos der Bundesrepublik aufs schönste zur Darstellung komme. Diese Konzeptänderung teilte Angela Merkel Wen Jiabao bei einem Treffen mit, verzichtete aber darauf, mit der Volksrepublik darüber ein Abkommen zu schließen. So ist in Mitteilungen amtlicher chinesischer Organe noch heute von einem deutschen Kulturjahr 2009 die Rede.

Unterdessen stellte sich heraus, dass auch die abgespeckte Version nicht die Unterstützung deutscher Sponsoren fand. Die Wirtschaftsvertreter erklärten, dass sie eine reine Kulturveranstaltung nicht mittragen würden, und der Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft machte seine Mitwirkung von der Einbettung in die nationale PR-Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ abhängig. So erfuhr das Konzept seine zweite Korrektur: Nicht die deutsche Kultur soll nunmehr präsentiert werden, sondern Deutschland insgesamt mit seinen drei Säulen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur entlang dem thematischen Schwerpunkt „Stadt der Zukunft“ und dessen Unterabteilungen „Umwelt“ und „Corporate Social Responsibility“. Das Goethe-Institut, das die Kulturwochen mit China vorbereiten sollte, findet sich nun als „Projektpartner“ an der Seite einer Wirtschaftsvertretung und einer Agentur für „Nation-Branding“ wieder.

Die Vorstellung einer Kultur im nationalen Kontext macht sie ratlos

In den Papieren, mit denen deutschen Unternehmen eine Mitwirkung schmackhaft gemacht werden soll, wird das Vorhaben jetzt als „Kampagne“ bezeichnet, mit der „das positive Image Deutschlands in China als innovatives und zukunftsorientiertes Land gestärkt werden“ soll. Das „hochkarätige Kulturprogramm“ erscheint da im Verein mit „Hochhaus-Großprojektionen“ und anderen „spektakulären Inszenierungen“. Und schon sprudelt das Geld: Inzwischen sollen sieben bis zehn Millionen Euro aus öffentlichen und privaten Quellen für das Gesamtprojekt in Aussicht stehen.

So, wie er sich entwickelt hat, könnte man diesen Vorgang für ganz normal halten: So ist das eben, wenn sich alle nach der Decke strecken und Kompromisse finden müssen. Hinter der Logik des Geldmangels aber kommt eine gewaltige Verlegenheit bei den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern zum Vorschein. So attraktiv für sie die Förderung kultureller Ereignisse geworden ist, solange deren Lebensstilmarkierungen sie mit ihren Wählern und Kunden verbinden, so ratlos macht sie offenbar die Vorstellung einer Kultur im nationalen Kontext - mit entsprechend uneindeutiger Zielgruppe.

Nonchalant: Am Eröffnungstag reist Merkel wieder ab

Dafür gibt es gute historische, politische und sogar kulturelle Gründe. Es ist nun einmal eine durch keinen Willkürakt zu beseitigende Folge des Nationalsozialismus, dass Deutsche sich nicht so ungebrochen mit ihren Traditionen identifizieren können wie etwa Italiener und Franzosen. Ohnehin wäre es den Künsten selbst abträglich, sie immer noch in den Grenzen einer Nationalkultur einschließen zu wollen oder sie in einer erhabenen, von Politik und Wirtschaft säuberlich getrennten Sphäre zu isolieren. Insofern kann man der Idee, den kulturellen Dialog zusammen mit ökonomischen und wissenschaftlichen Institutionen anhand aktueller Fragen zu führen, einiges abgewinnen. Zweifellos hat sich auch der Wille diskreditiert, die Kultur zu einer dekorativen Hülle der Politik zu machen. Es mag sein, dass Angela Merkel wegen ihrer DDR-Sozialisation einen besonderen Widerwillen gegen eine solche Indienstnahme der Kultur entwickelt hat.

Aber zwischen den Polen politischer und wirtschaftlicher Instrumentalisierung scheint die Idee abhandengekommen zu sein, dass die Kultur im Verhältnis der Nationen noch etwas Drittes sein könnte: eine Form der Auseinandersetzung mit dem allen gemeinsamen Leben nämlich, die in den wechselseitigen wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen nicht aufgeht und deshalb, fern davon, harmloser Schmuck zu sein, eigenständige Möglichkeiten der Verständigung und Kritik eröffnet. Themen wie Menschenrechte, Ideologie und Macht können da nicht wirkungsvoller als in den vermeintlich ernsthafteren Konfrontationsweisen zum Ausdruck kommen, aber in einem anderen Kontext. Dass die Bundesregierung bei ihren Kulturbeziehungen weit weniger Wert auf Verträge legt als etwa bei den Wirtschaftsbeziehungen, ist ein Indiz dafür, wie wenig ihr diese Möglichkeit bewusst ist. Der Eindruck wird komplett gemacht durch die Nonchalance, mit der Angela Merkel ausgerechnet am Morgen des Tages der Eröffnung der Pekinger Buchmesse, bei der Deutschland das Gastland ist, nach Japan weiterreisen wird - und dies auch noch von Nanking aus, dem chinesischen Symbolort der japanischen Aggression.

Das gilt für die Kultur wie für die Automobil- oder die Möbelindustrie

Die deutsche Ratlosigkeit angesichts nationaler Kultur ist deshalb nicht ganz so aufgeklärt und sympathisch, wie sie sich gibt. „Wir haben der Welt gezeigt“, heißt es in der Selbstdarstellung von „Deutschland - Land der Ideen“, „wie deutsche Dichter und Denker, Forscher und Erfinder, Künstler und Komponisten das Leben seit Jahrhunderten bequemer, sicherer und schöner machen“. Ein solcher Begriff von Kultur kommt in etwa mit dem Begriff überein, den auch die Automobil- oder die Möbelindustrie von sich haben.

Zweifellos kann das Goethe-Institut auch in dieser Konstellation interessante Projekte verwirklichen. Mit einer Übernahme von John Crankos Stuttgarter Ballettinszenierung von „Romeo und Julia“ durch das chinesische Nationalballett beginnen die Kulturwochen in Nanking; Ausstellungen mit Markus Lüpertz und der Neuen Leipziger Schule folgen. Es zeigt sich, dass die Kontroverse um das Goethe-Institut im vergangenen Jahr nur ein Scheingefecht war: Man braucht und darf europäisches und globales Publikum, zeitgenössische und traditionelle Werke nicht gegeneinander ausspielen; beides ergänzt sich. Real aber bleibt die Frage, wozu sich der Staat Kultur im Ausland überhaupt leisten will: als bloßes Beiwerk seiner sonstigen Interessen oder als etwas, das ihn auch selbst definiert, ihm eine Grenze gibt.

Text: F.A.Z., 27.08.2007, Nr. 198 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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