21. Juli 2006 Auf ihrer Südafrika-Reise in die Townships und Kliniken von Kapstadt bis Durban haben die Eheleute Gates der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview gegeben. Das reichste Ehepaar der Welt hat mit der Melinda & Bill Gates Foundation Maßstäbe in der Wohltätigkeitsarbeit gesetzt, nicht nur, weil sie inzwischen über die immense Summe von sechzig Milliarden Dollar Stiftungsvermögen verfügt. Wenn es um die Bekämpfung der größten medizinischen Geiseln der Menschheit geht, um Aids, Malaria, Tuberkulose, ist ihr Einsatz beispiellos - und zieht dennoch Kritik auf sich.
Sie sind der reichste Mann der Welt. Was werden Sie von 2008 an tun, wenn Sie mit Mitte Fünfzig Ihren Vollzeitjob bei Microsoft aufgeben?
Bill Gates: Ich werde zusammen mit Melinda und den Wissenschaftlern unterwegs sein, öfter auf Reisen gehen und mich mit Politikern treffen, die sich um die Gesundheit kümmern.
Wird die Dreißig-Milliarden-Spende Ihres Freundes Warren Buffett die Richtung der Gates-Stiftung verändern?
Melinda Gates: Ein Großteil davon wird in die Impfstoffentwicklung gehen. Je näher wir an die klinische Anwendung der Vakzine kommen, in den Phase-2- und 3-Studien, desto mehr Fördermittel werden wir benötigen. Wir starten auch Programme, die wir Global Development nennen. Damit wollen wir etwa Familien mit Kleinkrediten helfen, damit sie mehr Land bewirtschaften können, oder wir wollen herausfinden, wie die Biotechnik den Leuten helfen kann, beispielsweise trockenresistente Kulturen anzubauen.
Bill Gates: Ein anderes Ziel ist, daß andere reiche Leute rund um die Welt dem Beispiel folgen und sagen: Ja, mein Geld soll zurückfließen in die Gesellschaft, und zwar vor allem dorthin, wo die größten Ungleichheiten heute herrschen. Wir brauchen mehr Partner, mehr Stiftungen dieser Art. Viele Reiche geben ihr Geld ihren Kindern. Wir denken, daß das oft zuviel des Guten ist, und das ist eher schlecht für die Kinder, und es ist auch aus der Sicht der Gesellschaft nicht gut.
Was haben Sie empfunden, als Sie von den südafrikanischen Wissenschaftlern gehört haben, daß die medizinische Situation in den Townships zusehends schlechter wird, speziell was Tuberkulose und Aids angeht?
Bill Gates: Wenn man wie wir viel über Weltgesundheit gehört und gelernt hat und das mit dem vergleicht, was wir hier gesehen haben, dann ist das schon sehr verschieden und auch ein wenig deprimierend. Ich kann mich nicht an den schrecklichen Gedanken gewöhnen, daß die Welt nicht tut, was sie tun müßte, ob es um die Verteilung von Medikamenten geht oder um deren Entwicklung.
Aber es gibt ja glücklicherweise auch einige Fortschritte. Die Kindersterblichkeit beispielsweise geht weltweit herunter. Um 1900 war sie in den Vereinigten Staaten am niedrigsten, dennoch war sie höher als in den am schlimmsten betroffenen Ländern heutzutage. Ja, es gibt riesige Herausforderungen, Aids ist so eine, auch Malaria verschlimmert sich mancherorts, und Tuberkulose geht weltweit gesehen zwar herunter, aber an Orten wie hier mit Aids verschlechtert sich die Situation weiter.
Woher nehmen Sie Ihren Optimismus, das zu ändern, wenn man bedenkt, daß Robert Koch die Tuberkulose-Bazillen schon vor mehr als hundert Jahren entdeckt hat und die Therapiefortschritte in vielen Ländern so bescheiden sind?
Melinda Gates: Weil wir bisher einfach nicht genügend fokussiert waren auf die Tuberkulose. Wir hatten sie in unseren Ländern ja quasi eliminiert. Das war der Schock, den wir erlebt haben, als wir nach der Gründung der Stiftung nach Ländern gesucht haben, in denen wir medizinisch etwas bewegen können. Wir sagten, o Gott, was ist das für eine riesige Ungerechtigkeit. Mit unserem Geld haben wir jetzt eine großartige Gelegenheit, das zu ändern.
Bill Gates: Im Grunde gibt es ja seit mehr als fünfzig Jahren Mittel gegen Tuberkulose. Aber die Behandlung damit scheitert oft, deshalb wollen wir in den nächsten zehn Jahren eine ganze Reihe neuer Präparate entwickeln lassen. Ein Impfstoff hat da höchste Priorität, aber wir brauchen auch bessere Medikamente.
Sprechen Sie über solche Probleme auch mit Ihren Kindern?
Melinda Gates: Wir machen ihnen klar, wofür wir stehen, natürlich immer auf einem angemessenen Niveau. Unsere älteste Tochter ist zehn und unsere jüngste dreieinhalb. Wenn wir mit ihnen über die Ungleichheiten in der Welt sprechen, und wir tun das häufig, dann reden wir etwa darüber, wie es wohl ist, als Kind in einem südafrikanischen Township aufzuwachsen. Und wie es ist, wenn man wie bei uns zum Doktor geht und die richtige Medizin bekommt und hier eben nicht. Natürlich versuchen wir ihnen auch zu erklären, was wir unternehmen wollen, damit diese Ungleichheiten beseitigt werden.
Welche Fragen stellen die Kinder?
Bill Gates: Der Siebenjährige fragte einmal, was er davon halten solle, daß wir das meiste von unserem Geld in die Stiftung geben. Er wollte wissen, ob das etwas darüber aussagt, wie sehr wir ihn lieben. Darüber mußten wir natürlich mit ihm sprechen und ihm klarmachen, daß auch er noch viele Chancen hat, große Dinge zu erreichen. Aber das meiste Geld sollte nun einmal zurück in die Gesellschaft fließen.
Melinda Gates: Wir haben vor kurzem gemeinsam ein Video gesehen, auf dem ein indisches Kind mit Kinderlähmung zu sehen war. Die erste Reaktion der Kinder war: Helft ihr diesem Kind da.
Bill Gates: Ja, das war wirklich spannend. Wir konnten ihnen einfach nicht sagen, wer dieses Kind ist, wie es heißt. Die Kinder denken nicht über sechs Milliarden Menschen nach, sie wissen nicht, wie groß die Probleme in der Welt sind. Sie sehen nur dieses kranke Kind.
Die Kinder fragen also nicht, wieviel Geld benötigt wird, um alle Kinder dieser Welt vor den gefährlichen Infektionskrankheiten zu bewahren?
Bill Gates: Sie lernen natürlich etwas über Geld, Zahlen und Medikamente. Aber sie brauchen noch ein paar Jahre, um all das richtig zu verstehen. Sie haben noch kein Gespür wie die meisten Menschen, die es wie ich einfach nicht verstehen können, warum die Welt bisher so wenig investiert hat in die Entwicklung von Medikamenten gegen diese furchtbaren Krankheiten. Die Menschen können nicht verstehen, warum wir bisher so versagt haben, diesen Dingen ein Ende zu setzen. Sicher werden unsere Kinder bald auch dafür einen Sinn entwickeln.
Wann können Sie von sich sagen, daß Sie Ihre Stiftungsziele erreicht haben?
Bill Gates: Wenn wir über Impfstoffe gegen Aids, Malaria und hoffentlich auch gegen Tuberkulose verfügen. Vakzine sind etwas Wunderbares. Für geringe Kosten kann man eine lebenslange Immunität erzielen, gleich ob es sich um Menschen in den Townships, Frankfurt oder Seattle handelt. Das verändert alles.
Melinda Gates: Natürlich sind die Risiken groß, und natürlich wissen wir, daß es bis zu einer Aids-Vakzine noch zwanzig Jahre dauern kann. Deshalb haben wir auch andere Projekte. Wir arbeiten zum Beispiel an Mikrobizid-Gelen, die Frauen zu ihrem eigenen Schutz anwenden können. Das wird hoffentlich schon in fünf bis sieben Jahren verfügbar sein. Und natürlich setzen wir auf Prävention.
In Indien haben wir mit zweihundert Millionen Dollar ein Aufklärungsprogramm gestartet, damit die Epidemie dort gestoppt wird, ehe sie exponentiell zunimmt. Wir wollen das Geld nun einmal nicht in den Aufbau eines Museums oder in die Perfektionierung eines Sinfonieorchesters stecken, sondern dort hinein, wo die größte Ungleichheit herrscht.
Manchmal wird Ihnen vorgeworfen, daß Sie allzusehr auf technische Lösungen setzen, von denen keiner weiß, was daraus wird, die sozialen Aspekte der Wohltätigkeit dafür aber opfern. Brauchen wir nicht auch eine moralische Revolution, damit die Hilfe nachhaltig wirkt?
Bill Gates: Die Weltgemeinschaft hat mit den Millenniumszielen ja schon die Vorgaben an die politischen Führer formuliert. Viele Länder tun auch etwas. Man hat in den letzten fünf Jahren schon viel Geld in zwischenstaatliche Fonds wie den Global Fund eingebracht, aber natürlich müssen wir mehr tun. Ohne die Unterstützung der Staaten, die ja auch die Infrastruktur zur Verfügung stellen müssen, können wir nicht erfolgreich sein.
Welche politische Rolle kann dann Ihre Stiftung beispielsweise in Südafrika übernehmen, wo die Regierung lange die Bekämpfung der Aidsepidemie torpediert hat?
Bill Gates: Inzwischen geht die Zahl der Menschen, die eine Behandlung erhalten, auch hier hoch. Natürlich würden wir gerne noch mehr Erfolge sehen. Die meisten Fortschritte gehen ganz klar auf das Konto der Aktivisten. Vielleicht brauchen die Aktivisten ja noch mehr Unterstützung. Der öffentliche Druck auf die politischen Parteien wächst jedenfalls, und vielleicht werden sie sich in den nächsten Wahlen zu überbieten versuchen, wer das meiste gegen Aids tut.
Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen würden: Unsere Mission ist gescheitert?
Melinda Gates: Natürlich wären wir enttäuscht, wenn die Impfstoffentwicklung länger dauern würde als die zwanzig Jahre, die wir anpeilen. Aber das würde nicht bedeuten, daß wir gescheitert sind. Wir arbeiten dann einfach weiter.
Bill Gates: Das ist der Vorteil, wenn man früh damit genug anfängt, wenn man noch so jung ist wie wir. Das unterscheidet uns von Politikern. Wir nehmen jede langfristige Herausforderung an.
Das Gespräch führte Joachim Müller-Jung.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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