08. Mai 2006 Ein schönes Wort war Kulturindustrie nie. Aber es funkelt auch nicht immer so düster wie bei Horkheimer und Adorno und deren Adepten zumal im deutschen Sprachraum, für die es der Inbegriff aller Verblendungszusammenhänge im Spätkapitalismus war. Für die kühlen Rechner etwa in der Europäischen Union bezeichnet es einfach eine Wirtschaftssparte neben anderen, die daher der gleichen beschäftigungspolitischen Fürsorge wie andere bedarf.
Wer will, kann in dieser Bedeutungsverschiebung das Merkmal eines Mentalitätswechsels erkennen: Was zuvor als polemische Formel wider die Vermischung der Sphären und den Verlust jeglicher kulturellen Autonomie gemeint war, ist nun der fröhlich gebrauchte Terminus technicus, um ebendiese Vermischung zu befördern. Es scheint gar kein Gefühl mehr dafür zu geben, daß es sich dabei um etwas Ungehöriges handeln könnte.
Nationale China-Marken entwickeln
Was zur Zeit in der Volksrepublik China passiert, geht noch einen Schritt weiter: Hier erklimmt die Kulturindustrie die nächsthöhere Windung in der Begriffsspirale. Die Regierung gebraucht die Vokabel nicht nur ungeniert, sie macht aus ihr das Schlüsselwort ihres Modells einer leninistisch organisierten Postmoderne: eine Zauberformel, die Ideologie, Kultur, Staat und Wirtschaft wundersam vereint. Im neuen Fünfjahresplan dreht sich in der Sparte Kultur alles um dieses eine Wort.
Es soll eine flexiblere Umgebung für die Kulturindustrie geschaffen werden, sie soll dabei helfen, nationale China-Marken zu entwickeln und die zurückgebliebenen Regionen im Westen des Landes auf die Beine zu bringen. Sun Jiazheng, der Kulturminister, beklagt, daß viele Kultur-Ressourcen des Landes immer noch nicht in Kulturprodukte überführt seien und daß viele Kulturprodukte immer noch nicht der Nachfrage der Konsumenten entsprächen.
Symbolische Form des Neuen Lebens
Die Kommunistische Partei Chinas hat sich anscheinend endgültig dazu entschlossen, die Kultur in marktwirtschaftlichen Kategorien zu verstehen. Was das bedeutet, ist alles andere als harmlos oder banal, auch wenn marktwirtschaftliche Reformen für China schon lange nichts Neues mehr sind. Denn wie in allen sozialistischen Ländern nimmt die Kultur auch in der Volksrepublik bis heute eine sorgsam gehütete Sonderstellung ein. Sie gilt nicht bloß als Instrument der Propaganda, sondern als die symbolische Form des Neuen Lebens selbst, für das die Kommunistische Partei steht. Eine Kunst, die parallel mit der Politik liefe oder unabhängig von dieser wäre, gibt es in Wirklichkeit nicht, sagte Mao 1942 in seiner berüchtigten Rede in Yanan. Der oberste Künstler ist in gewisser Weise die Partei selbst, die, wieder nach einem berühmten Mao-Wort, die schönsten Schriftzeichen auf das leere Blatt des Volkes malt. Das oberste Prinzip Dem Volke dienen findet sich auch heute noch auf der Website des Kulturministeriums: Kultur und Kunst sollten das Leben des Volkes spiegeln, heißt es dort. Worin das Leben des Volkes besteht, definiert im Zweifel natürlich die Partei.
Der neue Kulturindustrie-Begriff vereint nun diesen Definitionsanspruch mit den Bedingungen des Markts. Das muß nicht unbedingt eine Liberalisierung, wie der Westen sie sich vorstellt, bedeuten. Zu den Säulen des neuen Fünfjahresplans gehört auch die Perfektionierung des Monitorings über den Kulturmarkt, es soll dazu ein einschlägiger Langzeit-Management-Mechanismus mit immer präziseren Regulierungen eingerichtet werden. Die Kontrolle fällt also mitnichten fort, sie wird jetzt nur in betriebswirtschaftlichen Begriffen beschrieben.
Neues Marketing für altes Kulturland
Was die Partei an der Kulturindustrie beeindruckt, ist wohl am meisten die Idee des Marketings. Sie löst die beiden dringlichsten Fragen der chinesischen Kulturpolitik auf einen Schlag. Das ist zum einen: Wie kann das alte Kulturland China wieder ein Bild von sich hervorbringen, das die Welt überzeugt? Das eklatante auswärtige Kulturdefizit Chinas wird zunehmend als Skandal empfunden. Das Verhältnis des Imports zum Export etwa von Büchern betrage zehn zu eins, bezogen auf westliche Länder vermutlich hundert zu eins. Das will man nicht länger hinnehmen. Und die andere Frage: Wie läßt sich die zunehmende Diversifizierung und Zersplitterung der Gesellschaft entschärfen, so daß sie der regierenden Partei nicht um die Ohren fliegt? Über den ungewohnten Pluralismus der Anschauungen und Lebensweisen hatte sich Parteichef Hu Jintao wiederholt besorgt geäußert.
In dieser Lage scheint die Regierung nach 1989 die Entwicklung nicht nur der Sowjetunion und Osteuropas genau analysiert zu haben, sondern auch der westlichen Kultur. Lehrte die eine, daß man die Zügel nicht zu locker lassen darf, scheint die andere zu beweisen, daß derselbe Markt, der den Pluralismus hervorbringt, diesen auch beliebig und ungefährlich machen kann. Worauf es also ankommt, ist, die Kultur planmäßig in die Obhut der Wirtschaft zu geben - dann kann sich der Staat auf die Oberaufsicht zurückziehen und muß nur noch in Ausnahmefällen eingreifen. In der kapitalistischen Welt mit deren klaren Kategorien, Interessen und Grenzen fühlt sich die Kommunistische Partei Chinas ohnehin seit langem zu Hause. Diese Welt ist in der Lage, Realitäten zu schaffen, mit denen sich besser umgehen läßt als mit den Vieldeutigkeiten einer kulturellen Sphäre, die sich selbst überlassen ist. So muß das Kontingenzbewußtsein, das die ganze Gesellschaft und längst auch Teile der Partei ergriffen zu haben scheint, nicht notwendigerweise eine Schwächung der Macht bedeuten; indem es in das konstruktivistische Wirklichkeitsverständnis des Marketings überführt wird, vermag es immer noch an die Marken, Träume und Wünsche zu glauben, die es selber geschaffen hat.
Exportschlager Politischer Pop
Es versteht sich, daß Kultur als Staatsaktion eine besondere Vorliebe für ideologisch vergleichsweise unschuldige Zweige wie Design, Comic und Online-Spiele hat. Aber auch Kino und bildende Künste haben unter den kulturindustriellen Bemühungen der letzten Jahre ihr Gesicht sehr verändert. Ehedem unberechenbare und wichtige Regisseure wie Chen Kaige, Zhang Yimou und Zhang Yuan, die immer wieder mit der Zensur zu kämpfen hatten, werden heute vom Staat entschlossen gefördert - und produzieren mittlerweile Filme, die ebenso weltmarktkompatibel wie sozialverträglich und künstlerisch bedeutungslos sind. Sie sind große chinesische Marken geworden, genauso wie die Künstler des Politischen Pop und Zynischen Realismus, deren Bilder mittlerweile auf internationalen Auktionen Hunderttausende von Euro einbringen.
Die Regierung hat gemerkt, daß das Spiel mit Mao-Ikonen und Propagandapostern, dem im Westen eine gewisse Subversivität zugute gehalten wird, keine politische Gefahr darstellt, und tritt jetzt sogar als Sponsor von Messen zeitgenössischer Kunst auf. Und die Pekinger Stadtverwaltung hat den Kunstdistrikt 798 als einen Standort der Kreativindustrie unter ihren Schutz gestellt. Daß sie auch immer wieder dort ausstellende Künstler zensiert und deren Bilder abhängen läßt, erhält dem Bezirk zugleich im Westen seinen Ruf als Stätte der Widerspenstigkeit.
Künstlerischen Eigensinn verwalten
Die kulturindustrielle Offensive kommt zu einem Zeitpunkt, da sich die chinesischen Stadtgesellschaften mit wachsendem Wohlstand ohnehin verändern. Sie stehen an der Schwelle zu dem, was im Westen postmaterialistische Werte genannt wurde: Immer mehr Chinesen versuchen sich über bestimmte Ausflugs- und Reiseziele, Design, Cafe- und Kinobesuche voneinander zu unterscheiden. Da mag die Regierung nicht ohne Grund erwarten, daß sich auch die Ideen, Interessen und künstlerischen Eigensinnigkeiten, wenn sie erst in ordentliche Konsumartikel verwandelt sind, auf Dauer neutralisieren und keine Gefahr mehr für die Stabilität des Landes darstellen.
Ein großes Geschäft verspricht das Ganze ohnehin zu werden. Die Kulturausgaben der Stadtbewohner (eingeschlossen allerdings die Bildungsausgaben) steigen jährlich um zehn Prozent. Auch westliche Medienkonzerne versuchen am prospektiv gigantischen Markt zu partizipieren, bislang freilich mit beschränktem Erfolg. Demnächst wird im südlichen Shenzhen die zweite Internationale Messe für Kulturindustrie stattfinden, die die Kommerzialisierung und den Export der einschlägigen Produkte in den Mittelpunkt stellt.
Kein Comeback für die Super Girls
Das heißt natürlich nicht, daß allen Funktionären diese neue List der Geschichte einleuchten würde. Der frühere Kulturminister Liu Zhongde sprach sich zum Beispiel vor kurzem für ein Verbot der Super Girls aus, jener chinesischen Version von Deutschland sucht den Superstar, die im vergangenen Jahr der größte und überraschendste Fernseherfolg im Lande war. Wenn wir blind der Marktentscheidung folgen, sagt Liu, wird das nur dazu führen, daß die Seele des Volks verlorengeht. Von der abgeklärten Coolness, mit der die Künste im Westen als selbstverständlicher Teil des Lebens behandelt werden, bleibt die Volksrepublik noch weit entfernt.
Gesagt werden muß freilich auch, daß die meisten chinesischen Künstler und Intellektuellen selber nicht gerade Adorno-hörig sind. Auch die Ungebärdigsten pflegen, durchaus anders als im Westen, nicht unbedingt das Idealbild einer autonomen Kunst und haben daher in Habitus und Berufsauffassung irritierend wenig Berührungsängste zur ökonomischen Sphäre. Vielleicht ist gerade das aber die beste Voraussetzung dafür, um die kulturindustrielle Unterwanderung der Künste ihrerseits zu unterlaufen: mit Kunst. Wer am Ende die Oberhand behält, ist keineswegs gewiß.
Text: F.A.Z., 08.05.2006, Nr. 106 / Seite 37
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